"Zwiegespräch"
nicht nur von Reinhard
Reinhard: Was ist mein Ziel bezüglich der B&S-Seiten fragtest Du mich gestern.
Ursprünglich habe ich die Seiten einfach aus Frust ins Leben gerufen,
weil ich mir irgendwie hilflos diesem Thema 'ausgeliefert' vorkam.
Aufgrund meiner Behinderung habe ich Probleme in diesem Bereich, die man
vielleicht im ersten Moment nicht sieht, aber doch gravierend sind und
für mich so die Partnersuche (egal wie man es auch auslegen mag) sehr
schwer machte.
'Gesprächspartnerin': Aha. Ich weiss nicht ganz, ob ich verstehe was Du meinst, aber das kann
auch daher kommen, dass ich die Probleme nicht kenne. Ich wuerde sagen, ich
habe alle schlechten und guten Erfahrungen gemacht, die man so macht, wenn
man seine Sexualitaet entdeckt. Ich hatte auch nie ein Problem, einen
Freund zu finden, auch wenn man das natuerlich immer denkt als
pubertierendes Wesen ("Ich finde nie den richtigen").
[...]
Reinhard: Es ist ja nicht nur so, daß die Gesellschaft Behinderte
des öfteren als 'geschlechtslos' betrachten, oder es gibt auch stimmen
'die sollen gegen ihren Trieb Medikamente bekommen', sondern es kommt
noch dazu, daß man sich selbst aufgrund der körperlichen Einschränkungen
nichts zutraut, daß man nicht selbstbewußt genug ist, zu sich selbst zu
stehen und dementsprechend aufzutreten.
'Gesprächspartnerin': Die Erfahrung mit der Gesellschaft habe ich auch gemacht, aber ich habe
mich immer bemueht, mich nicht davon beirren zu lassen. Ich wusste es immer
besser und habe mich immer bemueht, meine Erfahrungen selbst zu machen
anstatt mir von anderen ihr Schubladendenken aufdraengen zu lassen. Meine
Eltern hielten/halten es fuer ueberfluessig, dass ich ueberhaupt einen
Freund habe/hatte. Erst dachte ich, sie trauen mir das nicht zu, weil ich
behindert bin und denken keiner will mich. Jetzt ist meine Schwester
(nichtbehindert) 19 und hat die gleichen Probleme, was mich doch etwas
beruhigt :o)
Reinhard: Irgendwelche Einschränkungen
kann man nicht ungeschehen machen, aber manchmal sind sie gar nicht so
schlimm, wie man selbst glaubt, oder oft kommt es auf das gar nicht an.
'Gesprächspartnerin': Das stimmt. Da gebe ich Dir recht. Ich denke, es kommt auf die Leute an.
Ich habe beispielsweise keine Probleme mit Sex. Es ist kein Unterschied
durch meine Behinderung, da ich trotz Querschnitt volles Gefuehl habe und
auch meine Beine bewegen kann, aber ich erwarte z.B. von einer guten
Partnerschaft, dass mich ein Mann auch dann lieben wuerde, wenn dem nicht
so waere, denn wenn mein Freund impotent wuerde, wuerde ich auch zu ihm
stehen und man muesste sich einen anderen Weg ausdenken. Das hat etwas mit
Vertrauen und wahrer Liebe zu tun. Ich wuerde an einer Partnerschaft sehr
zweifeln, wenn ich mir nicht sicher sein koennte, dass mein Partner immer
zu mir steht, egal was passiert und mich auch so liebt wie ich bin.
Reinhard: Also betreibe ich die Seiten zwecks Ansammlung von Erfahrungen, aber
auch um anderen vielleicht helfen zu können. Indem sie sich einfach
präsentieren, über das Thema nachdenken, ihre Träume ausleben und zu
formulieren versuchen oder einfach den Kontakt zu Gleichgesinnten oder
einfach Interessierten suchen.
'Gesprächspartnerin': Aha, verstehe. Ich finde die Idee auch sehr gut, auch wenn ich mir nicht
sicher bin, ob es wirklich etwas bewirken kann... Vielleicht aber einen
ersten Schritt zu erkennen "ja auch ich habe eine Sexualitaet" oder einfach
die Netzgemeinde mit der Nase drauf zu stossen, auch Behinderte haben Sex.
