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Als Amor sich unsterblich verliebte

Amor saß friedlich und ganz alleine an nichts Böses denkend auf seiner kleinen Arbeitswolke und fror vor sich hin. Nein, nicht weil die Menschen auf der Erde vor Gefühlskälte nur so bibbern sollten. Auch nicht, weil Winter war - man schrieb den 21. Juli - sondern weil so hoch oben naturgemäß bittere Kälte herrschte. Er konnte sich eben an die -40 Grad Celsius nicht gewöhnen. Er wußte nicht warum? Denn Gott, der Erzengel Raphael oder Petrus schafften es auch, sich mit diesen unwirtlichen Verhältnissen abzufinden. Nur Luzifer hatte früher seine Schwierigkeiten damit gehabt. Deshalb hatte dieser es auch vorgezogen, seinen Wohnort zu wechseln und sich in seiner neuen Bleibe ordentlich einzuheizen. Naja, das half ihm jetzt aber auch wenig, denn zum Teufel in die Hölle wollte er doch nicht gehen, da der Beelzebub, wie ihn Gott immer liebevoll nannte, als ein sehr unangenehmer Geselle verschrien war.
Was half also gegen Frieren und Langeweile? Richtig gelesen - fad war ihm auch, denn immer auf seiner Wolke zu sitzen und lustlos Liebespfeile zu verschießen, daß konnte einem mit der Zeit auch ziemlich auf die Nerven gehen.
Ja, was half also gegen Frieren und Langeweile? Sollte er wieder einmal ein wenig herumfliegen und sich die Gegend anschauen? Nein, das hatte er schon so oft getan. Er kannte sie schon in- und auswendig. Sollte er Gott oder einen der Engel ein wenig ärgern? Nein, das ziemte sich nicht. Für eine solche Narretei war er eindeutig schon zu alt. Es blieb ihm nur eine Lösung übrig: Wieder sinnlos Pfeile zu verschießen und hoffen, daß er damit die richtigen Paare traf, die sich darauf unsterblich ineinander verliebten, dann heirateten und sich später aber, wenn die Wirkung des hinterhältigen Schusses nachließ, vielleicht wieder zerstritten und im besten Falle auseinandergingen.
Also los. Auf ein Neues. Wieder einmal. Er griff in seinen auf den Rücken gebundenen Köcher, der ihm manchmal ziemliche Kreuzschmerzen bereitete, schnappte sich einen Pfeil, legte eiskalt an und schoß.
Zsssssssssssssssssspch. - Er hatte sein Ziel getroffen, nämlich Kurt, ein gelungener Plattschuß, mitten ins Schwarze. Gut, das war einmal ein nicht so schlechter Anfang. Doch jetzt kam erst die schwierige Aufgabe, eine passende Partnerin mußte gefunden werden.
Zssssssssssssssssspch. - Knapp daneben ist auch vorbei. Er hatte nicht Lisa sondern Alfred erwischt. Naja, was soll's. Wohin die Liebe fällt, da liegt sie eben. Was kümmerte ihn das. Für solche Probleme, die eigentlich sowieso keine waren, zeigte er sich dann nicht mehr verantwortlich. Er konnte sich nicht um alles kümmern. Dafür war die Kummernummer oder Telefonseelsorge zuständig.
Um seinen kleinen Fehler auszumerzen, versuchte er es ein zweites Mal. Er griff wieder in seinen Köcher, verriß sich dabei fast das Kreuz, legte an und - „Tschah!“ schoß .
Wer besaß hier die Frechheit, ihn so einen üblen Streich zu spielen. Dieser blöde Engel Ludwig - er war wohl neu hier - hatte ihn da fast zu Tode erschrocken, wenn er nicht schon unsterblich gewesen wäre. Amor hatte den Bogen total verrissen und zielte dadurch senkrecht in die Luft.
