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Das kleine Ungeheuer

Es gab da einmal ein kleines Ungeheuer, welches dazu verurteilt war, ganz alleine und nicht uneinsam in einer viel zu großen aber dafür um so kahleren Höhle, durch die stets der Wind pfiff, dahinzuvegetieren. Es war immer ohne Gesellschaft, denn niemand wollte es akzeptieren, so wie es eben war. Nie wollte jemand mit ihm spielen, mit ihm über die Endlichkeit der Unendlichkeit diskutieren, mit ihm herumtollen oder einfach nur ein klein wenig nett zu ihm sein. Jeder hatte Angst, daß das kleine Ungeheuer ihm weh tun könnte. Die Tiere der Wildnis vergaßen dabei nur Eines: Dem armen Zeitgenossen wurde stets das genaue Gegenteil zugefügt. Ihm wurde tagtäglich großer seelischer Schmerz beigebracht, denn es war wahrlich keine Augenweide zu nennen, es in Ruhe anzusehen. Niemand wollte ein plumpes, grau-grünes, faltiges, zehn Tonnen schweres und schielendes Wesen als seinen Freund betrachten. Aber wer will das schon? Wenn unser armes Tier einen Pfad entlang wandelte, dann war das bald kein Schlurf durch das Dickicht mehr sondern glich schon eher einer Autobahn, denn die Erde erbebte unter seinen Hufen und alles, was sich bewegen konnte, brachte sich so schnell wie nur möglich in Sicherheit. Dabei wollte es nur gesellschaftlichen Anschluß finden. War das wirklich zuviel verlangt? Hat nicht jeder ein Recht darauf, Freunde zu haben?
Manchmal, wenn das im Grunde schüchterne Wesen mit einer Behutsamkeit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, vorging, konnte es sich ganz geschickt und leise an andere Lebewesen anschleichen und lauschen. Dann sah und hörte es, wie sich die anderen Tiere fröhlich unterhielten, ernsthaft diskutierten oder nur still beisammen saßen und andächtig schwiegen. Aber sobald das kleine Ungeheuer nur einen winzigen Ton von sich gab, stürmten alle in größte Panik versetzt, aufgescheucht davon und machten dabei weit mehr Lärm als unser kleiner Freund zuvor.
Nach solch einem bitteren Erlebnis fing es herzzerreißend zu schluchzen an. Es weinte und weinte und weinte, bis es schließlich keine Körperflüssigkeit mehr für weitere Tränen erübrigen konnte, weil es sonst wie ein Kaktus in der Wüste ausgetrocknet wäre. Doch dann, endlich, kam ihm der rettende Gedanke. Es beschloß, ganz stark zu werden und sich eine zentimeterdicke Haut wachsen zu lassen, die es vor allem um sich herum abschirmen und schützen konnte. Mann, war es doch ein kleines, kluges Ungeheuer, obwohl seine Mutter immer das Gegenteil behauptet hatte, damals, als sie noch gelebt hatte.
Einige Zeit funktionierte dieser fast schon geniale Trick auch und das kleine Ungetüm beruhigte sich wieder einigermaßen. Doch nach einigen Wochen war es doch wieder einmal soweit. Unbeschreibliche Traurigkeit überfiel es, als es sah, wie eine Antilopenmutter ihr Kleines tröstete, weil dieses sich am Huf verletzt hatte. Das kleine Ungeheuer fing zu wüten an, rannte kleinere Bäume um, schleuderte mittelgroße Steine durch die Gegend, stampfte wild auf, so daß ringsherum die Erde erbebte. Kurz zusammengefaßt: Es versuchte, alles zu zerstören, was ihm in die Quere kam. Gar nicht typisch war das für unseren Freund. Er verursachte damit - wer etwas anders behauptet, der hat noch nie so ein Tier toben gesehen - ein riesiges Durcheinander. Natürlich, was konnte man schon anderes erwarten, flüchteten darauf alle anderen Lebewesen in seiner unmittelbaren Umgebung. Alle liefen davon: Der Leopard, die Schnecke, der Regenwurm, die Antilope mit ihrem Kind, das Faultier und sicher wären auch die Bäume eiligst davongehumpelt, wenn sie nicht so fest mit ihren Wurzeln im Boden verankert gewesen wären. So aber mußten sie bleiben, wo sie waren und mit ansehen, welche Lösung der Ausgestoßene nun fand.
Das plumpe, grau-grüne, faltige, zehn Tonnen schwere und schielende Wesen beschloß nämlich, eine riesige Mauer um sich herum zu errichten, die ihresgleichen suchen mußte, aber nicht finden würde. Kaum war der verwegene Plan gefaßt, wurde er auch schon in die Realität umgesetzt. Es fügte Stein um Stein, Holzstück um Holzstück aneinander und verputzte alles sorgfältigst mit Wasser und Sand. Es grenzte schon an ein kleines Wunder, daß das Bauwerk nicht in sich zusammenfiel. Aber nein, im Gegenteil. Es erwies sich als sehr widerstandsfähig und stabil.
