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Tief in mir
Carmen Ritter

Bücher, die von der Authentizität des Autors zeugen, sind eher selten. Meist versteckt sich der Schreiber hinter den Zeilen oder aber er imaginiert seinen Weltbezug in eine Sublimierung hinein, welche keinen Bezug mehr zu seiner Welt darstellt. Umso erfreulicher ist es, wenn eine junge Autorin wie Carmen Ritter ohne irgendwelchen Schnickschnack auskommt, und ihre innere Realität abbildet. Es ist teuflisch schwer, Seelenräume literarisch zu öffnen. Die Sprache stößt an Grenzen. Nie mag es gelingen, das hohe Konzentrat potenzieller geistig-seelischer Energie auch nur annähernd in die Herzen und Köpfe der Leserschaft einkehren zu lassen. Darüber schreibt Carmen auch. Dass es unmöglich ist, andere Menschen zur Gänze zu verstehen. Dass es immer um das eigene Ich geht. Die Menschen haben schon genug mit sich selbst zu tun; warum also sollten sie sich auch noch mit Problemen anderer Menschen beschäftigen? Dieser Egoismus, der keineswegs verleugnet wird, macht es teilweise schwer, aus den Texten schlau zu werden. Sexualität, die nicht aus Liebe erwächst, hat einen doppelten Boden. Sie verschwindet recht schnell, oder aber die Partner reiben sich aneinander auf, und es entsteht eine Zwangssituation, aus der es keinen Ausweg gibt. Unter einer scheinbar idyllischen Konstellation ist die Tiefschichtigkeit der menschlichen Seele verborgen, an der kein noch so desinteressierter Sexualpartner vorbeikommt. Die Abkehr von dieser Unterschicht hängt aber oft von der Verletzlichkeit ab, die tunlichst keinen Grund zum Auftritt auf der Bühne der eindimensionalen Sexualität haben soll. Wenn Carmen ihren Egoismus übertrieben hervorkehrt, lässt dies Rückschlüsse zu auf die groben Verletzungen, die ihr im Laufe ihres noch jungen Lebens zugefügt wurden.

Kernkapitel des besprochenen Buches ist jenes von der „Mutterbeziehung", die von Anfang an gestört war. Carmen hatte keine glückliche Kindheit, und wurde von ihrer Mutter tunlichst ignoriert. Bald wusste das Kind schon, dass es nie erwünscht gewesen ist. Diese traurige Erkenntnis führte dazu, kaum einen Halt in der Welt zu finden. Als Ersatz für die nichtexistente Beziehung zur Mutter, welche doch die erste Bezugsperson eines Kindes sein sollte, begab sich Carmen bald schon in Abhängigkeit zu einem zehn jahre älteren jungen Mann, der sie nach Strich und Faden quälte. Die Autorin war erst 14 Jahre alt, als sie glaubte, die „Liebe" gefunden zu haben. In Wirklichkeit, das erkannte sie erst viel später, war sie nur ein Objekt für den Mann, der ihr Leben zur Hölle machte. Sie wurde ständig von diesem Kerl kontrolliert, bis die Situation eskalierte, und sie brutal geschlagen wurde. Eine Nacht des Horrors folgte, in der sie vergewaltigt und bis in die Tiefe der Seele hinein gedemütigt wurde. Das alles nur, weil sie es gewagt hatte, sich auf einer Party einer Freundin zu vergnügen. Der eifersüchtige „Freund" hatte sie von der Party abholen wollen, was Carmen verweigerte. Das war der Auslöser für die unfassbaren Geschehnisse, die nur für Menschen nachvollziehbar sind, denen ähnliches widerfahren ist. Die Mutter war auch in dieser schweren Zeit nie auf der Seite der Tochter, sodaß ein anderer Mann, der Carmen in tiefer Liebe verbunden war, letztlich ihre Rettung ermöglichte, indem er ein Frauenhaus anrief, und damit ein Ende des Schreckens für seine Angebetete einleitete. Die Texte von Carmen Ritter müssen in diesem Sinne gelesen werden, dass eben diese schweren Verletzungen von Seele und Körper eine innere Einstellung bewirkten, durch die sich ein „gesunder Egoismus" herauskristallisierte, welcher in erster Linie eine Schutzfunktion darstellt. Derartiges wie ihr in frühester Jugend passiert ist, mag ihr nie wieder auch nur annähernd passieren.

Die Lebensgeschichte einer Autorin nachzulesen, heißt ein wenig in die Intimität „einzubrechen", an der sie den Leser teilhaben lässt. Die Gedichte und die Prosa von Carmen Ritter sind stark geprägt von ihren Schmerzen, ihren Wunden, ihren sexuellen Höhenflügen.

Wirklich beeindruckend ist letztlich, dass sie trotz all der Schrecklichkeiten, die sie erdulden musste, ihren Stolz und ihre Lebensfreude nicht verloren hat. Sie ist daran gewachsen, und das schafft eine Verbindung zwischen Leser und Autorin, die zweifelsfrei nur selten in dieser Form ausgeprägt sein kann.

Für den Rezensenten sind es nicht die erotischen Gedichte, die das Herzstück des Buches ausmachen. Es ist die Authentizität ihrer Zeilen, wenn sie Lebenskrisen und den Weg daraus beschreibt. Nie können Verletzungen ausgelöscht werden. Sie prägen sich in Seele und Körper aus. Doch Carmen hat einen Weg gefunden, dieses Labyrinth zu durchschreiten, welches ihr Leben ausmacht. „Der Weg ist das Ziel" formuliert sie mehrfach. Ja, der Weg ist tatsächlich das Ziel, und das zeigt sich insbesondere an ihrer Lebensausformung.

Insgesamt eröffnet das Buch von Carmen Ritter die Chance, ungewöhnlich tief in die Verstrickung der Seele eines Menschen einzutauchen. „Tief in mir" ist ein passender Titel, da nämlich gerade diese Tiefe nur in den seltensten Momenten offenbart werden will. Um weitere Verletzungen möglichst auszuschließen, ist dies wohl auch eine notwendige innere Einstellung. Gerade deswegen fällt der Leser tief in die Seele der Autorin hinein, weil er eine Seele vor sich sieht, die tief verletzt wurde, und gleichzeitig eine schützende Hülle vor sich aufgebaut hat.

Ein gewisses Problem stellt das „Du" dar, an das sich Carmen immer wieder wendet. Es ist oft nicht ganz klar, ob sie damit sich selbst oder aber den Leser oder aber den Menschen meint, dem sie das Buch gewidmet hat. Zum Teil kann aber ohne weiters der Leser gemeint sein, weil Lebensbezüglichkeiten literarisch dargestellt werden, die eine bodenlose Allgemeingültigkeit implizieren. In jedem Fall ist es eine besondere Erfahrung, am Leben einer Autorin so dicht dran zu sein, und zum stillen Teilhaber zu werden, der weiss, dass es „Tiefer, irgendwo immer tiefer ein Licht gibt", wie es Kate Bush in „Hello earth" auf Deutsch sagt. „Irgendwo immer tiefer gibt es ein Licht", und Carmen wird dieses Licht für sich gefunden haben, davon bin ich überzeugt.

Bestell das Buch bei Carmen (carmen_witch@web.de)

Dieses Buch wurde empfohlen von Jürgen Heimlich

E-Mail: literaturexperte@chello.at

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