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Die Weihnachtsgeister des Herrn Lau
von Jürgen Heimlich

Rezension von Carmen Ritter

Die Adaption zu Dickens Weihnachtsgeschichte ist unverkennbar.
Heimlich erlaubt es sich sogar, sie annähernd gleich aufzuziehen, lediglich die Zeit des Geschehens hat er in die Echtzeit, ins Hier und Jetzt verlegt. Mit seiner Sprache, die an Genauigkeit und Härte, fast schon Brutalität, exakt in die heutige Zeit passt, nimmt Heimlich die Wirren unserer Zeit auf. Die Gehässigkeit der Menschen gegenüber ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen, die Gefühllosigkeit und Kälte, die Ignoranz und Intoleranz. Dickens Weihnachtsgeschichte mutet im Vergleich zu der von Heimlich eher wie ein Märchen aus der guten, alten Zeit an. Diese hier ist real, kalt und in ihrer unwirtlichen Härte schon fast wieder herzergreifend nah. Heimlich vollzieht einen Zeitsprung, der seine Leser erschrecken lässt, denn die Option, dass es solche Menschen wie den Protagonisten Lau wirklich gibt, ist sehr, sehr groß.

Sein widerwärtiger Held, Herr Lau, ist ein Zeitgenosse, wie er unangenehmer nicht sein könnte. Egozentrisch, herrschsüchtig und skrupellos. Er ist zu keiner Empathie fähig und auch gar nicht gewillt, in irgendeiner Form auf seine Mitmenschen einzugehen. Sein Leben spielt sich nicht im Miteinander ab, sondern in der Selbstbehauptung. Diese dann allerdings um jeden Preis und ohne jedes Maß. Herr Lau ist der Chef, der seine Angestellten ausnutzt, der seine Firma schädigt und sich seinen Geschäftspartnern als unterwürfiger oder großspuriger Geselle präsentiert, je nach dem, mit wem er es auf der Hierarchie- Leiter zu tun hat. Doch immer in der tiefen Gewissheit über allen anderen zu stehen, dem Mob nur wohlgesonnen zu sein und niemandem zu schaden. Jedenfalls niemanden, der es nicht auch, aus seiner Sicht, verdient hätte. Herr Lau hat seine eigenen Moral- und Wertvorstellungen. Ihn wundert es nicht, dass sich Freunde und Familie schon längst von ihm zurückgezogen haben, dass man ihm aus dem Weg geht und nichts mit ihm zu tun haben will. Sie haben ihn und seine Art nicht verstanden und demzufolge auch nicht verdient, dass er sich mit ihm abgibt. Frau und Kind zu vernachlässigen, sich von ihnen billig freizukaufen, scheint ihm ein probates Mittel, um sein Leben zu leben, so wie er es will. Ohne Achtung und Verantwortung anderen gegenüber, vermeintlich glücklich und zufrieden.
Die Oberflächlichkeit seines Tuns bemerkt er schon lange nicht mehr.
Das Blatt seines Lebens wendet sich, sein wohlgeordnetes, geplantes Dasein gerät mehr und mehr aus den Fugen. Er, der immer alles in der Hand hatte, selbstbestimmt und selbstgerecht gelebt hat, ist nichts als ein Wrack seiner eigenen Person. An seinem Ego und seiner Überheblichkeit hat all das aber nichts geändert.
Es erscheinen Herrn Lau in den verschiedenen Situationen verschiedene Geister seines Lebens. Auch hier lässt der Autor keinen Zweifel daran, dass ihm die Grundidee von Charles Dickens Weihnachtsgeschichte sehr gut gefällt. Herr Lau ignoriert die Geister, reibt sich verwundert die Augen und sieht doch nicht das Unrecht und Leid, welches die Geister ihm zeigen, welches er selbst verursacht hat.
Er landet im Krankenhaus, mehr oder weniger dem Tode geweiht, bewegungsunfähig. Ihn reut nichts, das Licht der Erkenntnis, Weihnachten immer wieder gepriesen, erhellt ihn nicht. Er ist der ignorante, herrische Bock, der nur nach seinem Willen lebt. Die letzte Gnade, den Tod zu besiegen, wird ihm, so scheint es, gewehrt. Und doch hört man Herrn Lau fast sagen: ich habīs doch gewusst, ich bin stärker und cleverer als ihr alle zusammen. Von Buße und Erkenntnis keine Spur.
Herr Lau stirbt und Herr Heimlich macht kein Geheimnis daraus, dass die Seele im Tode nicht immer Ruhe findet.

In den "Geheimnisvollen Geschichten" aus dem Wunderwaldverlag ist diese Kurzgeschichte von Jürgen Heimlich erschienen.

Carmen Ritter
November 2010

Weitere Infos: www.litlimbus.de/Titel/Dauergluehen.htm

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