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"Franz" oder "Der Sinn des Lebens"

„Franz geh' net noch San Francisco. Franz, geh' net, bleib liaba do.“ Ja, so beschworen sie ihn alle, den Bauernsohn aus Tirol, der eigentlich eines Tages den Hof übernehmen sollte. Aber er ging trotzdem. Er ließ sich einfach nicht von diesem Vorhaben abhalten. Nicht um die Burg, die sie ihm für die Rücknahme seines Entschlusses anboten - eine aus Luft.
Und warum suchte er sich eine neue Bleibe? Glaubte er nicht mehr an das Österreichische Wirtschaftswunder? Gab es zu Hause Ungeziefer, vor dem er flüchten wollte? Suchte er denn Sinn des Lebens? HALT! Wer ist denn das? Wer nimmt mir in meiner Geschichte so ungeniert schon die Antwort vorweg. Ach so, ich selbst. So schlecht kenn' ich meine eigenen Gedanken. Naja, was soll's. Jetzt ist es sowieso schon heraußen. Franz, nein, nicht der aus der HUMANIC-Werbung, auch nicht der, der gerade auf der Luftmatratze unaufhaltsam Richtung offenes Meer trieb, sondern der, der eben auf dem Bauernhof wohnte, er suchte still und heimlich, einfach so, nach dem Sinn des Lebens. Aber warum gerade in Amerika? Ausgerechnet in Amerika.
Damit, ja richtig, mit dem Suchen des Sinn des Lebens, hatte er sicher eine besonders harte Nuß zu knacken, denn schon so mancher Philosoph hatte sich an dieser Aufgabe die Zähne ausgebissen und und nicht nur diese waren daran zerbrochen. Er war nicht so leicht zu finden, wie sich das vielleicht die Monty Pytons vorstellten, die ihn schon nach zirka 2 Stunden nach allen Regeln der Kunst ausgeschlachtet, zerlegt, zerteilt, wieder zusammengeführt und werbewirksam in den Kinos verkauft hatten.
Er aber, - wer? - na, der Franz, schwang sich auf Schusters Rappen und los ging's. Im Vorbeihuschen winkte er noch schnell dem Großglockner und dem Eifelturm zu.
Einige paar verbrauchte Schuhe später erreichte er den Atlantischen Ozean. Angesichts der großen, mächtigen, ehrfurchterweckenden, schier gottesangesichtigen Wassermengen besann er sich der Worte, die er so oft vernommen hatte: „Franz geh' net noch San Francisco.“ Sie hatten doch recht. So konnte es nicht klappen. Er mußte schwimmen. Sonst ergab es keinen rechten Sinn. Einen Köpfler und eine Beule auf der Stirn später, kraulte er durch das Meer, durchpflügte mit seinen kräftigen Armen das salzige Wasser bis er wieder festen Boden unter seinen Füßen verspürte und sich entschloß, doch wieder zu gehen und nicht zu schwimmen oder etwa zu fliegen, denn zu letzterem war er sowieso nicht fähig.
Schließlich, er war doch schon ein wenig müde geworden, erreichte er die große Metropole an der Westküste Amerikas: San Francisco. Ein Traum war wahr geworden. Leichten Fußes überquerte er die Golden Gate Bridge und ließ die Beine nicht im Wasser Baumeln, weil für solche Scherze hatte er jetzt keine Zeit, sondern suchte sich Quartier und Arbeit.
Eine Unterkunft war schnell gefunden. Unter der Brücke ließ es sich während der Sommermonate gut wohnen und für den Winter würde er schon noch etwas Besseres finden.
Jetzt hieß es nur ein kleines Problem zu bewältigen, damit er nicht verhungern mußte: Arbeit finden. Dabei handelte es sich zwar nicht um den Sinn des Lebens, wie er sich einbildete, aber ohne Arbeit hätte er kein Geld, ohne Geld könnte er nichts zu essen kaufen, ohne Essen würde er verhungern und sterben und dann könnte er nicht mehr den Sinn des Lebens suchen, geschweige denn, finden, weil er dann kein Leben mehr hätte, zumindest nicht in dieser Welt.
Welche Möglichkeiten standen ihm deswegen zur Auswahl? Erstens konnte er Landwirt werden, aber dazu fehlte ihm zwar nicht das nötige Know-how aber dafür das nötige Land und Kapital, um sich einen Steyrertraktor kaufen zu können.
Zweitens gab es da den Beruf eines Tellerwäschers oder Schuhputzers, den man ergreifen durfte, um sich dann mühsam zum Millionär hochzuarbeiten. Etwa nach dem Motto des Amerikanischen Traumes. Aber das erschien ihm als zu anstrengend. Es blieb ihm wohl nur eine Möglichkeit übrig. Sie hatten es nicht anders gewollt. Einen anderen Ausweg gab es nicht, niemals. Er wollte der erste amerikanische König sein. Das war ein Beruf, den hier noch nie jemand ausgeübt hatte. Deshalb gab es auch keine Vorschriften, wie man diese Aufgabe erlernen und dann exekutieren konnte. Keine Gesetze, keine Richtlinien, keine Verbote oder Gebote mußte er einhalten. Das war der richtige Job für ihn.
