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Dienstag

Ja, ich schaffe es.
Wirklich.
Nur noch ein wenig Geduld und Ausdauer.
Ein paar klitzekleine Zentimeter.
Die Zähne fest zusammengebissen und - raus aus dem Bett.
Das gleiche Lied wie jeden Dienstag. Dieser Tag ist etwas, wie soll ich es bloß vornehm sagen, ohne schon in aller Frühe fluchen zu müssen - ja, so geht's - gewöhnungsbedürftig. Gelinde ausgedrückt.
Ich lasse mühevoll meine beiden Beine aus dem Bett plumpsen.
Langsam.
Vorsichtig.
Nur nichts überstürzen. Gut Ding braucht Weile. Zuerst das linke, falsch, zuerst das rechte und dann erst das linke. Sonst gibt es ein heilloses Durcheinander. Das hätte mir gerade noch gefehlt, an einem Morgen wie dieser einer ist.
Geschafft. Mann, bin ich gut. Ein erster Teilerfolg. Jetzt sitze ich auf meinem Bett und betrachte schlaftrunken die beiden Dinger, die da lustlos an mir herunterbaumeln. Ich blinzle kurz - ist das anstrengend, bei den vielen Körnern in den Augen, weil es der Sandmann zu gut mit mir meinte - dann fällt es mir wieder ein. Ach, das sind ja meine guten alten Bekannten, meine Beine. Ich hatte sie fast schon vergessen.
Für eine halbe Sekunde lächle ich sogar und bin diesen kurzen Augenblick lang erfreut, daß ich es so weit gebracht habe. Doch schon holen mich die bitteren Tatsachen auf den Boden der Realität zurück, denn aus dem Radiogerät dröhnt leise „Ich bin müde“ von Boris Bukowski. Er singt mir aus der Seele, obwohl ich mir gar nicht so sicher bin, ob er es wirklich ist, so aufgeweckt, wie er dieses Lied zu trällern wagt.
Aber was soll's. Jedenfalls weiß ich, warum ich heute so deprimiert in den Tag falle. Mein Hirn hat es vor fünf Minuten in meine Gedanken gehämmert, so daß mich eine kurze, grelle Schmerzensnadel durchstößt, die jetzt soeben mein Bewußtsein durchbohrt hat.
DIENSTAG!
DIENSTAG!
DIENSTAG!
Ich kann es scheinbar gar nicht oft genug wiederholen. Bin wohl ein Masochist. Ein Dienstag hat irgendwie etwas grausames an sich.
Warum?
Das fragen sich jetzt tausende und abertausende Leser dieser Geschichte. Normalerweise hat der Montag das Privileg, der schreckenserregende Tag der Woche zu sein. Aber bei mir verhält sich das ein wenig differenzierter. Nicht nur Wien ist anders, sondern auch ich bin es. Folgen Sie doch einmal ganz kurz meinen Gedanken. Begleiten Sie mich auf der Reise in mein eigenes Ich. Wagen Sie es. Nur Mut.
Am Freitag beginnt das Wochenende. Mittag ist Schluß. Ein letztes Mal verbringt man ein gemeinsames Mittagessen in der Kantine mit den Kollegen. Ein Bierchen in Ehren kann niemand verwehren. Dann noch einen Verdauungsschnaps. Man will ja schließlich keine Magenschmerzen bekommen. Dann noch ein zweiter Obstler, weil auf einem Bein steht es sich nicht gut. Da aller guten Dinge drei sind, schickt man noch einen hinterher. So geeicht wird zu späterer Stunde bereits der erste Rausch fällig.
Szenenwechsel. Denn ich kann mich an nichts Genaues mehr erinnern. Der Samstag erlaubt es sich, beim Fenster hereinzublicken. Doch ich strafe ihn mit kühler Verachtung, knalle mein Gesicht in den Kopfpolster hinein und schlafe mich am Vormittag, der meistens mit einem Sonnenuntergang endet, einmal gründlich aus. Man will schließlich am Abend wieder fit für neue Heldentaten sein, so sagt man, um wieder die Discotheken unsicher machen zu können. Dabei passiert dann meistens mein zweiter noch verheerenderer Absturz, der mich bis Sonntag nachmittag lahm legt. Da ich dann fast den ganzen Tag vertrödelt habe, denke ich mir, daß ich doch noch irgend etwas Sinnvolles unternehmen sollte. Im Klartext bedeutet das, daß zu fortgeschrittener Stunde das Wochenende noch einmal begossen und gehörig verabschiedet werden muß. Jeder Tag soll ein Fest sein. Warum dann nicht auch diese 24 Stunden.