Das ist nicht ironisch gemeint. Es ist eines der beliebtesten Vorurteile,
das mir begegnet, naemlich dass ich keinen Sex haben kann oder die in
meinen Augen echt unverschaemte Frage: Wie hast Du denn Sex? Und das
teilweise in den ersten fuenf Minuten eines Gespraechs. Als ich solo war
hatte ich eine zeitlang einen Tick. Ich habe jedem auf die Nase gebunden,
dass ich Gefuehl in den Beinen habe, weil ich dachte, keiner graebt mich
an, weil sie denken, die koennen nicht ins Bett mit mir. Natuerlich war das
nicht der Grund, wie ich jetzt weiss, sondern weil einfach alle Respekt vor
mir hatten und Angst hatten, einen Korb zu kassieren. Naja, ich war 17... :o)
Reinhard: Es gibt genug wissenschaftliche Arbeiten über dieses Thema, die aber in
der Quintessenz alle das gleiche aussagen, aber im Endeffekt keine
Lösungen anbieten, nicht einmal Lösungsansätze, so habe ich es zumindest
empfunden.
'Gesprächspartnerin': Ich habe immer etwas Vorbehalte gegenueber Studien a la die Sexualitaet von
Behinderten, die Psyche von Blinden und die Geschmacksverirrungen von
Gehoerlosen ;o) Um festzustellen, dass ich eine normale Sexualitaet leben
kann / lebe, brauche ich keine wissenschaftliche Abhandlung, das weiss ich
selbst am besten... Ausserdem hat jeder/jede eine eigene Sexualitaet, das
hat nichts damit zu tun, ob Behindi oder nicht.
[...]
Soweit dazu, aber der Gedankenaustausch ging dann später nochmals weiter:
[...]
Reinhard: Wie dem auch sei, natuerlich hoffe ich schon, mit meinen Seiten etwas
bewirken zu koennen. Vorurteile sollten abgebaut werden und
betroffenen
Menschen sollte die Moeglichkeit gegeben werden, sich naeher mit dem
'Problem' auseinanderzusetzen. Ich weiss, Du meinst, dass es
bezueglich
Partnersuche fuer eine/einen Behinderte/n nicht wesentlich mehr
Probleme
gibt, als fuer eine/n 'Gesunde/n'. Vermutlich duerften sich auch nur
Extremfaelle bei mir melden, die mit ihrer teilweise
Schwerstbehinderung
nicht zurande kommen? Oder doch nicht? Soll man es als normal
betrachten, dass ein Behinderter doppelt so stark um etwas 'kaempfen'
muss
und dann zu sagen, ist ja eh alles kein Problem? Und das, obwohl
er/sie
selbst nicht richtig mit sich fertig wird und sich dann allzugerne im
eigenen Schneckenhaus verkriecht? Das nur als kurzer Gedankenanstoss.
'Gesprächspartnerin': Ich kann Dir nicht ganz folgen. Also dass man als behinderter Mensch
mehr kaempfen muss, da stimme ich Dir zu, auch wenn es nicht immer
zutrifft. Das mit dem Schneckenhaus habe ich nicht ganz verstanden in
dem Zusammenhang. Denn wenn sich jemand verkriecht, dann ist das ein
generelles Problem im Leben dieses Menschen und wirkt sich "nur" u.a.
auf die Sexualitaet aus. Ich denke, es ist ein bisschen wie eine
Reaktion wo die Sexualitaet am unteren Ende haengt. Aber um das
alles aufzuarbeiten, das kann eine Homepage nicht leisten, aber das
war ja auch nicht Dein Anliegen. Mir ist schon klar, das nicht alle
behinderten Menschen so ein Leben fuehren wie ich, sowohl bedingt
durch die Form der Behinderung als auch durch ihr Lebensumfeld und
das dies auch zum Zurueckziehen fuehren kann, aber die Frage ist
wirklich, ob die Sexualitaet da der Ansatzpunkt sein sollte/kann. Ich
weiss es nicht so recht. Ich denke, es kommt auf den einzelnen
Menschen an und ich halte es ja gar nicht fuer ausgeschlossen, dass
Deine Seiten ein Impuls sein koennen, um sich selbst wieder am Schopf
aus dem Sumpf zu ziehen.
