ER - Das Maß aller Dinge
Karin Steiner*
"Das höchste der Gefühle wäre, die fabs in zehn Jahren wieder schließen zu können, weil es sie nicht mehr braucht"
Gelungene Beziehungen zwischen behinderten und nicht behinderten Partnern
gibt es Gott sei Dank immer öfters. Es ist eine Errungenschaft des
ausgehenden 20. Jahrhunderts, dass eine Vielfalt an Beziehungen
gesellschaftlich immer mehr toleriert wird und Männer oder Frauen, die im
Rollstuhl sitzen, mit gehenden Partnern glücklich werden können.
So gesehen ist die nachstehende Geschichte - hoffentlich - eine Ausnahme,
denn sie handelt vom genauen Gegenteil: von der "Mitleidsfalle" für den
nichtbehinderte Partner.
Es geht hier nicht um Schuldsprechnungen oder Verurteilungen, sondern
lediglich darum, den Blickwinkel neben der Verliebtheit zu schäften und
gleichzeitig ist es eine Warnung, sich selbst aus Liebe zum Partner nicht zu
verlieren. Der Bericht entspricht jedoch leider gleichzeitig auch den
Klischees, die man von einer derartigen Beziehung haben kann. Die handelnden
Personen sind real und die Geschichte ist wahr.
Wir lernen uns kennen
Ich wusste schon sehr lange von Christian*. Wir sind uns auch gelegentlich
begegnet, aber es kam zu keinerlei persönlichem Kontakt. Immer wieder
kreuzten sich unsere - beruflichen - Wege; bis zu jenem Julitag, an dem wir
abends gemeinsam einen Heurigen besuchten. Dieses als berufliche Treffen
deklarierte entwickelte sich sehr rasch zu einem privaten, denn Christian
machte mir unverhohlen Komplimente und hielt mit seinem Ansinnen nicht
hinter dem Berg, auf der Suche nach einer Freundin zu sein und eine
Beziehung eingehen zu wollen. Er sei einsam, und die Frau in seinem Leben
fehle ihm eben, er sei alt und geläutert genug, er wolle eine feste Bindung
eingehen und gedenke auch zu heiraten, wenn "es" passen sollte. Nun, er
glaube, ich sei diese Frau und ob wir nicht ...
In mir sträubt sich Anfangs alles. Ich hatte mich einfach noch nie mit dem
Gedanken auseinander gesetzt, wie es wäre, würde mein Partner im Rollstuhl
sitzen. Was würde da auf mich zukommen, worauf würde ich verzichten müssen?
Ich beobachtete zwar wohl andere Beziehungen zwischen rollstuhlfahrenden und
gehenden Menschen und machte mir Gedanken über deren Qualität; ich verspürte
jedoch weder den Wunsch, noch hegte ich eine Abneigung gegen einen Mann im
Rollstuhl. Und jetzt war es so weit, jetzt war ich von einem Moment zum
anderen genötigt, mir meinen Partner im Rollstuhl sitzend vorzustellen.
Meine Intuition, mein "Bauchgefühl" am Anfang einer Partnerschaft, sagten
"Ja - der ist der Richtige für Dich!" Er sprach meine Sprache und ich seine,
so schien es mir.
Die Zeit mit ihm
Ich habe mich mit ihm eingelassen, und die Beziehung hat etwas mehr als
sieben Monate gedauert. Ich würde mich durchaus als Sinn-suchenden Menschen
bezeichnen, und so wurde mir schon bald klar dass ich mit seiner Art, das
Leben zu sehen, auch meine Richtung gefunden zu haben glaubte und mich seine
Sensitivität im Umgang mit Menschen stark beeindruckte. Zudem verfügte
Christian über ein enormes Wissen in verschiedenen Bereichen, was ich für
mich als neugieriger, wissensdurstiger Mensch als sehr bereichernd empfand.
Ich hing buchstäblich an seinen Lippen.
Schon bald aber musste ich die Erfahrung machen, dass ausschließlich seine
Wünsche und Bedürfnisse zählten, und meine Bedürfnisse, die ich äußerte, nur
im Rahmen seiner Welt Platz hatten. Luden mich etwa meine Freunde zu meinem
Geburtstag (Partner inkludiert) zum Essen ein, dann musste das Lokal nach
seinen Bedürfnissen ausgewählt werden, denn schließlich musste es
rollstuhltauglich sein; aber auch hier wurden meine Vorschläge keineswegs
berücksichtigt. Ins Lokal selber fuhren wir mit meinem Auto, denn für ihn
sei es viel zu anstrengend, am Abend noch ins Stadtzentrum zu fahren und
dann dort noch einen Parkplatz zu suchen, meinte er.