Mancher Zyniker könnte jetzt behaupten, daß die Möglichkeit nicht auszuschließen wäre, daß es sich bei meiner Person um einen Säufer handle. Doch ich bin da natürlich anderer Meinung. In mir steckt ein echter Patriot und helfe damit einer maroden Wirtschaft wieder auf die Beine und fördere den Absatz von Bier, Wein, Schnaps und - Kopfschmerztabletten. Die traurigen Folgen: Tiefe Bewußtlosigkeit bis zur Ekstase.
Am Montag, nach dem durchsoffenen Wochenende, habe ich dann so einen Mordskater, obwohl ich eigentlich nicht sehr tierliebend bin, daß ich den ganzen Tag vor mich hin dämmere und nichts mitbekommen kann, auch wenn ich es noch so wollte, was rings um mich herum geschieht. Hat doch auch seine Vorteile, oder?
Dann, ausgerechnet am Dienstag, kommt es mir wie ein gewaltiger Donnerschlag, wie die Apokalypse ohne Weltuntergang, was in den letzten Tagen vorgefallen ist, wieviel Geld ich hinausgeschleudert habe und wie lange diese vom Frust geschwängerte Arbeitswoche noch dauern muß, bevor ich mich wieder in meine eigene Wochenendtraumwelt flüchten darf. So. Jetzt weiß es jeder. Genug gejammert. Ich bin schließlich keine Heulsuse, weil ich Hannes heiße. Ich werde es überleben. Aber man wird sich doch noch seine Gedanken machen dürfen?
Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Warum bin ich nicht schon früher darauf auf diesen grandiosen Gedanken gekommen? Warum mußten so viele, lange, trostlose Dienstage vergehen, bevor mir diese Wahnsinnsidee einfällt? Ich bin ja so dumm. Nein, bin ich natürlich nicht.
Wie komme ich nur darauf? Die Lösung ist so einfach. Ich wünsche mir einfach eine Märchenfee herbei. Wofür gibt es diese Zauberwesen denn? Ganz klar: Um Wünsche zu erfüllen! So steht's doch in vielen Büchern wie Grimms Märchen oder in den Geschichten von Christian Anderson. Diese Herren werden doch nicht lügen.
Deshalb stelle ich mich eben hin, richtig gelesen, ich habe mich bereits ächzend von meinem Bett erhoben, und schnippe dreimal mit den Fingern, zwinkere zweimal mit den Augen, niese einmal, weil mich die Morgensonne blendet und rufe: „Liebe Fee sei so frei und hilf mir ganz nebenbei!“
Da macht es einen riesigen Pascher und sie steht vor mir. Es hat tatsächlich geklappt. Unglaublich. Alt, fett und runzelig. Wirklich keine Schönheit, aber immerhin eine Fee. Das vermute ich zumindest.
„Hallo“, begrüßt sie mich schüchtern.
„Hallo“, antworte ich zaghaft.
„Tja“, bereichert sie die Diskussion.
„Aha“, stimme ich ihr zu.
Es will irgendwie nicht die richtige Stimmung aufkommen.
„Hmm, naja, schöne Bescherung. Jetzt bin ich da. Aber warum? Ach ja, weil du mich gerufen hast. Störst mich da in meinem Schönheitsschlaf.“
Als wenn der noch etwas geholfen hätte.