Reinhard: Ansonsten habe ich noch eine Frage an Dich. Was haelst Du eigentlich
von
'Sensis'? Duerfte Dir vermutlich ein Begriff sein. Haelst Du es fuer
vernuenftig, diese Institution nachzuahmen? Auch fuer Frauen? Ich bin
naemlich momentan mit einem Mann in Kontakt, der meint, so ein
Service
anbieten zu wollen.
'Gesprächspartnerin': Also ich muss Dir ehrlich sagen, dass ich Sensis nicht fuer eine
Loesung des Problems "Sehnsucht nach Zaertlichkeit und Sexualitaet"
halte. Ich kann verstehen, dass Menschen diesen Service nutzen, aber
ich finde trotzdem, dass es Prostitution ist. Schliesslich bezahlt
der behinderte Mensch fuer diese Dienstleistung und ich finde, es ist
auch egal, ob es jetzt zum Geschlechtsverkehr kommt oder nicht, wenn
jemand fuer Geld Zaertlichkeiten austauscht, dann ist es Prostitution
und keine caritative Taetigkeit. Ausserdem sehe ich die Gefahr, dass
das eigentliche Problem (Muessen Schwerstbehinderte auf eine
Beziehung verzichten?) verlagert und vertuscht wird, denn wenn man
ehrlich ist, dann sehnt man sich nicht (nur) nach Sex sondern nach
Geborgenheit und nach dem "Geliebt werden". Ziel muss sein, dass
behinderte Menschen Beziehungen fuehren, wie es auch nichtbehinderte
Menschen tun. Sensis befriedigt nur den koerperlichen Teil der
Sehnsucht, nicht den seelischen, und wenn nur fuer kurze Zeit.
Ausserdem rueckt es behinderte Menschen in eine Ecke, naemlich in die
Ecke, das sie zwingend auf so einen Service angewiesen sind, und das
ist nicht der Fall. Ich kenne viele schwerstbehinderte Menschen, die
auf so einen Service nicht angewiesen sind. Desweiteren habe ich
Sensis nicht als sonderlich serioes empfunden. Die waren mir zu oft
im Fernsehen, und zwar in Sendungen jedes Nieveaus. Ich hatte viel
mehr den Eindruck, dass die nach Sponsoren fuer Ihren Verein aus
sind, zumal die ganze Angelegenheit ja auch noch teuer war. Wenn man
bedenkt, dass Leute in Behindertenwerkstaetten teilweise nur 350,- DM
verdienen, und die sind es ja, die u.U. auf so einen Service
anegewiesen sind, dann hat das fuer mich nicht mehr viel zu tun mit
caritativer Arbeit, sondern mit Geldmacherei.
'Gesprächspartnerin': Die gleiche Meinung habe ich auch, was solch ein Service fuer Frauen
angeht. Hinzu kommt noch die lebhafte Scharr der Amelotatisten und
Behindertenfetischisten, die an einem solchen Arbeitsangebot ihre
helle Freude haetten.
Reinhard: Nicht weil er eine vermeintliche
Schwaechesituation
ausnuetzen moechte, sondern weil er helfen moechte. Und ich dachte
mir,
dass
man da so eine Art Netzwerk aufbauen koennte, von Frauen und
Maennern,
die
es Behinderten ermoeglicht sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Denn ich
weiss
ganz genau, wie das ist, wenn man sich danach sehnt und sich nicht
helfen kann (weil man vielleicht ein schwerer Spastiker im Rollstuhl
ist, oder inkontinent und deswegen wahnsinnige Beruehrungsaengste
hat).
'Gesprächspartnerin': Ja, das kann ich ja sehr gut nachvollziehen, aber das loest das
Problem nicht. Hinterher hat man naemlich immernoch die gleichen
Beruehrungsaengste, schliesslich "hat man es noetig", wegen seiner
Inkontinenz oder was auch immer, einen solchen Service in Anspruch zu
nehmen. Wenn man selbst seine Inkontinenz, Behinderung etc.
akzeptiert, dann akzeptieren es auch andere und die, die es nicht
akzeptieren, mit denen will man normalerweise auch keine Beziehung
fuehren und Sex haben, unabhaengig davon, ob man behindert ist oder
nicht...
[...]
'Gesprächspartnerin': Aber ich denke, dass jeder seinen Weg finden muss, wie es
mit einer Behinderung moeglich ist, ein normales Leben zu leben,
nicht nur in Bezug auf Partnerschaft.
Einmal geht's noch :-)
[...]