Schließlich war das kleine Ungeheuer mit seiner schwierigen Arbeit fertig. Sein eigenes Gefängnis konnte seiner Bestimmung übergeben werden. Aber das war es ja bereits.
Schön und gut. Alles schien jetzt in Ordnung zu sein.
Doch was geschah denn da? Plötzlich kamen alle Tiere der Umgebung mehr oder weniger vorsichtig aus ihren Verstecken heraus und bestaunten das neuartige Kunstwerk. So etwas Ästhetisches und Wunderbares, Gewaltiges und doch Heimeliges hatte noch keiner von ihnen jemals gesehen. Die Antilope fragte die Schnecke, der Regenwurm den Leoparden, das Faultier den nächsten Baum, wer dieses Monument wohl geschaffen hatte. Doch keiner wußte eine befriedigende Antwort darauf. Auf die wahnwitzige Idee, daß das kleine Ungeheuer der Baumeister sein könnte und es in seinen eigenen Mauern gefangen wäre, kam niemand. Warum auch? Wer tat schon so etwas Selbstvernichtendes?
Viele versuchten das seltsame aber ordentlich Eindruck schindende Gebäude nachzuahmen. Aber alle eifrigen und schließlich nur mehr verzweifelt halbherzigen Versuche scheiterten schon zu Beginn kläglich. Es war für die gewöhnliche Tiermasse nicht zu schaffen. Einfach zu schwer.
Nun wollen wir uns dem armen eingesperrten Wesen zuwenden. Was war wohl aus ihm geworden, nachdem es sich selbst eingemauert hatte? Zuerst zeigte es sich überglücklich, denn endlich hatte es seine lang ersehnte Ruhe. Keiner konnte es mehr sehen und daher auch nicht mehr fürchten. Es selbst mußte auch nicht die vielen anderen Tiere beobachten, mit denen es so gerne gut ausgekommen wäre. Es war wirklich zufrieden. Aber nur für kurze Zeit. Denn man muß wissen, daß kleine Ungeheuer sehr schnell großen Hunger bekommen und noch schneller wahnsinnigen Durst. Es harrte mit einem gewissen beklemmendem Gefühl der Dinge, die noch über ihm hereinbrechen sollten. Etwas anderes blieb ihm im Moment nicht übrig, auch wenn es fast alles getan hätte, um aus seinem Gefängnis und der Isolation zu entkommen. Aber es geschah nichts. Und das war das Schlimme. Über kurz oder lang wurde es schon ganz unruhig und fragte sich nach dem ersten Magenknurren, ob es die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Nach drei endlos langen Tagen kam es zu einer unwiderruflichen Antwort: Nein! Denn es konnte es vor Hunger und Durst nicht mehr all zu lange aushalten. Verzweifelt versuchte es, die Mauern zum Einstürzen zu bringen. Es stieß mit seinem Kopf immer gegen sie. Setzte seine geballte Kraft ein. Versuchte das Unmögliche, möglich zu machen. Aber es nützte alles nichts. Das Bauwerk war zu solide. Es wollte nicht nachgeben und den Gefangenen freilassen.
Doch was geschah denn da? Durch die Erschütterungen, die das kleine Ungeheuer verursachte, wurden die anderen Tiere darauf aufmerksam gemacht, daß da wer im Inneren des Kunstwerkes eingesperrt war. Sie waren ja nicht blöd. Da Tiere im Gegensatz zu den Menschen von Grund auf gut sind, starteten sie sogleich eine schnell organisierte, aber um so wirkungsvollere Rettungsaktion. Sie versuchten das Gebäude zu untergraben, um dem Problem so beizukommen. Das bedeutete, sie buddelten ein Loch unter der Mauer durch. Nach etlichen Stunden und viel Schweißvergießen schafften sie es auch. Der vor kurzem noch Gefangene konnte erschöpft aber überglücklich darüber, daß die Freiheit wieder einmal gesiegt hatte, sein Gefängnis verlassen. Es wollte schon klammheimlich davonschleichen, die erlittene Demütigung in seiner Höhle voll auskosten, aber es wurde aufgehalten. Man ließ es nicht ungeschoren davoneilen. Nein, man wollte ihm nicht auf den Pelz rücken, den es gar nicht besaß, sonder wie durch ein Wunder wurde das vorher so gefürchtete Wesen plötzlich von allen akzeptiert, von jedem geachtet und ehrfürchtig angeblickt, denn das stabile Bauwerk hatte bei allen große Bewunderung ausgelöst.
- Was soll man da noch viel sagen. Ab jetzt war alles in bester Ordnung. Das kleine Ungeheuer wurde freudig in die Gesellschaft der Tiere aufgenommen und baute nun für jeden, der es so wollte, eine Unterkunft.
Und wenn es nicht aufgrund des enormen Leistungsdruckes und vor Erschöpfung gestorben ist, dann errichtet es noch heute mächtige Gebäude und beweist damit immer wieder, daß liebe, kleine Ungeheuer gar nicht so gefährlich sind, wie sie aussehen.
Aber vor großen, bösen sollte man sich doch in acht nehmen.

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