„Was willst du eigentlich von mir? Dir muß schon etwas wirklich Gutes einfallen, damit du es rechtfertigen kannst, mich so zu hetzen.“
„Jetzt hör' doch auf damit“, wage ich einzuwerfen, „du bist eine Fee und Kraft deines Amtes dazu verpflichtet, jenen zu helfen, die dich rufen und in Not geraten sind.“
„Bist du in Schwierigkeiten? Frierst du? Hast du wahnsinnigen Hunger, der in deinen Eingeweiden nagt, als ob 10 Hamster in deinen Bauch wären? Wirst du von deinem Vormund hoffnungslos unterdrückt? Zwingt man dich, Erbsen von Asche zu trennen oder Schwefelhölzer in der bitteren Kälte zu verkaufen?“
„Nein, das nicht gerade. Aber ich habe trotzdem ein Problem. Was heißt da trotzdem. Mir geht es viel schlimmer, als all den Gestalten zusammen, auf deren Schicksal du jetzt angespielt hast.“
„Wirklich?“ fragt sie mit einem gewissen Argwohn in ihrer resoluten Stimme, die jetzt aber so kuschelweich wie blank geputzter Stahl klingt. Aber vielleicht täusche ich mich in meiner Beurteilung.
„Ja!“ erwidere ich forsch, „Mir ist der Dienstag zuwider. Du weißt schon. Das ist der Zeitabschnitt von 0 bis 24 Uhr, der nach dem Montag kommt. Als ziemlich gutes Beispiel könnte man den heutigen Tag nennen, wenn du es vielleicht noch nicht bemerkt hast?“
„Hmm“, macht sie wieder, „du magst also den Dienstag nicht besonders. Das ist fürwahr ein Problem. Was machen wir da. Hmm.“
„Wie wär's mit abschaffen?“
„Gute Idee!“
„Na, dann ans Werk! Los geht's!“
„Halt! Nicht so eilig!“
„Wieso?“
„Gut Ding braucht Weile.“
Sie schnippt mit den Fingern, wackelt mit den Ohren, stampft mit dem linken Fuß 17mal auf dem Boden auf und sagt danach ihr Sprüchlein auf:
„Dienstag, Dienstag sei gewesen.
Verschwinde schnell. Sei schnell verwesen.
Pack dich selbst in deinen Koffer ein
und nimm in die Hände dein Gebein.“
Danach murmelt sie noch einige unverständliche Worte, wobei ich mir einbilde, auch ein paar andere Wochentage zu hören. Aber wahrscheinlich täusche ich mich. Danach verschwindet sie. Es macht „BUMM“, wobei eine gelbliche Rauchwolke entsteht, die verdächtig nach Schwefel stinkt und ein Fenster zerbirst - und weg ist sie.
Strenges Parfüm, denke ich mir noch und stapfe hinaus in der vom Dienstag befreiten Stunde.
Natürlich fühle ich mich gleich viel lockerer und völlig frei. Frei vom Diktat dieser 24 Stunden. Frei vom Unbehagen, daß mich nicht beschleicht, weil es schon seit langem da ist. Frei von allen Ängsten, daß mir nicht eine Torte ins Gesicht geschmissen wird, sondern ein gehöriger Patzen Dreck, genauso wie letzten Dienstag, als ich an der Baustelle in der Roseggerstraße 7 vorbeigekommen bin, wo ein neues Vergnügungszentrum entsteht.
Doch halt! Ich weiß ja noch gar nicht, ob mir die gute Fee nicht etwas vorgeschwindelt hat? Vielleicht war sie doch ein wenig darüber verärgert, daß ich sie in ihrem Schlaf gestört habe, so daß sie mich hereingelegt hat, mich in Sicherheit wiegen will und das Schicksal dann mit doppelter Härte zuschlägt und mich zu Boden streckt.
So trete ich unerschrocken und festen Schrittes zum Haustor mit den zwei Säulen links und rechts vom Eingang hinaus. - Und siehe da, kein Straßenbengel stellt mir ein Bein, kein Ziegelstein fällt mir auf den Kopf und als ich schließlich an der Baustelle in der Roseggerstraße 7 vorbeikomme, schmeißt mir irgend jemand eine Cremetorte ins Gesicht und keinen Patzen Dreck, wie früher einmal geschehen. Meine Lage hat sich also merklich verbessert.
Jetzt wage ich die Probe aufs Exempel. Den Mutigen gehört die Welt.