Reinhard: Warum verstehst Du das mit dem Schneckenhaus nicht. Gerade unter den
Menschen mit Handicap treffe ich immer wieder Leute an, die zwar im
normalen Leben mit ihrer Behinderung umgehen koennen, aber gerade
wenn's
darum geht, eine Freundin zu erobern oder in Richtung
partnerschaftliche
Beziehung zu gehen, dann gibt's die groessten Schwierigkeiten. Also,
es ist
oft sicher so, dass eben dieses in sich Verkriechen gerade in diesem
Bereich besonders stark zum Ausdruck kommt. Ich muss aber
eingestehen, dass
ich das hauptsaechlich nur von der maennlichen Seite her betrachten
kann,
vielleicht gibt es da zwischen Mann und Frau wirklich so markante
Unterschiede.
'Gesprächspartnerin': Hmmm, kann sein. Ich weiss nicht... Vielleicht bin aber auch nur ich
so, ich kann nicht fuer alle Frauen sprechen.
Reinhard: Es stimmt schon, (m)eine Homepage kann sicher nicht alles
aufarbeiten,
aber sie kann zum Denken anregen, sie kann Ansaetze fuer
Loesungsmoeglichkeiten bieten. Aufgrund einiger positiver Erfahrungen
in
diesem Bereich, weiss ich, dass ich da nicht so falsch liege. Und ich
glaube
auch nicht, dass die Sexualitaet am unteren Ende der Kette haengt.
'Gesprächspartnerin': Ja, vielleicht kann man das einfach nicht so verallgemeinern. Ich
habe noch einmal nachgedacht. Ich denke, es ist einfach bei jedem
anders. Die Lebenssituation, die Behinderung, das Umfeld ist immer
individuell. Wahrscheinlich gibt es keine schluessige Theorie.
Reinhard: Warum hat
man Minderwertigkeitskomplexe als Koerperbehinderter? Weil man eben
den
eigenen Koerper (mit all seinen Schwaechen) nicht so akzeptieren
kann,
wie
er eben ist.
'Gesprächspartnerin': Aber die Frage ist, warum man das nicht tut. Wahrscheinlich auch
deshalb, weil einen andere immer darauf aufmerksam machen, dass man
selbst und der Koerper anders ist... Ich denke, es ist ein bisschen
wie ein Kreislauf...
Reinhard: Und natuerlich ist es dann doppelt schwer, sich nach
aussen hin
zu verkaufen, darauf zu pfeifen, dass nicht alles so funktioniert wie
es
sich ein 08/15 Mensch vorstellt und darauf zu warten, dass einem wer
unterkommt, der einem so nimmt, wie man eben ist. Unsere Welt ist
eben auf
'schoen', 'gerade', 'stark' ausgebaut und da muss man dann als nicht
'perfekter' doppelt kaempfen (im Berufsleben, im allgemeinen sozialen
Umfeld und natuerlich auch in puncto partnerschaftlicher
Moeglichkeiten).
'Gesprächspartnerin': Naja, ich weiss nicht, ob ich das in Sachen Partnerschaft als
kaempfen bezeichnen wuerde. Das trifft vielleicht auf das Berufsleben
zu, aber Liebe kann man sich nicht erkaempfen... Uebrigens gibt es
genug nicht behinderte, die genau das gleiche Problem haben, einen
Partner zu finden. Deutschland ist voll von Singles, die alle nicht
den/die Richtige finden. Es ist vielleicht auch ein
gesamtgesellschaftliches Problem, das eben Behinderte im besonderen
Masse trifft.
Reinhard: Und es ist nicht immer leicht, fuer alles doppelt kaempfen zu muessen.
[...]
Und ich bin davon ueberzeugt, dass es im Berufsleben und im
ausserberuflichen
Umfeld leichter ist mit einer Behinderung umzugehen (diese zu
verstecken,
zu kaschieren, oder einfach zu akzeptieren) als in der Sexualitaet,
im
Streben nach einer Partnerschaft, weil das ja viel tiefer geht. Man
wird
so oft verletzt schon im allgemeinen Leben, dass es, wenn man nach
'mehr'
strebt, dieses fast unmoeglich erscheint.
