Aus den Tagebüchern meiner Lust
von Clemens
Ich bin dreizehn Jahre alt. Wenn Schwimmunterricht auf dem Stundenplan
steht, sitze ich im Elektrorollstuhl im chlordunstigen Foyer des
Hallenbads und beobachte meine nichtbehinderten Klassenkameraden durch
die Glasscheiben. Nein, es sind vielmehr meine Klassenkameradinnen,
denen meine Blicke gelten. Zentimeter für Zentimeter saugen sich meine
Augen an ihren eng anliegenden Badeanzügen fest. Einige Mädels haben
schon ausgesprochen weibliche Formen, und auch meine verborgenen
Fantasien sind gar nicht mehr kindlich. Möglichst unauffällig rutsche
ich auf meinem Sitzkissen hin und her. Niemand ahnt, was ich da tue.
Mein Glied klemmt irgendwo da unten in der Hose und reibt sich zwischen
Oberschenkeln und Polster immer steifer und größer. Mein Herz schlägt
mir bis zum Hals. Ich atme nur noch stoßweise. Aber ich kann mein
Pokerface wahren, als ich im Anblick der feuchten Mädchenkörper endlich
meine heimliche Erlösung finde. Ich erreiche meinen Schwanz schon lange
nicht mehr mit den Händen. Sie sind zu schwach und meine Arme zu verkrümmt.
Ich bin sechzehn Jahre alt. Zur Zeit feiert immer irgendwer irgendwo
eine Party, und fast immer werde ich eingeladen. Jedesmal freue ich mich
riesig. Und ich leide jedesmal wie ein Tier. Man schätzt mich als netten
Kumpel und einfühlsamen Discjockey, und so darf ich schließlich die
Platten und Kassetten auflegen, wenn die anderen endlich beim
Tagesordnungspunkt Stehblues angekommen sind. Im schummrigen Licht sehe
ich zu, wie sie sich näherkommen, sich befühlen, sich küssen und mit
geschlossenen Augen in andere Sphären entschweben. Und mitten im
Getümmel ist immer auch das Mädchen meiner Träume, das vermutlich nichts
von meinen Gefühlen ahnt. Ich koche vor Eifersucht, ich erfriere in
Einsamkeit.
Ich bin achtzehn Jahre alt und wieder einmal heftig verliebt. Aber
diesmal ist alles anders. Meine Liebe wird erwidert. Wir werden ein
Paar. Kein Gefühl muss mehr geheim und einsam sein. Wir entdecken
miteinander einen siebten Himmel nach dem anderen. Der Absturz kommt
unerwartet. Nein, Sex möchte sie mit mir nicht haben. Wir trennen uns
und fallen uns schon am nächsten Tag wieder in die Arme. Unsere Liebe
ist einfach zu groß. Meine Lust leider auch. Ich liebe und leide ein
ganzes Jahr lang. Dann passiert das Unglaubliche. Eines Abends legt sie
meine Hände auf ihre großen, weichen Brüste, und endlich finden auch
unsere gierigen Körper zueinander. Ein weiteres Jahr lang scheinen wir
die glücklichsten Wesen des Universums zu sein. Doch die Frau meines
Lebens muss erkennen, dass ich ihr körperlich nicht die Erfüllung
bringen kann, die sie sich ersehnt. Und dass ich nicht der Mann ihres
Lebens bin. Monatelang durchleiden wir eine Trennung, an der jeder von
uns beiden fast zerbricht.
Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und gestehe einer guten Freundin ganz
unverblümt meine Liebe. Genauso offen gesteht sie mir, dass auch sie
gerne mit mir zusammen wäre. Allerdings könne sie sich eine
Liebesbeziehung mit einem behinderten Mann einfach nicht vorstellen. Ich
nicke nur. Daran gehe ich mittlerweile nicht mehr zugrunde. Aber ich
werde sehr still und leer.
