Als Vera erwachte, war ihre Brust noch ganz beschlagen vom Schlaf, würde ich
schreiben, hätte ich die Wahl. Sie steht auf, dreht ein, zwei Runden im
Zimmer und läßt sich wieder auf den Matratzen nieder, die wir am Abend
sorgfältig gegeneinander drückten, damit die Traumkapsel nicht verloren geht.
„Willst du Kaffee?", frage ich und erhebe mich, ohne auf eine Antwort zu
warten. Mein Schwanz hängt Richtung Teppich. Er bewegt sich im Rhythmus
meiner Beinbewegung. Als ich heute Nacht in ihr war, denke ich, war die Nacht
eine schöne. Und, denke ich weiter, wären wir erstarrt im Zittern, hätte es
ein gutes Bild gegeben. Eins, daß nicht zu malen oder zeichnen gewesen wäre.
Vielleicht eins für die Kamera. Aber es hätte uns erschossen, glaube ich. Ich
glaube viel, wenn sich eine Art von Pathos einstellen läßt. In Frankreich,
wir lagen im Sand und hatten Rotwein getrunken, saß sie plötzlich auf mir.
Ich erstarrte und sah nur noch einen von Flugzeugen und Windböen gezeichneten
Himmel, so eine Art von Phalanx, die sich aufstellt, wenn man sich bewußt
ist, daß man da, ich meine hier und irgendwie nur Betrachter, postumer
Chronist einer Schönheit, die ihresgleichen suchen, etwas andres absuchen
müßte. Das weiß man und deshalb nimmt man einen weiteren Schluck Wein.
Vera folgt mir in die Küche, setzt sich an den Tisch und bittet um Kaffee,
den ich ihr mit einer liebevollen Geste reiche.
„Milch", sagt sie, „ist das Wichtigste im Kaffee, sonst ist der Morgen
verdorben."
Ich grinse und schließe die Wohnungstür hinter mir. Ich laufe zum
Briefkasten, trage die Worte an den Tisch und öffne einen Brief. Der Freund
schreibt, daß er liebt. Der Rest ist Grammatik. Vera blättert in der Zeitung.
Sie sucht nach einer besser bezahlten Arbeit. Hin und wieder nippt sie an der
Tasse Kaffee, während ich den Brief ein drittes Mal lese.
Sie hat sich mit der angelesenen Zeitung auf den Balkon gesetzt und
begutachtet die Kästen, in die sie Samen für zehn Quadratmeter pflanzte.
„Sie werden bald platzen", sagt sie und gießt Wasser nach. „Und wenn sie
platzen, wird es Erde regnen, das erste Mal wird es Erde regnen, hier bei
mir!"
Ich setze mich auf den Stuhl ihr gegenüber. Zwischen uns der Tisch. So ein
einfaches Ding aus härtestem Plastik, ein wenig Stahl dazwischen. Darauf eine
grüne Decke. Zerschmolzene Flächen, wo Teelichter zu lange brannten, um uns
und den Freunden das Licht für die Nächte zu geben. In Irland, als wir im
Ring of Kerry, einer durch und durch begrünten Gegend, einander die Haare
zerwühlten und die Sonne uns sah, wie wir ineinander, war jedes Wort eine
Nichtigkeit, ein Kurzschluß.
„Ich möchte mit dir schlafen.", sage ich.
Vera steht auf, geht zurück in die Wohnung, zieht sich, legt sich nackt auf
die Matratzen und verharrt in einer schlafenden Pose. Ich komme über sie.
Denke, daß sie die Burg, die zu erstürmen ist. Wir tragen uns, signieren mit
unseren Zungen des anderen Anteil an Zeit und fallen vornüber. Es ist ein
Ringen. Zweikampf, wenn man will, aus dem jedoch kein Sieger hervortritt. Das
sind nicht die Küsse und die anschließende Tötung. Das ist nicht dieses: du
der Raum, ich die Ankunft. Das ist Geschichte. Wenn ich sie küsse, ist das
auch Geschichte. Aber kein Mauerfall. Als wir in einer schreienden Pose für
kurze Zeit still stehn, fällt mir die Fotographie ein. Dieses einfache Bild,
als wir auf der Fähre von der Freiheitsstatue nach Manhattan fuhren und
einander Liebe sagten. Wie im Film, dachte ich damals, so etwas Wirkliches,
so eine perfekte Einstellung, in der nichts fehlt.