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Ein buch, ein vertrag - ein beispiel zur warnung

Im rahmen einer schulischen projektwoche wird ein schriftstellerehepaar zu schullesungen eingeladen. Die lokalpresse berichtet ausführlich über das projekt. Die lesungen werden auf fünf zeilen erwähnt. Immerhin.

Nach einem halben jahr kommt die lokalpresse auf das ehepaar zu, will über autoren in der region berichten. Der bericht über ihre bücher erscheint. Ein foto macht beide in der region bekannt.

Tags drauf ruft ein verleger an, ein kleinverleger in der region, der sich auf regionalia spezialisiert hat. Er möchte sich mit dem schriftstellerpaar treffen, einige von ihm geplante projekte diskutieren. Vielleicht komme es zur zusammenarbeit.

Die drei haben ihr gespräch. Das meiste bleibt in der schwebe. Aber ein projekt mit dem schriftsteller wird konkreter und nach einem weiteren gespräch konkret. Der schriftsteller schreibt ein erstes kapitel. Das erfüllt die erwartungen des verlegers. Bei einem dritten treffen wird der verlagsvertrag punkt für punkt durchgesprochen und festgelegt. “Ich richte mich nach dem normvertrag”, sagt der verleger. Der autor faßt weiteres vertrauen.

Einen vorschuß kann der kleinverleger nicht zahlen, aber er zahlt acht prozent. Das klingt dem schriftsteller ganz gut. Sonst hat er zwar zehn bekommen oder wenigstens neun, aber bei einem kleinen kinderbuchverlag neulich auch acht. Acht ist in ordnung. Der schriftsteller zeigt sich einsichtig, d. h. er verkennt die lage.

Im drei tage später zugeschickten vertrag steht die zahl acht, aber die formulierung lautet “acht prozent honorar auf der basis des mit der verlagsausgabe des werkes erzielten, um die mehrwertsteuer verminderten umsatzes (nettoumsatzbeteiligung)”. Sonst hat er zwar seine honorarprozente auf der basis des (um die darin enthaltene mehrwertsteuer verminderten) ladenverkaufspreises (nettoladenverkaufspreises) erhalten. Der autor schaut aber zur vergewisserung im normvertrag nach und findet obige formulierung in § 4.1 als dritte alternative. Er unterschreibt.

Weiters unterschreibt er auch nach § 4.7, zweite variante, daß honorarabrechnung und zahlung zum 31. dezember jedes jahres innerhalb der auf den stichtag folgenden drei monate erfolgen sollen. Im normvertrag ist als erste variante die halbjährlichkeit vorgeschlagen, die der autor aus seinen früheren verträgen kennt. Aber: Der schriftsteller zeigt sich einsichtig, d. h. er verkennt die lage.

Später fragt er beim verleger nach, läßt sich genau ausrechnen, was er pro verkauftem und bezahltem exemplar an honorar zu erwarten hat. Das buch werde 16 euro kosten (also rd. 32 dm), davon gehe der buchhandelsanteil von 55 % ab, blieben 7,8 euro, desgleichen die mehrwertsteuer ab, blieben also 6,71 euro, und davon erhalte er ja die acht prozent, also 0,83 euro bzw. rd. 1,66 dm.

Das findet der autor enttäuschend: vom ladenpreis von rd. 32 dm wird er 1,66 dm bekommen. Das sind 5,19 % vom nettoladenverkaufspreis. Der schriftsteller fällt aus allen wolken. Statt sonstigen 10 % nun nur die hälfte! Er fühlt sich reingelegt, weiß aber die schuld bei sich. Er hätte sich das gleich vorrechnen lassen müssen.

Er kontaktiert den verleger, verhandelt und erreicht einen leicht verbesserten vertrag: von jedem verkauften buch erhält er nun 2 dm. Das sind jetzt 6,73% vom nettoladenverkaufspreis. So wenig hat er nie verdient.

Erst viel später fällt dem schriftsteller auf, wie seine wirkliche verdienstlage ist. Er hat den ganzen september 2001 an diesem buch geschrieben, von ende august an also volle fünf wochen, täglich 10 bis 12 stunden internet-recherche und schreiben. Das buch erscheint anfang dezember. Wenn es bis zum 31. 12. 2001 vielleicht 200 exemplare verkauft, erhält er bis ende märz 2002 ein honorar von dm 400. Alles andere honorar für den verkauf in 2002 erhält er erst bis ende märz 2003. Der verleger allerdings verdient sofort und immer an jedem verkauften exemplar. Er wird seine investition bald hereinhaben. Der schriftsteller nicht. Kein mensch arbeitet einen ganzen september lang und wird im übernächsten märz bezahlt.

Der autor zieht seine lehren daraus: Ohne vorschuß wird er kein buch mehr schreiben (gedrittelt gestaffelt: vertragsabschluß, manuskriptablieferung, erscheinen des buchs). Das honorar wird 10% vom nettoladenverkaufspreis nicht (wesentlich) unterschreiten. Und die abrechnung wird halbjährlich sein.

Das buch wird sehr schön. Aber es ist eine wohltätigkeitsveranstaltung des autors für den verleger. Solch ein buch wird ihm nie wieder passieren.

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(C) 2001 by Burckhard Garbe
Kasseler Straße 39, 34376 Immenhausen-Holzhausen

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