Ebenso klar war es, dass unsere Treffen - außer zwei Mal - ausschließlich in
seiner Wohnung stattfanden und ich jedes Mal den weiten Weg zu ihm hinaus an
den Stadtrand fahren musste. Hatte ich untertags eine Unzahl von kleineren
Diensten für ihn erledigt und gingen wir dann - ausnahmsweise einmal - am
Abend essen, dann durfte ich mir meine Zeche selber bezahlen.
Am Weihnachtsabend selbst kam es zu einem hässlichen Streit, im Zuge dessen
er ein volles Weinglas gegen die Wand schleuderte und mich dabei nur knapp
verfehlte. Auslöser dafür war, dass er wünschte, ich solle am nächsten Tag
am Nachmittag aus seiner Wohnung verschwinden, denn da bekäme er Besuch von
seiner Kärntner Freundin - wobei das in diesem Fall keine sexuelle Beziehung
war - und die sei nun mal schrecklich eifersüchtig und ich würde deshalb
hier eben fehl am Platz sein. Auf die Ungeheuerlichkeit seines Ansinnens
angesprochen, reagierte er cholerisch. Als ich mich daraufhin gegen 1h
morgens ins Bett zurückzog - zum Nachhause fahren war ich zum Zeitpunkt des
Streits schon viel zu müde und hatte auch schon zu viel Wein getrunken -
weckte er mich bis 3h Morgens zweimal auf und verlangte, ich solle mich zu
ihm setzen und noch ein Glas Wein trinken, was ich dann auch tat, um endlich
meine Ruhe zu haben.
Gegen Mitte Jänner kam ich eher durch Zufall drauf, dass da noch eine zweite
Frau im Spiel war, und dies offensichtlich schon von Beginn unserer
Beziehung an. Ich stellte ihn mehrmals zur Rede; seine Reaktionen drauf
waren immer fast stereotyp gleich: Leugnen, "bitte nicht schon wieder eine
Beziehungsdiskussion" oder "mit jedem Streit wird meine Liebe zu Dir
schwächer!". SEINE Meinung und sein Wille galten, sonst war da und breit
nichts. Er war der Mittelpunkt in seinem eigenen Universum, dahinter war
gähnende Leere.
Turbulenzen vorprogrammiert
Christian führte von Beginn unserer Beziehung an eine Beziehung mit zwei
Frauen, die wiederum nichts voneinander wussten!
Ende Februar nahm ich nicht gerade unspektakulär meine Sachen und verließ
ihn. Ca. drei Wochen später ein berufliches Mail mit einem Ps.: Ich würde
ihm fehlen und ob ich denn in der Woche darauf nicht vielleicht Zeit für
einen Tratsch hätte. Bis Ende April kam es zu zwei Treffen, die einmal im
Streit und einmal sehr harmonisch endeten. Jedesmal wies er darauf hin, dass
er sehr gerne wieder Sex mit mir hätte und dass es für ihn ein großer
Verlust sei, keinen mehr mit mir haben zu können.
Dann, Anfang Mai, sein Hilferuf auf meiner Mailbox: Unglücksfall im privaten
Bereich, er bräuchte meine Hilfe. Die geschilderte Situation ließ mich alles
vergessen; ich packte mich zusammen und eilte zu ihm, nahm mir sogar einen
Tag dienstfrei, um ihn unterstützen zu können. An diesem Tag der Anruf einer
Freundin: Ich solle mich mit meinen Gefühlen zurückhalten, sie wisse aus
gesicherter Quelle, dass Christian bereits seit zwei Monaten eine neue
Freundin habe und diese sogar zu heiraten gedenke! Darauf angesprochen kam
die patzige Antwort: "Ich bin Dir keine Rechenschaft schuldig!"
Das kann einem mit einem nichtbehinderten Partner auch passieren, oder?
Wahrscheinlich wissen auch andere Frauen diese und ähnliche
Beziehungsgeschichten zu erzählen, in denen sie belogen, betrogen und
ausgenutzt wurden.
Frühere Beziehungsgeschichten von Christian, die ob ihres Desasters nur
teilweise durchsickerten, waren und blieben unverständlich: Christian ist
doch so ein netter Mann ... Und dass eine Ex-Freundin in der Trennungsphase
sogar mit dem Messer auf ihn losging, schien nur "klar" zu sein, denn die
bedauernswerte Frau war schließlich Tablettensüchtig und zudem
Alkoholabhängig, so seine Version der Geschichte.