'Gesprächspartnerin': Aber das geht nicht behinderten Menschen auch so, denke ich. Man hat
normalerweise immer mehr Probleme in der Partnerschaft als im Beruf,
aber das kann sich natuerlich u.U. bei behinderten extremer
auswirken, aber das will ich nicht verallgemeinern.
[...]
Reinhard: Ueber Sensis habe ich schon solche und solche Stimmen gehoert. Manche
sind
Deiner Meinung und sagen, Sensis ist eine Art der Prostitution und
loest
nicht das eigentliche Problem. Andere wiederum meinen, eigentlich
habe ich
grundsaetzlich nichts dagegen, fuer Sex und 'Zaertlichkeit' zu
bezahlen, weil
ich das auch erleben moechte und einen Zugang in diese 'Materie'
erlangen
moechte, was mir ansonsten bisher verwehrt blieb.
'Gesprächspartnerin': Ich finde trotzdem, dass man fragen muss, warum es Ihnen verwehrt
blieb. Das finde ich einen erheblich besseren Ansatzpunkt als an den
Symptomen herumzudoktern. Behinderteneinrichtungen muessten viel
sensibilisierter sein, was dieses Thema angeht. Aber ich kenne so
viele Faelle, wo Behinderte in Einrichtungen bevormundet wurden, dass
es mich nicht wundert, wenn sie es bei der Sexualitaet auch werden.
Da trifft uebrigens mein Bild mit der Kette zu. Wenn andere Dinge im
Argen (schreibt man das so?) liegen, dann klappts auch nicht mit
Liebe und Sexualitaet. Aber das Bild trifft nicht immer zu, da hast
Du recht.
Reinhard: Auch ich habe es
fast
schon in Erwaegung gezogen zu einer Prostituierten zu gehen, weil ich
einfach Erfahrungen in diesem Bereich sammeln wollte, weil ich
meinte, dass
ich dann ueberhaupt offener an dieses Thema herangehen kann.
'Gesprächspartnerin': Inwiefern offener? Ich glaube nicht, dass man weniger verklemmt
(bloedes Wort) ist, wenn man mal Sex hatte als ohne, aber vielleicht
verstehe ich Dich da auch nur falsch. Oder meinst Du, man kann nur
ueber Sex reden, wenn man ihn schon hatte? Das denke ich nicht.
Schliesslich hat jeder eine Sexualitaet auch ohne Sex... Aber
vielleicht meintest Du das gar nicht so...
Reinhard: Sicher ist
das
nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber das ist dann auch eine
Moeglichkeit
seinen Koerper wirklich kennenzulernen, zu wissen, wo die Grenzen
sind,
ohne sich gleich ins Ungewisse stuerzen zu muessen.
'Gesprächspartnerin': Naja, aber es macht ja auch Spass, den Koerper gemeinsam zu
entdecken. Dafuer braucht es natuerlich eine Vertrauensbasis.
Uebrigens glaube ich, dass man den Koerper wirklich erst entdeckt,
wenn man so eine Basis hat, auch wenn man vorher schon mit anderen
geschlafen hat. Ich denke, das duerfte bei einer Prostituierten
schwierig sein, auch wenn man sie sich aussuchen kann...
[...]
Reinhard: Und Du hast
auch
recht, aber es ist trotzdem alles doppelt so schwer. Ich hoffe, Du
verstehst, was ich meine. Sexualitaet (im Rahmen der Liebe) ist so
etwas
Nahes, erfordert, dass man sich total oeffnet und wenn man dann
verletzt
wird, tut's doppelt weh. Jetzt bin ich ein wenig abgeschweift, sorry.
'Gesprächspartnerin': Ich verstehe sehr gut, was Du meinst, aber das ist eigentlich nichts
Behindertenspezifisches, sondern das ist immer so, wenn man in einer
vertrauenvollen Beziehung enttaeuscht wird. Aber vielleicht kann man
sogar sagen, dass Behinderte es diesbezueglich etwas leichter haben.
Die Spreu trennt sich frueher vom Weizen als bei nicht behinderten
Menschen. Kann auch ein Vorteil sein. Ich denke, ich kann mir z.B.
eine oberflaechliche Beziehung auf Dauer nicht leisten, wenn sie
ueberhaupt zu realisieren ist. Man merkt es vielleicht frueher, wenn
es der/die falsche ist. Dann tut es u.U. weniger weh...
