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Ich bin frei!

Seit etwa einem Jahr bin ich frei! Zumindest 4 Stunden an 3 Tagen in der Woche.
Immer dann, wenn beide Kinder im Kindergarten sind, wenn ich nicht arbeiten muss, wenn nicht gerade wieder Ferien sind, wenn das Auto keine Wäsche oder ein Service braucht, wenn kein Handwerker sich angemeldet hat und dann doch nicht kommt, wenn die Oma nicht zum Arzt muss und wenn nicht der gesamte Wohnzimmerboden klebt.
Diese wenigen Stunden der absoluten Freiheit sind mir heilig. Und ich verbringe sie in der Regel auch nur mit Menschen, die wissen, was "heilige"Stunden sind. Also mit Schicksalsgenossinnen: Frauen mit Mann, Kind, Job, Chaos.....
Eine von ihnen ist Tina. Zumindest habe ich das vor kurzem noch angenommen.
"Tinchen" hat mit mir maturiert, wollte Verhaltensforscherin werden, niemals heiraten, keine Kinder haben, viel Geld verdienen und hatte immer ihren eigenen Kopf.
Ich habe mich riesig über ihre Einladung gefreut. Wie sie jetzt wohl lebt? Und ihr Sohn? Den werde ich ja nur auf Fotos bewundern, denn auch er ist schon im Kindergarten - Mami ist frei!
Voller Erwartung eile ich die Treppe hinauf, bewaffnet mit Blumenstrauß und Sektflasche.
Ob Tina ihr Haar noch so lang und lockig trägt? Ein kurzer Bürstenschnitt stellt sich mir in den Weg. Blaue Augen wie Tina, aber sie ist es nicht. Eher eine "Minikopie". "Bist du die Petra?"
"Du bist schon da?". Schwupp, er schnappt nach dem Blumenstrauß. "Den schenk ich Mama!"
Während ich die Jacke ablege und meine Schuhe auf einer bunten Matte plaziere säuselt meine ehemalige Schulfreundin: "Oh, Kevin, sooo schööne Blumen, danke, Du kleiner Kavalier...", dabei zwinkert sie mir verschmitzt zu. Ich strecke vorsichtig meine Hand in Richtung Tina. "Deine Schuhe stehen auf meiner Matte...", schimpft Kevin, und kickt sie gekonnt hinter den Schirmständer. "Gehst du denn nicht in den Kindergarten?", (du kleiner, frecher, unverschämter Minimacho), frage ich gespielt verwundert. "Er wollte dich unbedingt kennenlernen", verteidigt sich Tina schnell. Ich kenne den Unterton: sag schnell was, bevor deine Kinder die unpassendste aller Antworten finden. Ich luge gespannt in Richtung Wohnzimmer. Bitte Kaffee! Ich habe noch nicht gefrühstückt. Aber zuerst muß ich mir Kevins Zimmer ansehen. Seine Saurier-Sammlung, seine ersten Zeichnungen, seine Legobauwerke die man niemals zerlegen darf.... "Oh, und Ahh und toll", ringe ich mir anstandshalber ab. Ich weiß, Freiheit ist teuer, muß hart erarbeitet werden...., aber ich glaube Kevin weiß das noch besser als ich. Es vergeht noch einige Zeit, bis ich am richtigen Stuhl beim Eßtisch sitze. "Da sitzt immer der Papa, da die Oma und da sowieso ich, weil da sieht man am besten zum Fernseher.."
"Am Vormittag sind doch immer ganz tolle Kindersendungen,"wage ich einen Befreiungsversuch. "Dürfen deine Kinder etwa immer Fernsehen.....?!!!!", kreischt Tina. Jetzt folgt ein Vortrag über pädagogisch wertvolle Spiele, über die Gehirnschädigung bei Kindern unter 6 Jahren durch planloses Fernsehen, und.... ach, ich weiß es nicht mehr...Ich denke an unsere Gemeinsame Schulzeit, an unsern Skikurs, an deinen ersten Freund Tina, ... was ist aus ihm geworden? Was macht dein Mann? Was machst du? Erinnerst du dich noch, wir wollten mal gemeinsam nach Amerika auswandern.....! Ich schlürfe meinen schwerverdienten Kaffee. Kalt. Denn wir spielen "UNO". Das spielt Kevin am liesten und am besten. Er schummelt auch ganz gut, was, wahrscheinlich pädagogisch sinnvoll, übersehen werden muß. Kalter Sekt wäre mir jetzt lieber. Aber Tina meint, ich hätte Kindersekt besorgen sollen, denn wir können doch nicht neben dem Jungen Sekt trinken und ihn mit Saft abfertigen. Niemals! "Das Kind ist dein gleichberechtigter Partner", so mein Tinchen. Dann passiert das Wunder: Kevin verschwindet in seinem Zimmer: "Wie geht's dir Tina?"..... Ich erfahre in Kurzfassung alles über Kevins Geburt, seinen ersten Zahn, seinen ersten Durchfall, seine Talente......"Ach weißt du Tina, ich denke oft......" "Maaaama", kommandiert es aus dem Kinderzimmer. Ich schiele verstohlen auf die Uhr. Ganze zehn Minuten Freiheit für Tina und mich. Kevin hat ein Zelt konstruiert, "woooo" und das ganz alleine "woooo", da wird der Papa aber staunen. Ich soll auf den Knien in den kratzigen, muffigen Deckenhaufen kriechen. "Komm schon....", Tina guckt mit zerzaustem Haar und hoch rotem Kopf aus dem Zeltchaos. Ich schaue auf die Uhr. Waaas!Halb zwölf! Nur noch eine halbe Stunde Freiheit und ich muß noch Einkaufen, Fotos abholen und Palatschinkenteig anrühren...! "Mama, du bist der Gefangene..", höre ich Kevins gedämpfte Stimme. "Tschüüüs Tina, danke für die Einladung!" Meine Freundin will sich aus ihrem muffigen Gefängnis befreien, aber ihr Peiniger hat sie mit Plastikhandschellen ans Tischbein gefesselt. "Du weißt ja, wie das ist mit den Kindern..", schnauft meine selbstbewußte, willensstarke und karrieresüchtige Schulfreundin. "Komm mich doch mal besuchen, oder wir gehen ins Kino oder zum einkaufen oder schön Essen...", aber ich glaube sie hat das nicht mehr gehört. Ich habe es ja auch ganz leise gesagt, beim Türezumachen. Denn am Ende nimmt sie Kevin mit!


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