Als Kind hatte ich immer großes Mitleid mit dem Jesuskind. Ich stand oft vor unserer Krippe am Wohnzimmertisch und betrachtete das winzige Baby aus rosa Wachs.
Ganz nackt war es und die wenigen Strohhalme auf denen es lag piksten es sicher ganz fürchterlich in den Rücken. Ein Bettchen ohne Kissen und Decke und ohne Teddybär. Und dann noch die Geschenke von den Heiligen drei Königen - damit hätte ich keine Freude gehabt. Wie schlimm muß es für das kleine Jesuskind sein, wenn es am heiligen Abend all unsere Gaben unter dem Christbaum sieht.
Ich glaubte damals fest daran, dass uns das nackte Kind in der armseligen Krippe daran erinnern soll, dankbar zu sein. Dankbar für Weihnachten, für die Geschenke und für das Festessen.
Die Zeit des Mitleids mit den Jesuskind ist lange vorbei. Soweit ich mich erinnere, war es eine Zeit ohne Einkaufszentren, ohne "Lange" Samstage, und vor allem war da noch kurz nach dem Nikolaus ein Feiertag.
Den armen nackten Jesus gibt es noch immer. Er ist sogar noch viel öfter da. In jedem Geschäft, in unzähligen Schaufenstern, in allen Einkaufszentren und vor allem, in 100facher Ausführung, auf etwa 1000 "traditionellen" Adventmärkten.
Er beobachtet uns: beim Schlangestehen an den Kassen, beim maßlosen Geldausgeben, beim Schimpfen mit unseren quengelnden Kindern, beim Streiten mit unseren Liebsten.
Er wundert sich: über die vielen Dinge, die wir unbedigt besitzen müssen, über die Hast und die Unruhe in der stillen Zeit, über die Gier und die Maßlosigkeit und warum statt Freude und Dankbarkeit immer öfter Ärger und Enttäuschung auf unseren Gesichtern zu sehen ist.
Ich frage mich, ob noch jemand Mitleid mit dem Jesuskind hat?
Wir sollten es beneiden: um seine Bescheidenheit!
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