Meine Kinder haben Meerschweinchen. Neun Stück. Kurzhaarige, zottelige, struppige, zutrauliche, bissige, männliche und weibliche.
Sie wohnen in einem komfortablen Stall im Garten mit Schlafecke, Gemeinschaftsraum,
Fressnapf und Trinkflasche, einem großen Fenster zum Beobachten und einer Leiter
die in den kleinen eigenen Meerschweinchengarten mit Versteck- und Spielmöglichkeiten führt.
Diese kleinen Tierchen werden von den Kindern fast ständig beobachtet. Beim Fressen und Trinken, bei der Fellpflege, beim gegenseitigen zärtlichen Ohrenknabbern, beim Paaren und beim Streiten. Meist zu ganz bestimmten Zeiten. Wochentags am Morgen und mittags nach Schule und Kindergarten. Abends kurz vor dem Schlafengehen. Am Wochenende entsprechend öfter und länger. Natürlich sind nicht alle Meerschweinchen gleich. Die Kinder haben eindeutige Favoriten: Manchmal ist es das Langhaarige, manchmal das kleinste und frechste Schweinchen, das seine Mitbewohner ständig ärgert und provoziert. Ein andermal ein großes, dickes Männchen, das alles mit sich machen läßt. Oder ein ewig schwangeres Weibchen, das wirklich alles gierig aus den Kinderhänden verschlingt. Natürlich muß auch immer wieder das ein oder andere Meerschweinchen das gemütliche Heim verlassen. Es wird verschenkt oder verkauft. Meine Kinder entscheiden dann, wer den Stall verlassen muß. Manches Schweinchen, weil es andere beißt. Manches, weil es kurzhaarig ist, und wir schon zu viele Kurzhaarige haben. Ein anderes weil es sich nicht ins Rudel einfügen kann oder will.
Die Kinder sind natürlich mächtig stolz auf ihre Meerschweinchen-Wohngemeinschaft.
Jeder Besucher muß sie besichtigen und bestaunen, und nicht selten wird er von den Vorzügen dieser kleinen Nager derart überzeugt, daß letztendlich wieder ein Tier seinen gewohnten Stall verlassen muß um zu einem neuen glücklichen Besitzer beziehungsweise Beobachter zu ziehen.
Auch eine meiner Bekannten musste bei ihrem letzten Besuch unsere WG begutachten.
"Igit, diese blöden Viecher. Ich glaube nicht, daß sie deine Kinder lange begeistern werden. Es ist doch langweilig, ihnen ständig beim Fressen, Schlafen und Streiten zuzusehen. Du wirst sehen, am Ende hast nur noch du die Arbeit! Außerdem, glaubt du wirklich das sie artgerecht gehalten sind ...ich meine, möchtest du ständig und bei allem was du tust beobachtet werden?" Meine Kinder waren etwas gekränkt und sichtlich erleichtert als die Besucherin eilig das Haus verließ. Sie müsse sich beeilen, denn in einer Stunde läuft "Taxi Orange" im ORF und vorher noch Big Brother auf RTL.
Ich kann wirklich nicht verstehen, was sie gegen unseren Meerschweinchenstall hat.
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