Zsssssssssssssssssspch - Natürlich änderte der Liebespfeil nach Absolvieren einer gewissen Strecke nicht spontan, sondern durch Naturgesetze, die auch hier galten, strikt vorgegeben, die Richtung und er raste wieder kerzengerade nach unten. Amor konnte sich vor lauter Schrecken, Staunen, Überraschung oder Faulheit nicht rühren, sondern starrte dem schnellen Geschoß nur fasziniert nach, welches ihn wenige Sekunden darauf natürlich von Kopf bis Fuß durchbohrte, dann aber durch die Erdanziehungskraft immer weiter beschleunigt, im freien Fall nach unten sauste und schließlich auch - Hanna traf.
Jetzt hatte er die Bescherung, denn er konnte dem Engel Ludwig nicht böse sein, weil er sofort von einem unbeschreiblich schönen Gefühl durchflutet wurde, daß er zwar schon tausende Male verursacht , aber persönlich noch nie zuvor kennengelernt hatte. Wonneschauer durchliefen seinen Körper. Sein rationelles Denken setzte aus. In seinem Glückstaumel vergaß er beinahe, daß er auf einer Wolke stand und ziemlich weit hinunterfallen könnte, wenn er nicht aufpaßte und einmal danebentrat. In seinem Hirn fand nur noch ein Gedanke Platz. Ich muß zu Hanna. Unbedingt. Sofort. Ich liebe und begehre sie. Deshalb hob er wohl auch auf der Stelle sanft ab, stürzte sich aber sodann mit schier selbstmörderischem Tempo in die nächste Gewitterwolke, so daß der Engel Ludwig besorgt den Kopf schüttelte, sich dann aber ein anderes Opfer aussuchen ging, daß er erschrecken konnte. Amor blitzte ab, was in der Himmelssprache soviel heißt, wie, daß man auf einer elektrischen Entladung, als Rutsche benutzend zur Erde hinabgleitet. So eilig hatte er es, daß er wie ein geölter Blitz den Blitz hinuntersauste.
Ja, Amor hielt es fast nicht mehr aus. Nicht die Erde, der er sich mit 99 g näherte, auch nicht den Köcher, der ihm noch immer arge Rückenschmerzen bescherte, sondern die unheimliche Macht der Liebe, die ihn fast niederstreckte. Es war das schönste und schrecklichste Gefühl, das er jäh erleben durfte und das gleich zur selben Zeit. Er war völlig überwältigt von diesem Zauber und wenn ihm nicht ein Schutzengel zur Seite gestanden wäre, der ihm zugeflüstert hätte, daß er schleunigst abbremsen sollte, dann hätte er mit einer solchen Wucht die Erdkruste durchschlagen, wäre durch das glühend-heiße Magma hindurchgesaust, hätte dem Eisen-Nickel-Kern noch einen kurzen Besuch abgestattet und wäre dann auf der anderen Seite wieder ins All hinausgeschossen, so daß die Menschen den normalen Donnerknall überhört und sie sich vielleicht angesichts der scheinbar ungestümen Naturgewalt Sorgen gemacht hätten.
So aber setzte er doch noch sanft in Lignano-Sabbiodoro in der Nähe des Meeresstrandes auf und blickte sich erst einmal um. Er sah Susi's, Reinhard's, Ilse's, Pepi's, aber keine Hanna war zu erspähen. Wo war sie? Wo? Wo?! Wo?!?! Verzweifelt ließ er seine schielenden Augen mal hier mal dorthin schweifen.
Jetzt hatte er sie entdeckt. Endlich. Das waren die schrecklichsten vier Sekunden seines Lebens gewesen. Wie konnte er sie nur so lange übersehen, dachte er sich in diesem Moment. Aber das war jetzt egal, weil sie genauso die Gegend absuchte, wie er zuvor. Wollte auch sie ihren Traumpartner finden? Nein, denn kurz darauf fragte Hanna den verdutzten Amor: „Entschuldigen Sie bitte. Haben Sie hier irgendwo meine zweite Gummisandale gesehen? Ich habe sie hier irgendwo verloren.“
„Nein“, antwortete er und wackelte frech mit seinen Flügeln. ,“aber dich und das reicht mir schon für mein Glück.“ „Mensch, ist das eine plumpe Anmache! Nicht so voreilig, Freundchen. Was fällt dir da überhaupt ein, du eingebildeter Tropf!“
Amor blitzte ab, was auf der Erde etwa soviel bedeutete, wie, daß er sich schleichen, die Kurve kratzen, Leine ziehen und abhauen sollte.