Dennoch: ich höre nicht auf, mich immer wieder zu verlieben. Und manche
Frauen lassen sich tatsächlich mit all ihrer Leidenschaft auf mich ein.
Sie sind augenscheinlich genauso vernarrt in mich wie ich in sie.
Irgendetwas an mir scheint ja doch sehr anziehend zu sein. Aber schon
nach Wochen oder Tagen ist alles wieder vorbei. Nein, es liege nicht an
mir, höre ich immer wieder. So vergehen die Jahre. Um mich herum finden
immer mehr Bekannte ihre Partner und Partnerinnen. Auch die, die wie ich
schwer behindert sind. Ich sehe ihre Zweisamkeit, ihre Zärtlichkeiten,
ihr Glück und verbiete mir jede Eifersucht. Die Liebe sei ihnen gegönnt.
Aber auch mir würde ich sie gönnen. Meine Hoffnungen fühlen sich an wie
Folterinstrumente, mein Optimismus ist so aufmunternd wie ein Witz ohne
Pointe.
Ich bin dreißig Jahre alt und setze eine Kontaktannonce in ein
Anzeigenblatt. Eine Frau meldet sich. Wir telefonieren nächtelang.
Wochenlang. Bald weiß sie alles, wirklich alles über mich. Und doch
errege ich sie von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Und sie mich. Meine
Behinderung ist kein Problem für sie. Ich höre erstaunt, wie sie vor
Sehnsucht und Lust vergeht, wie sie fast daran verrückt wird. Sie will
mich mit Haut und Haar, mit Leib und Seele. Ein Wunder geschieht. Ich
fühle, wie wir in unserer Begierde miteinander verschmelzen, obwohl wir
uns immer noch nicht wirklich kennen. Es ist an der Zeit, das
nachzuholen. Eines Tages nimmt sie den Zug und besucht mich in meiner
Wohnung. Und schon an der Tür erstarrt ihr Gesicht. Auf einen Schlag
wird sie kreidebleich. Fassungslos sieht sie mich an. Sie schüttelt den
Kopf, ihre Knie werden weich, sie muss sich setzen. Sie sitzt an meinem
Esstisch, blickt ins Leere und weint. Wir beide weinen. Wir müssen nicht
mehr viel reden, alles ist gesagt. Mein Körper ist und bleibt die größte
Barriere meines Lebens. Ich gebe die Suche auf. Für immer.
Ich bin jetzt vierzig Jahre alt. Es ist eine schwüle Hochsommernacht,
meine Frau und ich liegen nackt und schweißüberströmt nebeneinander. Vor
sieben Jahren haben wir uns gefunden und eineinhalb Jahre später
geheiratet. Noch keinen Moment lang haben wir das bereut. Wir drücken
uns laut atmend aneinander. Gerade eben haben wir miteinander einen so
unsagbaren Höhepunkt erlebt, dass wir beide gar nicht mehr aufhören
können zu beben. Meine Frau hat sich vor lauter Lust fast die Seele aus
dem Leib geschrien. Die gesamte Nachbarschaft muss das gehört haben. In
der nachfolgenden Stille sehe ich plötzlich im Geiste mich selbst. Nicht
hier im Bett, sondern als der, der ich einmal war. Ich bin ein Mann in
einer dieser anderen Wohnungen und höre, wie der orgiastische
Frauenschrei durch die Nacht gellt. Und ich weiß nur zu gut, was das
Paar dort gerade tut. Mein Herz krampft sich zusammen. Dieses Glück wird
nie meines sein. Ich bin lebenslang zum Alleinsein verurteilt, gefangen
in einem Körper, den niemand lieben kann. Ich ersticke fast an meiner
Lust. Wie aus einem Traum erwachend merke ich, dass mich in diesem
Moment der leidenschaftliche Kuss meiner Frau zu ersticken droht. Ich
muss lachen. Und mir kommen die Tränen. Die Erinnerungen sind alle noch
lebendig.
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