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Eines Tages

Eines Tages einmal, es war schon ziemlich spät, klopfte es ganz sachte an meiner Tür. Ich dachte mir, daß es eigentlich schon ein klein wenig seltsam wäre, daß zu dieser fortgeschrittenen Stunde noch jemand zu mir wollte, da ich normalerweise jeden unfreundlich anschnauze, der mich nach 8 Uhr abends zu kontaktieren versucht. Fragen sie mich nicht, warum das so ist. Ich weiß es selber nicht. Aber ich kann aus meiner Haut einfach nicht heraus. Doch heute war ich ausnahmsweise ein guter Mensch, machte eine großzüge Ausnahme, es ritt mich wohl der Teufel, und rief: „Herein“.
Ein Mann um die dreißig trat ein. Lange, schwarze Haare, Lederjacke, Nietengürtel, tätowiert, kurz gesagt, ein richtiger Rocker. Ich sagte: „Guten Tag! Womit kann ich dienen?“
Er antwortete: „Darf ich mich vorstellen?“
„Wenn Sie darauf bestehen?“ Ich versuchte witzig zu sein.
„Man nennt mich Teufel.“ Er anscheinend auch.
Darauf ich verschmitzt: „Seit wann hat ein Höllenfürst ein so rockiges Auftreten?“
Mein Besucher klärte mich sogleich darüber auf: „Man muß mit der Zeit gehen. Außerdem ist mir mein altes Erscheinungsbild schon ein wenig auf die Nerven gegangen. Nur meinen guten alten Pferdefuß habe ich als Erinnerung noch behalten. Ein wenig sentimental bin ich doch, muß ich zugeben.“
Tatsächlich. Das hatte ich bis jetzt ganz übersehen. Er hatte wirklich einen Pferdefuß, so daß ich ahnte, daß die Sache langsam brenzlig werden könnte. Ganz vorsichtig, um ihn ja nicht zu beleidigen und zu unbedachten Handlungen zu provozieren, schließlich wußte ich noch nicht, welche möglicherweise weitreichenden Folgen ein Wutausbruch meinerseits haben könnte, fragte ich ihn: „Gut, ich sehe es. Sie sind wohl der Teufel, oder sonst ein übernatürliches Wesen. Aber was wollen Sie von mir? Ich bin erst 31 Jahre alt. Viel zu jung zum Sterben, wenn ich das so unverblümt sagen darf.“
Indem er eine listige Miene aufsetzte, die aber ein wenig schief und falsch aussah, antwortete mein nächtlicher Besucher: „Wenn ich richtig informiert bin, dann rauchen Sie 60 Zigaretten am Tag, saufen wie ein Loch, essen ist eines ihrer größten Hobbies. Also was soll's. Ab in die Gruft, Sie Schuft.“
Ich war natürlich ein wenig schockiert. Er hatte in gewisser Weise schon recht. Ich trank, rauchte und aß zuviel. Doch das war doch noch lange kein Grund, in so jungen Jahren das Zeitliche zu segnen.
Schon ein wenig verängstigt fragte ich ihn: „Muß das denn wirklich sein. Ich habe zwar keine Frau und keine 20 Kinder zu versorgen, aber ich hänge trotzdem sehr am irdischen Leben. Das ewige soll noch ein bißchen warten. Man kann sich doch meistens einigen. Wieviel wollen Sie denn? 100 Schilling, nein 1000, oder vielleicht gleich eine Million?“
Er antwortete: „Mit Geld kann man mich nicht ködern. Was soll das denn für ein plumper Bestechungsversuch sein. Jetzt werde ich aber schön langsam wirklich böse.“
Wie um seine Worte zu unterstreichen, kam er einen Schritt näher.
Ich weiß nicht, warum? Aber jetzt verlor ich doch die Nerven und nur deshalb flehte ich ihn wohl an: „Bitte, lassen sie mich noch auf der Erde verweilen. Ich schwöre Ihnen, daß ich nie mehr eine Zigarette anrühren werden, nie mehr Alkohol kaufen werde, und von Kaviar, Schrims und Lachsbrötchen werde ich in Zukunft auch die Finger lassen. Irgendetwas mußte ihn dazu bewogen haben, daß er seine Meinung jetzt änderte. Denn plötzlich blieb er stehen und fing zu lächeln an, sodaß es mir kalt den Rücken runter rieselte.
Er sog kurz und scharf die Luft ein, ich wußte gar nicht, daß ein Teufel atmen mußte - oder diente diese Aktion nur zur Erhöhung der Spannung?
Jedenfalls entschied er folgendes: „Gut. Sie erinnern mich an einen gewissen Doktor Faustus, der sich auch immer so viel vornahm. Deshalb gebe ich Ihnen eine Chance. Sie haben nun die Wahl, stelle Ihnen sozusagen eine Gretchenfrage. Entweder begleiten Sie mich sofort ein paar Stockwerke tiefer in die Hölle, wo Ihnen dann sicher nie wieder kalt wird, oder Sie werden dazu verdammt sein, für immer und ewig auf dieser Erde verbleiben zu müssen, was aber auch kein Honigschlecken ist. Ich werde niemals mehr zu Ihnen kommen. Treffen Sie ihre Wahl. Sie haben 10 Sekunden Bedenkzeit.“
