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Lilli und ich
von Stefan Fauk

Bild Stefan Fauk

Rote Augen, schwarze lange Haare. Du sitzt da, mitten in der Fußgängerzone. Vor dir ein kleines Döschen mit einer Aufschrift, die kein Mensch entziffern kann. Du siehst aus wie ein kleines Opferlamm. Deine Haare schwarz, etwas verklebt vom Dreck auf der Straße. Du sitzt da, mit deiner braunen Haut, wie eine Afrikanerin, die sich nicht traut sich zu zeigen, gleich einer Glasperle, die eingehüllt ist, weil sie Angst hat zu zerbrechen. Deine Augen rot und leer. Du sitzt eben da, mitten in der Fußgängerzone. Hier ein paar Cent für dich. Jeder geht weiter, ohne jegliche Beachtung. Flüchtig schaue ich dich an. Fahre einfach an dir vorbei.

Einige Meter weiter ein Zischen. Reifen platt! Nun stehe ich da. Bin in derselben Situation. Jeder geht an mir vorbei. Keine Beachtung für den Notfall. Das Mädchen, an dem ich eben noch vorbeigefahren bin, steht plötzlich vor mir. Gebrochene Worte kommen aus ihrem Mund und rot leuchtende Augen schauen mich fragend an: "Kann ich dir helfen?" Verdutzt schaue ich sie an. Dasselbe Mädchen, an dem ich eben noch vorbeigefahren bin, bietet mir ihre Hilfe an. Entschuldigend sagt sie: "Sorry. Ich deutsch nicht gut." Weiter meint sie: " Wo du wohnen? Soll ich schieben dich? Ich eh dreckig!"

Erstaunt und dankbar stimme ich ihr freudig zu, wobei ich ihre Hilfsbereitschaft immer noch kaum fassen kann. Ich meine zu ihr: "Ja, ähm danke. Lieb von dir. Nur der Rollstuhl ist sehr schwer." Sie antwortet in gebrochenem deutsch, sie habe kein Problem damit, den schweren Rollstuhl zu schieben. Ich erkläre ihr, wie man den Elektrorolli auf manuell umstellt. Also geht es los. Meine Wohnung liegt 3-4 Kilometer von der Innenstadt entfernt. Das schlechte Gewissen plagt mich. "Kannst du noch? Mach doch mal Pause! Halt doch mal an!", versuche ich sie zu ermutigen. Sie meint nur:" No! Ich schaffen das!" und schiebt mich eifrig weiter. Unterwegs bemerke ich Blicke. Blicke, die einen Spastiker und eine verschmutzte schwarze Frau treffen. Wut steigt in mir hoch. Ich frage:" Na wollt ihr einen Schnappschuss von uns machen? Sind wir denn so eine Sensation?" Die junge Frau lacht laut. Irgendwann meine ich zu ihr: "Sag mal, wie heißt du denn eigentlich?" Sie gibt mir die Hand, zeigt auf sich und sagt: "My name is Lilli!" und gibt mir ein Begrüßungsküsschen auf die Wange:" And du?" "Stefan!" Wir gehen weiter.

Endlich zu Hause angekommen, total außer Atem, macht sie wie selbstverständlich die Tür auf, begleitet mich nach drinnen, setzt mich in meinen Handrollstuhl und bringt mich in meine Wohnung. Als sie die Tür der Wohnung aufgeschlossen hat, streichelt sie mir über die Wange. Dann meint sie zu mir: "Ich gehen wieder los! Schön dich kennen lernen!" Ich sage zu ihr: "Du bleibst erstmal da! Du hast sicherlich Hunger!" Leuchtende Augen blicken mich an; "Ja! Und Wie!" "Pizza?", frage ich und ihre Augen fangen noch mehr an zu leuchten, wie die eines kleinen Kindes an Weihnachten. Ich bemerke, wie sie ihre eigenen Worte herunterschluckt. Ich sehe ihre Augen, wie sie sich selber anschaut, als ob sie mir sagen wolle, schau mich doch an, ich habe kein Geld! Dabei rollen zwei, drei Tränen über ihre Wangen. Ich mache ihr klar, dass ich sie zu einer Pizza einlade und zeige ihr, wo Handtücher sind, falls sie sich duschen wolle. "Ich dürfen duschen?", fragt sie mich überrascht und ich nicke nur zustimmend. Ich nehme den Telefonhörer in die Hand, um die Pizza zu bestellen, da sehe ich, wie Lilli ein Kleidungsstück nach dem anderen ablegt. Da steht sie nun nackt vor mir, als ob das selbstverständlich wäre. Anstatt sich irgendwas zu denken sagt sie nur: "Danke, das ich dürfen duschen!" Ich bin erstaunt über ihre Dankbarkeit und ihre Art, als ob es ihr nichts ausmache, dass ich sie jetzt so sehe, wie Gott sie erschaffen hat.

Ein wunderschöner Körper, den ich so nie gesehen hatte, steht vor mir und streichelt mir über die Wangen. Dann verschwindet sie in der Dusche. Fragen schießen mir durch den Kopf: "Was machst du jetzt?" Zwischendurch klingelt der Pizzamann und liefert seine Ware ab. Ich rufe ins Bad: "Lilli! Pizza ist da! Es gibt Essen." "Komm rein, ich nix verstanden!" Also mache ich die Tür auf, hatte vorher noch einen Schlafanzug aus meinem Schrank geholt und nehme ihn mit ins Bad. Da steht sie; eine wunderschöne Frau, wie aus einem Märchen, wie im Traumland, ein wunderschönes Bild, ein Bild von einer schwarzen Frau auf einer weißen Wolke. Ich lege ihr meinen Schlafanzug auf das Waschbecken und verziehe mich ganz schnell wieder aus dem Bad. Wir essen zusammen zu Abend, es wird immer später. Irgendwann meine ich zu ihr: " Kommst du mit ins Bett?" Sie fragt: "Bett?", als ob sie Betten nicht kenne. Ich nehme ihre Hand, führe sie in mein Schlafzimmer und sage zu ihr: "Lilli, schau mal durch das Fenster, schau in den Himmel. Siehst du die Sternschnuppe. Wünsch dir was!" Ich lege meinen Arm um ihren Hals, dabei legen wir uns zusammen ins Bett. Ich lege meinen Arm unter ihren Kopf. Da liegt sie nun, die erste Frau, die in meinen Armen einschläft. Ein Gefühl, das ohne jegliche Hintergedanken, wunderschön ist.

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