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Der Ernst des Lebens - wer ist Ernst?

Können sie sich noch an ihre Grundschulzeit erinnern?
Natürlich, schließlich sind sie noch immer in der Lage Druckschrift zu lesen und Schreibschrift zu schreiben. Nein - ich meine die Gefühle eines winzig kleinen sechsjährigen Volksschülers - seine Gedanken, seine Ängste. Ich gestehe: bis vor wenigen Tagen hatte ich meine früheste Schulzeit gut verdrängt. Ich erinnere mich nur daran, dass ich mich vier Jahre lang irgendwie nicht wohlfühlte. So um die Osterzeit dieses Jahres schlich sich eine nagelneue, ergonomisch geformte, trendfarbige Schultasche samt Zubehör in meinen Kleinkinderhaushalt.Und mit ihr unzählige "blöde" Fragen und Kommentare. "Und, freust dich eh schon auf die Schule? Ja? Na das wird sich schnell ändern. Da weht ein anderer Wind, da werdens dir die Wadeln schon vorrichten. Aus die schöne Zeit, der Ernst des Lebens beginnt. Meine Schulanfänger-Tochter hat darauf mit ungläubigen Blicken und zeitweiliger Taubheit reagiert.
Der grosse Tag "Null" kam, und es stellte sich heraus, dass mein Kind scheinbar all diese Weisheiten aufgesaugt und irgendwie ernst genommen hat. Vor allem die pädagogisch wertvolle Feststellung "Wennst dieses und jenes nicht kannst, werden dich die anderen Kinder aber auslachen", hat sich mein kleines dünnes Mädchen zum Motto für ihren ersten grossen Schritt in die rauhe Welt der Erwachsenen auserkoren. Also sagt sie erst einmal nichts mehr, denn die ersten Lacher sind bereits gefallen und unzählige Tränen schon geflossen.
Und, was tut die pflichtbewußte, aufgeschlossene, überaus besorgte Mutter? Sie marschiert zur Frau Lehrer direkt an den Ort des Geschehens - in die nach neuesten Erkenntnissen modernisierte und perfekt ausgestattete Volksschule. Schon am Eingang stelle ich fest - der Geruch ist seit mindesten 25 Jahren an allen Grundschulen des Landes der absolut gleiche. Verschwitzte Turnschuhe, modrige Tafeltücher, scharfe Putzmittel, tropffreier UHU-Pick, lauwarme Schulmilch und Kinderangst. Es hat sich also nicht wirklich viel geändert und ich fühle mich sofort wieder heimisch und unwohl. Ich erinnere mich plötzlich wieder ganz deutlich an meine erste Schulzeit. An stundenlanges Stillsitzen, Schönschreibhefte, Rechenkönige, Buchstabierwettbewerbe, Zahnzuckerl, Anstellen am Klo, Belohnungssternchen die ich nie bekam, sonnige Nachmittage mit endlosen Hausübungen, Ansagen und Gedächtnisübung, an "brav", "sehr brav" und "nur Hagerl", an Gemüsetage, Schulgottesdienst- und Arzt. Die Frau Lehrer ist jung und motiviert. Schüchterne und ängstliche Kinder sei man ja heute gar nicht mehr gewöhnt. Eher die Vorlauten, die nicht zu bremsenden, die Alleswisser mit dem Mammut-Selbstvertrauen, zum Star geboren, den Grundstein zur Karriere bereits fest einbetoniert. Heute haben Kinder an der Schule Spass - und zwar ausschließlich!!!! Mein Kind nicht!! Wieder einmal einer meiner Erziehungsfehler? Ich versuche natürlich alles, damit meine Tochter endlich den Spass hat, den alle haben.
Am schwersten fällt mir dabei, meine eigenen negativen Gefühle und Erinnerungen zu unterdrücken. Ist ja schließlich alles ganz anders geworden in den letzten zwei Jahrzehnten (bis auf den Geruch natürlich). Am zweitschwersten fällt es mir, meine Miteltern zu ignorieren.
Wie fleißig doch ihre Kinder sind, im Stoff schon weit voraus, sie langweilen sich ja regelrecht, nur weil manche (ich weiß natürlich dass sie uns, ich meine meine Tochter meinen) ja leider nicht so gut auf die Schule vorbereitet waren, und man stelle sich das in der heutigen Zeit vor, beim Schuleintritt nur den Namen Schreiben konnten. Diese Wunderkinder machen Hefteweise Fleißaufgaben, während mein Kind nachmittags noch in der Sandkiste buddelt. Die Karriere meiner Tochter ist bereits dabei im Keime zu ersticken. Und ich habe Schuld! Aber muß wirklich alles im Leben nur Spass machen. Was ist Spass? Liebes Kind, lass dir nicht vorschreiben was dir Freude bereiten muss und was nicht. Entscheide selbst, auch wenn du jetzt nicht lachst - bist du erst einmal so alt wie ich, schreibst du auch komische Geschichten über den Ernst des Lebens und denkst, "ich habs ja doch gelernt".


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