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Was bin ich?

Sicher können sie sich noch an eine Fernsehsendung erinnern, in der ein bebrillter Glatzkopf Münzen in Porzellanschweinchen steckte und so eine Art Kalender mit großen Zahlen umblätterte. Neben ihm saß eine Person, die nur "ja" und "nein" sagen durfte und "typische" Handbewegungen vorführte.
Gegenüber saß eine Jury, die immer "gehe ich recht in der Annahme" und "bitte noch mal die Handbewegung" sagte und versuchte, den Beruf des "Ja-Nein"-Sagers zu erraten.
Ich weiß, meine Erinnerungen sind etwas vage. Aber mir wurde dadurch schon als Kind klar, daß das Wichtigste Merkmal eines Menschen wohl sein Beruf ist.
Treffe ich heute ehemalige Schulkollegen oder Freunde aus Kindertagen lautet die erste Frage oft: "Und, was machst du so,...", gemeint ist natürlich immer der Job, der Beruf, die Arbeit. Es interessiert die wenigsten wie es mir gerade geht, sondern wo, wie, wann, wie lange und was ich arbeite. Wieviel ich verdiene und wie es um meine Karriere steht. Auf Klassentreffen und Firmenfeiern meines Mannes geht es um kein anderes Thema mehr.
Ich habe zwei Kinder, ich sorge rund um die Uhr für sie und führe unseren Haushalt. Ich koche, kaufe ein, arbeite im Garten, besuche meine betagten Großeltern, mache Besorgungen für sie und bringe sie zum Arzt. Ich passe auf die Kinder meiner Freundinnen auf, ich lade gerne Freunde und Nachbarn ein, ich schreibe Geschichten und studiere Psychologie. Sind meine Kinder krank (und das sind sie öfter), pflege ich sie gesund. Ich kann zuhören und mache gerne Geschenke. Ich lerne meinen Kindern Radfahren, Schwimmen und Skifahren. Ich könnte tausend Handbewegungen zeigen.
Doch treffe ich irgendwo einen ehemaligen Schulkollegen, möchte ich mich in Luft auflösen. Ich wechsle die Straßenseite und werde ganz klein. Doch sie kommt bestimmt, die Frage: "Und, was machst Du so...?" Wie gesagt, ich mache viel aber eigentlich nichts. Nichts was Geld und Anerkennung bringt. Ich weiß also nie, was ich sagen soll.
"Ach, du bist nur Hausfrau? Du verdienst nichts, hast kein eigenes Geld, keine eigene Versicherung, keine Pension, du lebst in den Tag hinein, wie schade um deine Ausbildung. Du bist technisch nicht auf dem letzten Stand, du lebst in der Vergangenheit. Du bist wohl nicht ehrgeizig, du willst keine Karriere machen? Du läßt dich von deinem Mann aushalten, bist abhängig - das in der heutigen Zeit? Was machst du bloß den ganzen Tag? Ist dir nicht oft fad?
Was? Du schreibst Geschichten und besuchst alte Leute? Du spielst mit Kindern? Sinnlos, das bringt doch nichts. Leistung ist nur, was teuer bezahlt wird. Hast du keine Ansprüche? Wie kann man heute von einem Gehalt leben?"
Ich ertappe mich beim Suchen von Ausreden und Rechtfertigungen. Bei jedem Klassentreffen fällt plötzlich mein Baby-Sitter aus und vor Firmenveranstaltungen meines Mannes habe ich immer ein fürchterliches Kratzen im Hals.
Ich will mich nicht mehr rechtfertigen müssen. Dafür, dass ich mit meinem Leben zufrieden bin, so wie es ist. Dass ich keine teuren Urlaube und Kleider brauche, um glücklich zu sein. Dass mir auch Arbeiten und Pflichten, die nicht mit Geld zu bezahlen sind, Spaß und Freude machen.


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