Reinhard: Aber ich glaube trotzdem, dass es schon wichtig sein kann auch durch
eine
Institution wie Sensis (falls sie serioes ist) Erfahrungen zu
sammeln,
einmal dieses besondere Gefuehl zu erleben. Auch wenn's nur eine
Hilfskruecke ist.
'Gesprächspartnerin': Wenn ueberhaupt.... Aber es gibt doch Prostituierte, die vielleicht
sogar preiswerter sind als Sensis... Ich weiss nicht mehr, was sie
genau nehmen, ich weiss nur noch, das ich dachte, das koennen sich
die wenigsten mehr als einmal im Monat leisten....
[...]
Reinhard: Ich haette eigentlich
auch
nichts dagegen einzuwenden, fuer solche 'Dienste' zu zahlen, weil ja
natuerlich dem/derjenigen Kosten entstehen und auch von etwas leben
muss.
'Gesprächspartnerin': Was entstehen denn da fuer Kosten? Keine, wenn man mal vom Benzingeld
absieht... das wars aber auch schon. Fuer mich verkaufen die ihren
Koerper, das hat nichts mit Kostenauslage zu tun...
Reinhard: Das mag jetzt vielleicht ein wenig einfach klingen, aber gerade vor
ein
paar Tagen schrieb mir ein Mann, dass Sensis (inzwischen nur mehr in
der
Gestalt von Frau Senger) die einzige Moeglichkeit ist, Sexualitaet zu
erfahren.
'Gesprächspartnerin': Ich muss sagen, ich finde es so erniedrigend fuer einen Menschen,
wenn er auf Frauen angewiesen ist fuer die er bezahlt. Ich koennte
mir nie vorstellen, mit einem Mann zu schlafen, der sich
prostituiert, auch wenn ich nie mehr in meinem Leben Sex haette. Es
stellt fuer mich einfach keine Loesung dar, aber ich kann
akzeptieren, wenn jemand zu solchen Mitteln greift. Dazu kommt eben
noch, dass ich Behinderte kenne, die sich auch kaum ruehren koennen,
die eben nicht darauf angewiesen sind. Ich kann und will nicht
glauben, dass die einfach nur Glueck haben...
Reinhard: Natuerlich waere es schoener, wenn auch Schwerstbehinderte unbefangen
in eine
Beziehung gehen koennen. Nur das spielt's in der Praxis einfach nicht
so
oft. Wo sollen sie wem kennenlernen und noch dazu jemanden, der sie
so
akzeptieren kann, wie sie sind? Wie sollen sie die Mauern einreissen,
die
sie sich aufgebaut haben oder die Gesellschaft um sie herum
errichtet hat?
'Gesprächspartnerin': Ja das ist schwer. Das sehe ich ein, aber Sensis ist auch nicht die
Loesung...
Reinhard: Und natuerlich deckt die Inanspruchnahme einer 'Prostituierten' nur
einen
Teil des gesamten Spektrums, was sich Liebe, Zaertlichkeit,
Beziehung, Sex
oder was auch immer nennen mag, ab. Und ich glaube auch nicht, dass
man
damit in eine Ecke gerueckt wird. Wenn man so ein Service in Anspruch
nimmt, dann ist man bereits in dieser Ecke und erhaelt aber dadurch
wieder
die Moeglichkeit, da rauszukommen,
'Gesprächspartnerin': ....oder einfach drinzubleiben!? Hinterher ist doch nichts anders?
Man hat immernoch die Komplexe und fuer das naechste Mal muss man
wieder bezahlen. Wie gesagt, ich finde das erniedrigend...
Reinhard: oder einfach wirklich schoene
Stunden zu
erleben, was einem sonst sowieso verwehrt bliebe.
'Gesprächspartnerin': Naja, aber so pauschal kann man das nicht sagen... Das entspricht dem
Klischee, Behinderte fuehren ein tristes Leben...
Reinhard: Inwieweit das gerade bei Sensis nur Geldmacherei ist, dazu kann ich
leider
kein Urteil abgeben, weil mir da die Erfahrung fehlt und zu wenige
Menschen kenne, die dieses 'Service' in Anspruch genommen haben.
'Gesprächspartnerin': Ich frage mich halt, wieso es so teuer sein muss? Ich finde sogar,
dass so eine Notlage ausgenutzt wird. Wie gesagt, wenn es ein
soziales Projekt waere, dann waere es preiswert oder umsonst.
[...]
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