Sie setzte fort: „Zuerst brauche ich meine Sandale, sonst trete ich mir noch einen Seeigel oder einen spitzen Stein ein. Das willst du doch nicht, wenn du mich so heiß liebst, wie du sagst.“
War da eine Spur von Sarkasmus herauszuhören?
„Da liegt er ja, mein Gummischuh.“
Plötzlich fing es wie aus Kübeln zu regnen an, so daß die meisten Badegäste panikartig ihre Sachen zusammenrafften und flüchteten. Vielleicht hätte Amor doch nicht mittels eines Gewitters anreisen sollen? Aber das war für ihn das bequemste Transportmittel gewesen. Eigenständig fliegen erwies sich immer als so anstrengend.
Was hast du vorher gesagt? Ich glaube, du wolltest irgend etwas von mir?“ Sie sah ihn jetzt auf einmal mit verliebtem Blick an. Sie entpuppte sich als eine Spätzünderin, aber jetzt hatte es auch bei ihr endlich gefunkt und kein Regen konnte dieses Feuer und prickelnde Knistern sowie die innere, erogene Spannung jetzt noch löschen.
„Ich liebe dich! Seit ich dich das erste Mal gesehen habe, kann ich an nichts anderes mehr denken als an dich.“
„Du kennst mich doch erst seit 2 Minuten. Aber was soll's. Scheinbar hat mich Amors Pfeil getroffen, so daß ich auf deine einfältige Masche hereinfalle, denn ich kann deinem Charme auch nicht widerstehen. Schon seltsam.“
So nahm das Schicksal seinen Lauf.
Sie küßten sich leidenschaftlich, schworen sich ewige Treue, wurden durchnäßt bis auf die Knochen, Hanna fragte Amor, wofür er diesen seltsamen Köcher auf seinem Rücken benötigte, dann gingen sie miteinander ins Bett, was sich am Strand als wahre Meisterleistung herausstellen sollte, Amor meinte, er bräuchte ihn, den Köcher, damit er Liebespfeile abschießen könnte, worauf Hanna dreimal kurz lachte, ha, ha, ha und das war's dann auch - fast.
Denn während die beiden eifrig Turteltauben spielten, wurden natürlich keine Geschosse des gemeinsamen Glücks mehr abgeschossen, was fatale Folgen nach sich zog:
Kein Junge verliebte sich mehr in ein Mädchen, im Gegenzug auch kein Mädchen in einen Jungen. Eine Frau schenkte einem Mann einen Korb, aber nicht ihr Herz. Die Männer gingen lieber ins Wirtshaus saufen und schnapsen, anstatt zu ihren Frauen heimzukehren.
Die Erde drohte auszusterben, was vielleicht nicht das Schlechteste sein sollte, was ihr passieren konnte. Still und heimlich - ohne Protest. Denn ein Liebespaar auf der großen, weiten Welt, das war eben zu wenig.
Da aber Amor einsah, daß das nicht der richtige Weg für ihn war und er doch nicht seinen Job verlieren wollte, beschloß er gemeinsam mit Hanna folgenden Lösungsvorschlag in die Tat umzusetzen:
Er wollte sie auf seine Wolke mitnehmen. Er nahm sie auf seine starken Arme, hob sie empor und - da rutschte sie ihm aufgrund seines patscherten Auftretens durch die Hände, stürzte dem tausende Meter weit entfernten Boden entgegen und - platsch.
Wer jetzt glaubt, daß Amor wieder - um eine größere Spur trauriger als früher - einsam und verlassen auf seiner Wolke sitzt, lust- und lautlos Liebespfeile verschießt, der irrt sich gewaltig. Denn Hanna ist zwar gestorben, trat dann aber umgehend von sich aus den Weg in den Himmel an, wo sie wieder mit ihrem Göttergatten vereint sein konnte und es vermutlich noch immer ist.

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