Wollten seine (Ex)Freundinnen sich mit ihm auseinandersetzen, dann konnten
sie dies nur schriftlich tun, verbal hatten sie keine Chance. Was tat er? Er
las nicht, was an ihn geschrieben wurde - das ließ er selbst durchsickern;
die Meinungen seiner Partnerinnen interessierten ihn nicht.
Ich sehe die Geschichte rückblickend unter einem besonderen Gesichtspunkt;
denn in unserem Fall wurde das eigene Schicksal immer wieder aktiv und auch
aggressiv mehrmals als Druckmittel eingesetzt.
Christian saß nicht immer im Rollstuhl; er muss diesen seit rund 20 Jahren
benutzen. Er war, als er noch gehen konnte, ein sehr sportlicher Mensch, was
man seinem Körperbau heute noch ansieht. Er erwähnte oft nebenbei, dass er
z.B. auch gerne verstärkt Reisen unternehmen würde, wenn er nur gehen
könnte. Ein anderes Mal, während einer Italien-Kurzreise, als ich ihn
fragte, wann wir eine Ausflugsfahrt mit dem Auto unternehmen würden, fuhr er
mich an: "Wir fahren erst am Nachmittag, ich muss mich erst hinlegen, sitz
du mal die ganze Zeit im Rollstuhl, dass weißt du, warum!"
Da war er wieder, der Vorwurf: "Ja Du, Du hast es ja leicht, Du kannst
gehen!" Seine Argumente waren immer einleuchtend, erweckten gleichzeitig
mein Mitleid; und es kam sowas wie Dankbarkeit hoch, dass ich nicht in
seiner Situation war. Und so stellte ich mich selbst immer mehr zurück,
schleppte, was er nicht tragen konnte, schob ihn im Rollstuhl durch die
Straßen, half ihm über kleinere Stufen in Lokale oder Geschäfte, leistete
gewaltige Anstrengungen, und das, obwohl ich selbst mit akuten
Rückenproblemen kämpfe. Ich lebte ständig mit einem impliziten Schuldgefühl,
weil ich schließlich nicht behindert und deshalb vom Leben so hart gestraft
war.
Aber: Wofür genau sollte ich mich eigentlich entschuldigen?
Ich übernahm immer mehr die Rolle der perfekten Assistentin und legte jene
der Frau und Freundin an seiner Seite immer mehr ab. Ich half ihm auch,
seinen Keller aufzuräumen, weil er ja schließlich nicht hinunterkonnte; und
außerdem rechnete er mir ja ständig vor, wieviel er einer Assistentin zahlen
müßte.
Geduld, so meinte ich, würde in diesem Fall förderlich sein. Ein
verhängnisvoller Fehler!
Nach dem gemeinsamen Weihnachtsabend benötigte ich erst einmal Erholung und
erwog in dieser Zeit ernsthaft die Trennung, weil mir klar war, dass unsere
Beziehung langsam in Psychoterror auszuarten drohte. Nahezu jeder Satz von
mir wurde zerpflückt, eine normale Unterhaltung war zunehmend unmöglich.
Versuchte ich klärende Gespräche, so endeten diese nicht selten mit einem
Hinweis auf seine labile Gesundheitssituation, Stichwort" . lange dauerts eh
nicht mehr..", "ein paar Jahre noch.." usw.
Meine Wertschätzung und Liebe ihm gegenüber waren jedoch so groß, dass ich
es nicht tat. Er wusste um seinen Wert - ständig betonte er, dass er
schließlich "anders" sei und der Durchschnitt ihn eigentlich langweilte. Er
ließ es mich gleichzeitig spüren, dass es eine Ehre sei, mit ihm zu sein und
ihm zu helfen. Er lebte seine subtilen Machtgelüste mit seiner Freundin aus!
Körperliche Nähe, Küsse, ließ er praktisch nicht zu. Sex als reines
Freizeitvergnügen, die Jagd nach Frauen als Hobby, sammeln, so wie es sein
großes Vorbild Ernest Hemingway tat.
Christian leidet an einem erheblichen Realitätsverlust, wie nicht nur ich
ihm, sondern auch viele seiner Frauen bestätigten. Er hätte vermutlich sehr
viel psychosoziale Begleitung gebraucht, um sein neues Leben im Rollstuhl
annehmen zu können. Wahrheit hat bei ihm keinen Stellenwert, seine Welt hat
seinen Gesetzmäßigkeiten zu folgen!
Ich habe schon einige Beziehungen hinter mir, die allesamt unterschiedlich
verlaufen sind und bin derzeit wieder Single. Aber ich kann mir gegenwärtig
nicht vorstellen, jemals wieder mit einem behinderten Mann eine
Liebesbeziehung einzugehen.
*Namen geändert
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