Ich lausche andächtig einer Art von Musik, deren kompositorische Gewalt und Exaltiertheit mir völlig neu sind. Ich lese auf der informativen Homepage der Band, dass: N: musikalische Elemente aus den Bereichen Wave, EBM und Industrial mit harten Gitarrenklängen oder auch "bittersüßen" Melodien ergänzen… Ich habe keine Ahnung, was damit gemeint ist. Das klingt fremdartig, dämonisch, abstrakt.
Noch nie zuvor war ich so ahnungslos, wenn es darum geht, musikalische Energie zu beschreiben. Ich tauche ein in eine Welt, die ich nicht kenne… Ich höre die dunklen Klänge, und irgendwie entsteht tief in mir drinnen ein Rausch. Ich will keinen Versuch starten, diese Musik zu decodieren. Das ginge so und so schief. Ich staune nur. Höre und staune. Und das Hören vergeht mir nicht. Ich lese zwischendurch den einen oder anderen Text. Kann mir diese unmittelbare Rhythmik und eigenartige Faszination, die diese Musik auf mich ausübt, nicht erklären.
Wovon ich schreibe, ist die Debut-CD einer Band, die sich „Niphares“ nennt. Aus einem schlichten Chat heraus ist das Projekt entstanden, das nunmehr Gegengift zum „Geistesgift“ versprühen mag.
Daniel ist der Kopf der Bande, Thorsten und Renee sind Wanderer in die Gräber unserer Herzen. Stefan und Robert entlocken Gitarre und Keyboard unheilige Klänge…
Über jeden einzelnen Song könnte ich Lobeshymnen schreiben. Ich könnte darauf hinweisen, dass hier eine Band am Werk ist, die eine unheimliche künstlerische Form entwickelt hat, durch die nicht nur „Seele brennt“, sondern Kinder daran gehindert werden mögen, in den Krieg zu ziehen.
Diese Scheibe kann niemanden kalt lassen. Wie auch immer diese Art von Musik definiert wird: Sie übt einen merkwürdigen Zauber auf den Zuhörer aus. Er verfängt sich in den Krallen von Monstern, die das Bewusstsein der Menschen zu manipulieren versuchen. Es muß nicht unbedingt ein „Meister“ sein; es reicht auch schon eine auf Knien rutschende Frau, der es behagt, sich zu unterwerfen.
Und was besonders wichtig ist: Zwei Songs mögen sich zu Ohrwürmern in den Gehörgängen der Zuhörer entwickeln , die das Gegengift zum Geist der Zeit bilden. Zum Einen eben „Seele brennt“; ein Abgesang an die inneren Selbstverleugnungstendenzen. Zum Anderen „Storyteller“; ein Abgesang und eine Hymne an das Leben…
„Geistesgift“ erzählt vom Krieg, von Unterwerfung, von Demagogie, von der Angst eines AIDS-Kranken, von Zerstörung, von Gehirnwäsche…
„Geistesgift“ erzählt von der Kraft des Lebens, vom Versuch, die Strahlen der Sonne zu bündeln, und das Herz der(s) Geliebten erstrahlen zu lassen, sodass das eigene Herz nicht mehr in der Dunkelheit schweben muß…
„Geistesgift“ lebt von der wunderbaren Symbiose ausdrucksstarker Texte und bestechender Klangteppiche, die sich stetig ergänzen und vorwärts treiben.
Das Trauma eines AIDS-Kranken wird zu einer den Hörer berührenden Geschichte, die lange im Kopf nachklingen kann.
Das Kriegstrauma eines Soldaten dringt tief in das Bewusstsein des Hörers, der für wenige Minuten zum Teil des sinnlosen Krieges wird, welcher nach wie vor täglich unzählige Menschenleben vergeudet.
Die tiefe, klaffende Wunde eines Menschen, der seinen Freund durch Selbstmord verloren hat, wird durch die Worte dieses sensiblen Menschen desinfiziert, welcher mit einem Gefühl der inneren Befreiung in den Tod ging.
Überall auf der Welt, auch in unmittelbarer Umgebung jedes einzelnen Menschen, wird „Geistesgift“ versprüht. Menschen werden manipuliert, innerlich zerstört, zu Monstern gemacht, mit widerwärtigen Vorurteilen gestopft. Viele Menschen torkeln wie lebendige Tote durchs Leben, weil sie dem „Geistesgift“ nicht gewachsen sind. Es gibt nur eine Methode, diesem Wahnsinn entgegen zu treten. Eben das GEGENGIFT in die Seele zu injizieren, und dadurch wieder zu einem lebendigen Menschen zu werden. Es ist nie zu spät, wieder in das Land der lebendigen Menschen zu gelangen. Die uns alle zu verführen versuchende Gegenwelt ist nicht unzerstörbar.
Niphares versprühen kein „Geistesgift“, sondern berichten von Menschen, die von diesem Gift zerstört oder zumindest weitgehend innerlich zerfressen wurden. Sie erteilen keine Ratschläge, wie das GEGENGIFT aussehen mag, oder wie und ob es wirken kann. Aber es ist aus den Songs heraus spürbar, dass es dieses Gegenmittel gibt.
Ich bin begeistert. Ich höre diese Songs immer wieder. Und ich weiß von Mal zu Mal mehr, worin die Kraft dieser Musik liegt: Sie zeigt, was IST, und ermöglicht dadurch die andere Fragestellung, was SEIN KÖNNTE. Wir Menschen haben alle das GEGENGIFT und können es einsetzen: Liebe, Solidarität, Freundschaft, Kameradschaft, Toleranz, Zuhören.
Hören Sie diese CD, und Sie werden es nicht bereuen. Wenn Sie sich vom Strom der Musik treiben lassen, verspreche ich Ihnen, dass Sie ein Gefühl innerer Vertrautheit spüren werden. Und Sie werden nicht wissen, WARUM sich dieses Gefühl Ihrer Seele ermächtigt. Vielleicht fühlen Sie dann einfach, dass Ihre „Seele brennt“…
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