Er schaute auf seine Rolex (Stilbruch - wie konnte sich ein Rocker eine Rolex leisten?) und zählte hinunter: „10, 9, 8“
Ich unterbrach ihn natürlich, denn es war schon verlockend, ewig zu leben. Außerdem war es noch immer besser, als hier und jetzt zu sterben.
Ich rief: „Halt! Stop! Aus! Ich habe meine Wahl getroffen. Ich will lieber ewig leben, als so lange tot sein zu müssen.“
Er fragte mich darauf: „Sind Sie sicher? Glauben Sie mir, es ist wirklich nicht angenehm, so überaus lange auf dieser Erde zu verweilen. Bei mir unten wäre es nicht so schlimm, wie hier heroben. -Aber wie Sie wollen. An mir soll es nicht scheitern.“ Siegessicher geworden fragte ich ihn noch: „Wollen wir diesen Pakt nicht mit unserem Blut besiegeln, so, wie es eigentlich üblich ist?“
„Er wehrte ab: „Ach, vergessen Sie es! So machte ich das früher. Aber wie ich schon erwähnte, ich will mein Erscheinungsbild ändern. Was wir mündlich vereinbaren, das gilt. Sie können sich darauf verlassen. Jetzt muß ich aber leider gehen. Sie sind nicht mein einziger Kunde heute Nacht. Ich wünsche Ihnen noch ein vergnügliches ewiges Leben.“
So sprach er und verschwand unter bestialischem Schwefelgestank. Sein Parfüm hätte er auch ändern können.
Ich freute mich natürlich wahnsinnig. Jetzt konnte ich tun und lassen, was ich wollte, denn ich war ja unsterblich. Nichts konnte mir wirklich schaden. Meine drei Versprechen hielt ich natürlich. Ich rührte nie mehr eine Zigarette an, sondern stieg auf Zigarren um, weil diese sowieso länger anhielten und auch besser schmeckten. Auch kaufte ich keinen Alkohol mehr, sondern brannte meinen Schnaps im eigenen Keller und Kaviar, Schrims und Lachsbrötchen mied ich sowieso schon immer. Es gab genug andere kulinarische Köstlichkeiten, wie z. B. Schweinsbraten, Spanferkel und Sachertorte.
So gingen die Jahre ins Land, aber ich ging nicht mit. Alle rings um mich herum wurden älter, nur ich widersetzte mich diesem Trend. Am Anfang fiel das keinem auf. Nur ab und zu bemerkte jemand, daß ich trotz meines lasterhaften Lebens eigentlich noch recht jugendlich und frisch aussehen würde. Aber im Laufe der Zeit mied einer nach dem anderen meine Gesellschaft. Ich konnte es ja verstehen. Nach fünfzig Jahren sollte man doch einmal anders aussehen als früher. Viele glaubten, daß ich mit dem Teufel einen Pakt abgeschlossen hätte. Einige Verleumdungsklagen konnten dieses Mißtrauen aber auch nicht völlig aus der Welt schaffen. Als alle früheren Freunde rings um mich herum an AIDS, Hautkrebs und einige wenige auch an Altersschwäche gestorben waren, beschloß ich, in eine andere Gegend zu ziehen. Inzwischen wurde schon zuviel über meine jugendliche Frische gemunkelt. Das war für mein Image nicht gerade das Beste.
Doch wie der Teufel es will. Es blieb nicht bei dem einen Wohnungswechsel. Gut, einige Jahre konnte man ungestört leben, doch dann wurden die Leute schon wieder mißtrauisch. Nach dem 10. Wohnungswechsel ging es mir wirklich schon auf die Nerven. Immer diese Plackerei mit den Möbeln. Außerdem wird einem das ewige Leben mit der Zeit ordentlich fad. Das Rauchen, Trinken und alle anderen Laster hatte ich mir schon längst abgewöhnt. Sie langweilten mich inzwischen einfach zu sehr.
650 Jahre später wurde es mir endlich zu bunt. Ich beschloß, auf Teufel komm raus Selbstmord zu begehen. Vielleicht konnte ich es schaffen, wenn ich es wirklich wollte. Ich versuchte mir die Pulsadern aufzuschneiden, doch die Klinge konnte meine Haut nicht verletzen. Ich wollte mich erschießen, doch der Revolver hatte Ladehemmung. Ich hatte vor, mich aufzuhängen, aber der Strick riß. Ich versuchte, mich mit Schlaftabletten zu vergiften, doch es half nichts. Ich war nicht tot zu kriegen. Beim besten Willen nicht.

Jetzt wußte ich es. Der Teufel hatte die Wahrheit gesprochen. Mir würde die Unsterblichkeit im Laufe der Zeit noch gehörig auf die Nerven gehen. Ach, wäre ich doch endlich tot, flehte ich zu allen möglichen Geistern. Doch alles Bitten und Betteln hatte keinen Sinn. Ich lebe weiter.

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