Anselm
Anselm musterte nachdenklich den dunklen Fleck auf seiner im Laufe der
Jahre eng gewordenen
Soutane. "Kannst du nicht besser aufpassen", hatte er Angelika
zugezischt, die ihm schon einmal bei
der Vorbereitung zur Wandlung den in dieser Jahreszeit vorgewärmten
Messwein auf die Kasel
geschüttet hatte. Aber es war schwierig, zuverlässige Ministranten zu
finden und seit einigen Jahren
waren in seiner Pfarre nur noch Mädchen bereit, diesen geistlichen
Hilfsjob - so hatte das sein
Jugendseelsorger einmal genannt - zu verrichten.
Er betrachtete Angelika, die ihm den Rücken zugewandt die Albe in der
Truhe der überheizten
Sakristei verstaute. Als sie sich bückte, um den Deckel der Truhe zu
öffnen, rutschte Angelikas kurzer
roter Rock höher. Anselm schluckte.
"Du solltest dir nächstes Mal Hosen anziehen, damit du dich nicht
verkühlst."
Seine Stimme klang ihm fremd, seltsam entfernt.
"Okay Boss."
Langsam richtete sich Angelika auf und kam in ihren schwaarzen
Sportschuhen, die ihrem Gang etwas
Wiegendes verliehen, auf ihn zu. Sie lächelte, als sie seinen Blick sah,
und sah ihn an.
Er küßte die Stola und reichte ihr diese mit dem Zingulum, die er zuvor
abgelegt hatte und die nun auf
dem abgeschabten Pult neben ihm hingen. Sie nahm beide und hängte sich
den Gürtel um den Hals.
Langsam drehte sich das Mädchen um, faltete die Stola sorgsam in der
Mitte, ging die wenigen
Schritte zur Truhe, faltete den Stoff nochmals und beugte sich abermals
weit vor, um die
Kleidungsstücke hineinzulegen. Das kunstvoll geflochtene Zingulum
rutschte dabei von ihren
Schultern und fiel in die Truhe. Er hatte es längst aufgegeben, dieses
Kunststück, wie sie es nannte,
zu tadeln.
Angelika schloß die Truhe, ging zum Tisch neben der Tür zur Kirche und
ergriff den Klingelbeutel aus
blauem Samt, den sie beim Auszug nach der Abendmesse dort abgelegt hatte.
Als sie auf ihn zuging,
hielt sie den Beutel mit einer Hand am goldenen Rand und streichelte den
Stoff sanft mit der anderen.
Sie umfaßte ihn so, daß die Münzen darin klingelnd sprangen.
"Soll ich es in die Kasse leeren?"
"Laß nur, das mach ich schon!"
Ihre Hand berührte leicht seinen Handrücken, als er den Beutel
entgegennahm.
"Na dann bis morgen, Herr Pfarrer."
"Ja, bis morgen", wiederholte er erst, als die schwere Tür schon hinter
dem Mädchen ins Schloß
gefallen war.
Als er die Spenden der Gemeinde auf das Plastiktablett leerte, fand er
unter den Scheinen wieder
diese kleine rote Visitenkarte mit der handgeschriebenen Adresse. Das war
jetzt schon das sechste
Mal. Er nahm die Karte und warf sie wie immer in den Papierkorb.
Nachdem er die Hosenknöpfe und Parkmünzen aussortiert und die Spenden in
der Kasse verstaut
hatte, verließ Anselm die Sakristei. Er hatte das Licht schon abgedreht
und die Türe geöffnet, als er im
Schein des durch den schmalen Spalt hereinfallenden Lichtes der
Straßenlaterne doch noch zum
Papierkorb zurückging, die Karte ertastete und in die Innentasche seines
Pluviale steckte.
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