Es ist eine wundervolle Liebe
von Simone
ich bin Mutter zweier Kinder, 28 Jahre alt, und mein Sohn ist seit seiner
Geburt körperlich und geistig schwerstbehindert. Damit
möchte ich sagen, ich gehe täglich mit Behinderung um. In meiner
Nachbarschaft lebt ein Mann in meinem Alter. Ich kenne ihn
schon so lange wie ich dort wohne. Er sitzt seit 10 Jahren im Rollstuhl,
verursacht durch einen Badeunfall. Ich fand ihn schon
immer sehr nett, aber er hatte sich eine dicke Schale zugelegt, die ihn
nach außen distanciert erscheinen ließ. Seit einem Jahr
studieren wir nun zusammen an der selben Hochschule und hatten somit den
gleichen Weg. Er nahm mich, so oft es ging, mit
dem Auto mit. Es war eine tolle Zeit, in der wir uns näher kennenlernen
konnten. Es hat mich viel Kraft gekostet, ihm zu zeigen,
daß ich mehr als nur Freundschaft für ihn empfinde. Die Schale war sehr
dick geworden. Doch zu einer Geschichte gehört ein
Happy End. Wir sind seit 3 Monaten unendlich verliebt und verleben
wunderschöne Stunden zusammen. Ich habe immer einen
Menschen wie ihn gesucht, nachdem ich vor 7 Jahren zu tiefst enttäuscht
wurde. Mit einem behinderten Kind ist man nicht
attraktiv genug, auch wenn man sich noch so herausputzt. So habe ich die
letzten Jahre alleine verbracht, genauso wie er, jeder
in seinem Leben voll eingebunden ohne einen Blick in die Nachbarschaft zu
werfen.
Ich möchte noch einmal betonen, daß ich überglücklich bin mit diesem Mann,
auch wenn er im Rollstuhl sitzt.
Leider waren die letzten 3 Monate nicht ohne Konflikte in Bezug auf meine
Familie. Meine Mutter fand ihn immer sehr nett und
unterhielt sich auch oft mit ihm. Doch seit er mein Partner ist, ist dies
anders geworden. Sie hat geheult und mir die schlimmsten
Zukunftsvisionen erzählt, sie wollte doch immer jemanden, der mir beim
Tragen meines Sohnes oder beim Tapezieren hilft. Ich
aber möchte einen Menschen, der mir viele andere Dinge bieten kann. Ich
möchte sie hier nicht alle aufzählen, doch diese Dinge
sind mir wichtiger, als einen Partner mit einem perfekten Körper zu haben.
Und ich bin der Meinung, daß unsere Beziehung viel
intensiver und rücksichtsvoller ist, als eine zwischen nicht behinderten
Menschen. In unserem gemeinsamen Freundeskreis
erleben wir viel Akzeptanz, was uns das Leben sehr erleichtert. Mein Bruder
steht voll hinter mir und meine Mutter wird sich an
den Gedanken gewöhnen müssen. Dem Rest der Familie werde ich über meine
große Liebe in den nächsten Wochen berichten,
wenn der richtige Moment gekommen ist. Ich weiß genau, wie sie reagieren
werden!!!! Es wird noch ein schwerer Kampf,
doch ich stehe fest dazu und bin bereit allen zu beweisen, daß auch diese
Konstellation eine Zukunft hat.
Ich hätte auch gerne Rückmeldung, ob es da draußen noch mehr Paare gibt,
bei denen der Mann behindert und die Frau nicht
behindert ist.
Daß wir noch eine besondere Stellung wegen dem behinderten Kind einnehmen,
ist mir bewußt, doch ich möchte einfach nur
wissen, ob wir nicht alleine sind.
Simone, Sept. 99
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