Latein mochte ich nie. Aber diese beiden Worte "Carpe diem - Nutze den Tag" sind mir in Erinnerung geblieben. Ich habe sogar versucht, sie zu meiner Lebensphilosophie zu machen.
Ja, ich habe es versucht.....
Carpe diem - ganze Kalender habe ich vollgeschrieben, alles genau geplant. Kein Tag sollte ungenutzt verstreichen. Sonn- und Feiertage machten mich nervös, ganz besonders wenn sie unbarmherzig sonnig und wolkenlos waren. Bis in den Vormittag hinein schlafen schaffte ich sowieso nie. Es gab so viele Dinge die ich ausprobieren musste. So viele Länder und Städte die ich noch nicht gesehen hatte, so viele Menschen, die ich noch nicht kannte. Es gab keine Sekunde ohne Radio - mir könnte ja ein wichtiges Ereignis entgehen.
Am schwersten fielen mir die Entscheidungen. Der Tag hatte auch damals nur 24 Stunden und ich musste immer wieder zwischen mehreren Aktivitäten und Wichtigkeiten wählen.
Je mehr ich versuchte die Zeit sinnvoll zu nutzen, desto weniger gelang mir das auch. Selbst meine genau geführten Kalender und Terminplaner konnten das nicht verhindern.
Ich weiß was sie denken.... "Arme Irre". Oder verspüren sie einfach nur Mitleid? Für Letzteres bin ich natürlich dankbar.
Selbstverständlich wollte ich eines Tages auch ausprobieren, wie es ist, Mutter zu sein. Ich habe es in meinen Kalender geschrieben und ein Baby bekommen. Leider war es bei seiner Geburt schon nicht ganz im Zeitplan. Es war auch bei den Mahlzeiten nie im Zeitplan, und schon gar nicht beim Schlafen. Ich wurde verrückt - ganz nach Plan.
Nein, kein Mitleid bitte! Meine Tochter hat mich sozusagen gerettet und mein etwas verplanter Sohn hat mich dann endgültig dazu gebracht, den Tag wirklich bis in die letzte Sekunde auszunutzen - völlig planlos.
Der Tag hatte auch mit zwei Kindern unter zwei Jahren noch 24 Stunden - zu meinem Entsetzen. Doch Sonn- und Feiertage verloren ihren Schrecken, weil dann mein Mann endlich frei hatte und ich mich auch einmal kurz entspannen konnte. Meinen Kalender habe ich weggeworfen. Ich brauchte nur einen Termin einzutragen, schon überfiel uns die nächste Kinderkrankheit oder wir besuchten statt dessen das Unfallkrankenhaus um eine weitere Beule oder einen geklemmten Finger verarzten zu lassen. Jetzt habe ich endlich mein Limit erreicht - ich bin ausgelastet - überlastet.
Heute sind meine Kinder weit über zwei Jahre. Der schlimmste Stress ist vorbei - aber ich schreibe noch immer nicht jedes Kalenderblatt voll. Ich habe gelernt, eine Stunde blöd in die Luft zu starren, lange zu schlafen, ohne Radio zu leben, mir fremde Länder im Fernsehen anzuschauen und auch mal eine Party auszulassen. Wir gehen sogar spazieren - völlig ohne Ziel, und mein Tag hat zum Glück genau 24 Stunden!
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