„Entschuldigen Sie, welcher Tag ist denn heute?“ frage ich den übernächstbesten Passanten, weil beim nächstbesten habe ich mich doch noch nicht getraut, während ich mit der Zunge einen Teil der Köstlichkeit in mich aufnehme, die zuvor auf mir gelandet ist.
„Der mir eigentlich Unbekannte sieht mich zuerst verdattert an, er hält mich wohl für nicht ganz richtig im Kopf, dann antwortet er zwar argwöhnisch, aber immerhin doch: „Glglglglgrkchpchchrdtp“.
„Danke“, sage ich. So lautet also der Name für den heutigen Tag. Juchuh. Es gibt keinen Dienstag mehr.
Fröhlich beschwingt und ausgelassen Twist tanzend und Weihnachtslieder trällernd, obwohl gar nicht Winter ist, begebe ich mich zur Arbeit, verrichte diese, nachdem ich doch noch vollständig mein Antlitz gesäubert habe, mit einer noch nie gekannten Freude und taumle schließlich vom Glück völlig überwältigt wieder nach Hause. Ich habe es geschafft. Dieser Tag wäre überwunden. Er hat seinen Schrecken endgültig verloren. Das Paradies ist hier. Am nächsten Tag dröhnt es in meinem Schädel. Meine Glieder sind schwerer wie Blei. Tiefe blau gefärbte Jahresringe umzeichnen meine Augen. Warum? Ich mußte dieses denkwürdige Ereignis einfach gehörig feiern. Ist doch zum Verstehen, oder?
Jedenfalls schlurfe ich wieder einmal, wie schon so oft zuvor praktiziert, müde aus dem Haus, aber diesmal ist es anders. Verrückt, wie ich eben bin, will ich die ganze Wahrheit wissen, die sich möglicherweise nicht mit der von mir erwarteten deckt. Nur zur Sicherheit. Reine Routine.
„Darf ich Sie kurz etwas fragen?“ beginne ich, lasse ihm aber kaum Zeit zum Luft holen, geschweige denn, zu verneinen und fortzulaufen, damit er sich meiner Neugierde entziehen kann und setze fort, „Haben wir heute Mittwoch?“
„Mittwoch? Was ist denn das für ein ulkiger Ausdruck. Nie gehört. Heute ist doch Olkjfdsalkjfdsoa.“
Soso. Danke!“ Ich bin nicht wirklich verwirrt. Hat da die alte, runzelige und fette Fee etwa einen kleinen Fehler begangen und gleich zwei oder vielleicht sogar mehrere Tage verzaubert. Na, egal. Im Prinzip macht es überhaupt nichts aus, ob ein Montag, Montag heißt oder Ababcddecielieh.
Überraschung! Zumindest für mich. Ich kenne bereits die neuen Wochentage. Sie hat wohl gleich mein Hirn mitverzaubert. Praktisch. Da brauche ich nicht mehr mühsam umzulernen.
Ababcddecielieh.
Glglglglgrkchpchchrdtp.
Olkjfdsalkjfdsoa.
Lfkafaffaldsfadsfffdsadsa.
Fdkdiekdiuejeiekdue.
Dkdkdkdkieieieikiej.
Fdsafllkdsaf.
Ist doch ganz einfach. Als ob ich nie etwas anderes gekannt hätte.

Ja, ich schaffe es.
Wirklich.
Nur noch ein wenig Geduld und Ausdauer.
Ein paar klitzekleine Zentimeter.
Die Zähne fest zusammengebissen und - raus aus dem Bett.
Das gleiche Lied wie jeden Glglglglgrkchpchchrdtp. Dieser Tag ist etwas, wie soll ich es bloß vornehm sagen, ohne schon in aller Frühe fluchen zu müssen - ja, so geht's - gewöhnungsbedürftig. Gelinde ausgedrückt.
Ich lasse mühevoll meine beiden Beine aus dem Bett plumpsen.
Langsam.
Vorsichtig.
Es ist doch immer das gleiche. Nichts hat sich verändert, die „Fee“ hat mich hereingelegt.

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