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Mein Lebenszelt



Kennen sie das? Nein? Noch nie einen Kurs oder Seminar wie "Denke positiv", "Sorge dich nicht" oder "Überlebenshilfe für gestresste Hausfrauen" besucht und teuer bezahlt? - Also haben sie nichts Wesentliches versäumt.
Doch irgendwie und irgendwann kommt fast jeder mit Menschen in Berührung, die behaupten, sie wissen genau wie man zu leben hat. Und genau diese klugen Alles-Besser-Wisser zeichnen dann solche überdimensionalen Diagramme an Wandtafeln von Volkshochschulen und Konferenzräumen.
Das da oben ist mein ganz persönliches Diagramm. Ich wurde zum Zeichnen gezwungen. Ich wusste natürlich nicht, wie der Verlauf der oben rot dargestellten Linie idealerweise auszusehen hat. Also kritzelte ich naiv und ehrlich mein Diagramm. Der Strich meines Sitznachbarn verlief ganz anders, viel ordentlicher nützte er den Raum zwischen den einzelnen Achsen. "Oh, wie schön", säuselte die Überlebens-Trainerin "sie haben einen Drachen! Sie sind ausgeglichen und glücklich." Ich starrte auf meine unordentliche Linie. Ist es ein Drache? Na, ist es nicht doch ein Drache? Nein, mein ganz persönlicher Drache ist kaum als solcher zu erkennen und würde selbst bei Sturm nicht einen Meter hoch aufsteigen. Mein Diagramm erinnert mich eher an ein 2-Mann-Zelt. - Ein windschiefes! Ich bin unglücklich!!!
Meine Überlebens-Trainerin sagt, jeder Mensch müsse die Balance zwischen den einzelnen Lebensbereichen, den Lebensachsen, finden. Na klar, von allem gleich viel. Ich will immer alles. Bis an die äußerste Spitze - ein großes gleichseitiges Viereck, ein Drache, nein ein Zelt, das alles umspannt.
Aber der große 4-Eck-Zelt-Fetzen verzieht und verspannt sich immer wieder. Je mehr ich den sozialen Zipfel nach oben ziehe, desto weiter rutschen die anderen Spitzenpunkte von ihren Idealpositionen. Ganz einfach: je mehr Kinder- und Familienkram desto weniger Zeit für Gesundheit und Karriere.
Am Berufszipfel wage ich ja kaum zu ziehen. Auch wenn jeder versucht es mir einzureden: Kinder und Karriere, das schafft doch jede Frau! - Nein! Dann flattern mein Gesundheits- und mein Sozialzipfel ja völlig in der Luft.

Aber meine Visionen und Ziele, meine Wünsche und Lebensträume habe ich an der äußersten Achsenspitze festgespannt und verankert. Damit ich an den anderen 3 Enden immer etwas ziehen und rücken kann, ohne dass mein Lebenszelt einstürzt.


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