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Burckhard Garbe

ICH LIEBE DIE LYRIKER

1
ich liebe die lyriker
wie sie da sitzen
vor publikum
einzeln
einzeln natürlich
und ihre schäden
ihr beschädigtsein durch diese je und je grausame welt
feiern und feiern lassen
doch feiern sie es als klage
chinesisches jammern und klagen
wehe du teilst nicht die wehmut
trau dich nicht mitzutrauern
der gestus erhabensten tuns umweht sie
bedeutsamkeit bannt den raum

2
und das publikum
die gemeinde des großen künders
steint
schweigt liturgie
keiner der sich verstohlen kämmt
keine die umschaut nach schönen männern
alle sind alle sind alle sind
ganz ohr ganz sinn ganz gefühl
leiden ist angesagt
jede und jeder
sie öffnen ihr herz
heben es halten es hoch
mit harrender hand
vielleicht daß aus dichter wolke
die von vorn über alle zieht
ein tropfen des saueren regens in es hineintropft
nun auch versehrung zu spüren
mitleiden mit leiden
ELEOS
orphisches urwort

3
ich liebe die lyrikerinnen
wie sie da sitzen
vor publikum
einzeln
den düsteren blick
zielgerichtet ins ziellose gerichtet
in schwarzer robe
richterinnen der zeit
unter schwarzer mähne versteckt
gesichtversteckt leibversteckt
schwarz in schwarz und schwarz
pegasos war ein rappe scheints
oh deine schwarzen flügel am abend
nie sah ich schwärzeres gold

4
und erst ihr ernst ihr ernsternsternst
diese gnadenlose verdunkelung
licht aus! welt
ägyptische finsternis
ihre gedichte sind grau auch des tags
(zwar gibt es andere
heiter wie bunte vögel doch selten
da lacht – horribile dictu – das publikum)
anders diese und diesengleichen
flügellahm unfarben bitter ernst
lyrik in halbtrauer
allaller tort der welt
diesen lyrikern wird er angetan
sie reklamieren ihn für sich
zur reklame für sich
ihr gedicht ist ihr löffel
über den sie die welt balbieren

5
sie leiden sie sterben
mehrfach an jedem tag
so steht es in ihren gedichten
und leben doch weiter
und oft nicht schlecht
sie leben
von ihren toden

6
ich liebe die lyriker
wie sie da sitzen
vor publikum
einzeln
einzeln natürlich
und ihre gefühle ans licht graben
wie trüffeln aus dreck
dies kostbare geben sie uns zu kosten
dies heiligste spenden sie uns zum heil
uns
die wir nicht seien wie sie
wie sie sagen
zwar beschädigbar auch
doch nicht wie sie
empfindlich empfindsam doch auch
doch auch nicht wie sie
wir
aus dem gröberen holz
wie sie sagen
aber auch unsere holzköpfe denken
auch unsere holzherzen fühlen
pinocchio ich pinocchios wir

7
sie aber dichten und dichten
sie dichten nach auschwitz
wie sie vor auschwitz schon dichteten
ja sie dichten sogar über auschwitz
sagen wollen sie das unsagbare
hybris! auch sie sagen es nicht
das wort des verstummens

8
ich liebe die lyrikerinnen
wie sie da sitzen
vor publikum
einzeln
einzeln natürlich
worte fallen und steigen und fallen auf uns
fallen aufs publikum
schwere worte
seraphische nannte sie benn
blattvergoldete herburger
worte fallen wie EWIGKEIT
das donnert schon lange nicht mehr
wie EINSAM wie SEHNSUCHT
wie BLUME wie BLAU
wie UNSAGBAR
sie sagen es dennoch
wie TRÄNEN wie TRÄUME
wie SEELE wie ALL
wie UNENDLICH
ja endet das nie
goldene worte oder nur glänzend
schwere worte
schwer zu ertragen

9
ich liebe die lyriker
panegyriker
diese illyrer des dichtens
illyriker

10
komm in den totgesagten park und schau
die blumen der lyriker welken
eppich und ehrenpreis
nelken verbenen und spätere rosen
veilchen kamelien selbst efeu
und der ersehnte lorbeer
doch welk doch braun doch schwarz
schwarz auch er

11
sie kreisen um lyrik den uralten turm
und sie kreisen jahrzehntelang
und wissen nicht
bin ich ein rilke
ein wurm
oder ein kleiner gesang

12
ich liebe die lyrikerinnen
wie sie da sitzen vor publikum
einzeln
und leiden
der lyriker als patient
als mitpatient
bruder in krankheit
schwester im schmerz
nie wurde mir klarer woran ich leide
ich leide an allem woran auch sie
der nächste bitte

13
sie leben das leben nicht
sie dichten das leben
sie dichten das leiden
ihr leidendes leben
mit feuchtender hand
um ihr selbst zu befrieden
ihr lyrisches ich

14
ich liebe die lyriker
wie sie da sitzen
nachher
hernach
zusammen
zusammen natürlich mit publikum
lachend bei würstel und bier
das leid
ihr unendliches leid
es wartet
geduldig
samt mantel und mütze
an der garderobe

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