Eine Träne von Dir
von Stefan Fauk

Wir hatten uns wieder einmal gestritten, der Alltag holte uns schnell ein. Ich fuhr morgens um 7.30 Uhr zur Arbeit, Beate machte den Haushalt und fuhr in die Stadt. Wir hatten uns über die Jahre eine kleine Zukunft aufgebaut, eine kleine Eigentumswohnung auf dem Land gekauft, keine große Sache, klein aber gemütlich. Ein billiges gebrauchtes Auto und etwas mehr. Die Jahre vergingen, aus einstiger Liebe wurde schnell Gewohnheit, die Frau die mich damals ansprach, hatte sich über die Jahre mit mir verändert und es flogen doch häufiger mal die Fetzen. Wir machten uns gegenseitig Vorwürfe, war das damals alles so richtig? Die Frau von der Strasse, die da stand und mich ansprach. Eines Abends, wir saßen Beide vor der Klotze, stand Sie auf, einfach so, fing an zu schlucken, als ob Sie die Tränen verbergen wollte, es fiel mir schwer, etwas zu sagen, da ich wusste, der Grund war Ich. "Was hast Du?" fragte ich sie zurückhaltend. "Was ich habe?" sagte sie mit verschärftem Ton. "Wo bist Du denn? Bist Du überhaupt noch für mich erreichbar? Bist du überhaupt noch der, der Du einmal warst? Akzeptierst Du überhaupt noch meine eigene Vergangenheit? Ich habe irgendwie immer mehr das Gefühl, auch wenn du es nie aussprichst, dass Du mir ständig vor Augen halten willst, wo ich eigentlich herkomme, was ich eigentlich war! Habe ich das nach all den Jahren mit Dir verdient? Was bist Du eigentlich? Lass mich doch einfach in Ruhe!" Ich sah sie an. Musste erstmal ein wenig schlucken. "Beate, bitte hör auf mit diesen Vorwürfen, die nicht stimmen. Deine Vergangenheit interessiert mich keinen Meter. Du bist die Frau, die ich damals vom ersten Moment an geliebt habe und die ich heute noch unendlich liebe." Einige Zeit Funkstille. Die Kerze flackerte immer weniger, so wie ein kleiner Hoffnungsschimmer, der noch im Raum stand. Die Luft war dick, so dick wie eine Bombe, die jeden Augenblick hochgehen konnte. "Beate, ich brauche Dich!" Zärtlich nahm ich sie in den Arm. Wir fingen wieder an zu schmusen, was wir eigentlich schon fast verlernt hatten. Ich hatte wieder ihren Geruch in der Nase, diesen Geruch, von süßlichem Parfüm, wie damals, als wir uns zusammen auf der Straße unterhalten hatten, wie damals, als sie irgendwann vor meiner Tür stand, ein sehr angenehmer Duft. Sie lag in meinen Armen, ihr Hals an meinem Kopf. Ich liebkoste sie, wie damals. Sie lies sich gehen. Sie meinte nur: "Denk nicht, dass ich dir helfe!" Ich nahm ihr Ohrläppchen in den Mund, liebkoste ihre Nase, wie zwei Eskimos bei ihrer Begrüßung. "Ich hatte die Samtheit Deiner Nasenspitze vergessen." Ich streichelte über ihre Lippen die doch irgendwann sehr rau schmeckten. Ich liebkoste sie weiter. Sie war ganz still, als ob sie mir zeigen wollte, ich werde dir keinen Meter helfen, was mir durch meine Spastik nach wie vor schwer viel. Also, Not macht erfinderisch. Also nahm ich einfach den BH-Träger in den Mund, bis er soweit gedehnt war, dass er automatisch runterfiel. Ich liebkoste sie weiter, in mir stieg wieder das Gefühl hoch, von einer angenehmen Erregung und ich fragte mich irgendwann, was hast Du eigentlich alles die Jahre verpasst? Ich liebkoste sie weiter, bis zu ihrem Schoß, der angenehm rasiert war und sehr angenehm roch. Ein Erlebnis, das mir all die Jahre verschlossen geblieben war. Beate und ich lagen nach langer Zeit wieder Arm in Arm im Bett und wir beide hatten Tränen in den Augen und schworen uns, dass so eine Situation des Auseinanderlebens nie wieder vorkommt.
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