Vorerst hatte er jedoch folgendes Problem zu überwinden. Er beherrschte die englische Sprache nicht besonders gut, die hier vermutlich dringend von Nöten war. Er wußte zwar, daß man „Eim folling in lav“ nicht mit „Ich falle in die Liebe“, oder „Eim fieling blu“ nicht mit „Ich bin blau“ übersetzen durfte, aber das war dann schon seiner Weisheit letzter Schluß.
- Franz hatte es geschafft. Nein, er hatte nicht den Sinn des Lebens gefunden und den Titel eines Königs hatte er auch noch immer nicht inne. Doch er hatte die englische Sprache erlernt. Deshalb konnte er zum zweiten Schritt seines Planes übergehen. Er mußte Leute für sich gewinnen und zwar möglichst viele. Nur wenn die Masse seiner Meinung, seiner Gesinnung, im hörig war, konnte er dem amerikanischen Präsidenten ein Schnippchen schlagen und die Macht übernehmen.
Er überlegte, wie das anzustellen war und kam sogleich auf die Lösung, weil dumm war er ja nicht.
Franz beschloß vorübergehend Märchenerzähler zu werden. Denn was taten die Politiker schon anderes, außer das Ergebnis ihrer Hirngespinste zu verbreiten. Er mußte also nur besser sein als diese, um die Leute so für sich zu gewinnen.
Er stellte sich auf die große Brücke und fing zu erzählen an:
„Es gab da einmal einen klugen Bauernsohn namens Franz, dieser zog aus, um den Sinn des Lebens zu finden. Um jenes Ziel zu erreichen, beschloß er König zu werden. König von Amerika. Dieser Plan war wohl sehr verwegen, weil Franz in Österreich lebte und er erst in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten reisen mußte. So machte er sich eines Tages auf Schusters Rappen auf und davon, überquerte die Alpen durchschritt den Arlbergtunnel, grüßte den Eifelturm und schwamm dann über den weiten Ozean, um ...“
Da wurde er mit wildem Gebrüll und wütendem Geschrei unterbrochen. Die Geschichte nahm ihm keiner der 7 Anwesenden ab. Naja, es handelte sich auch um die Wahrheit und nicht um eine Lüge. Da mußte er das schon verstehen und er dachte deshalb noch einmal angestrengt nach, um es beim zweiten Versuch besser zu machen.
Deshalb hob er beim nächsten Mal seine Stimme an, bevor ihm alle wieder davonliefen: „Ja, warum sind wir hier so zahlreich versammelt? Das fragt ihr euch sicher und ich sage es euch. Ich bringe euch den Weltfrieden. Alle Menschen auf der Welt werden Brüder und Schwestern sein. Nirgends mehr wird es Hunger und Leid geben. Überall wird Frohsinn und Heiterkeit herrschen.“ Anscheinend zeichnete sich ein erster Erfolg seiner von sich gegebenen Unwahrheiten ab, denn die Zahl der Leute hatte sich bereits mehr als verzehnfacht und es wurden immer mehr.
„Wir werden es gemeinsam schaffen, alle Waffen dieser Welt zu vernichten, ohne daß sie irgend jemanden etwas zu leide tun. Alle hier Anwesenden (inzwischen waren es schon weit über hunderttausend) und auch der Rest der Welt wird wieder frische Luft atmen, reines Wasser trinken und unbelastete Lebensmittel essen können. Na, ist das etwa nichts, was ich euch bieten kann? Nein, das ist mehr als nichts. Deshalb habe ich eine Frage an euch. Was werden wir unternehmen, um diese schier paradiesischen Zustände auf der Erde zu schaffen? Wen werdet ihr eure Unterstützung gewährleisten? Wer wird euch in Zukunft regieren?“ „Franz for President! Franz for President! Franz for President!“ brüllte die begeisterte Menge. Millionen jubelten ihm zu. „Nein, nicht Präsident, König will ich werden! Helft ihr mir dabei?
„We will help you! We will come with you until the end of the world! King Franz I, King Franz I, King Franz I.“ Genau das wollte er hören. Er verließ die Golden Gate Bridge und zog mit den Millionen Menschen durch die Lande, wobei sich immer mehr ihm anschlossen, als sich seine Botschaften mit Windeseile weiterverbreiteten.
Schließlich kamen sie zum Weißen Haus in Washington.
„Das ergibt doch alles keinen Sinn“, flüsterte der amerikanische Präsident seinem engsten Berater zu, als er die vielen Leute sah, die sich da auf seinen Regierungssitz zubewegten, unaufhaltsam.
„Aber ich glaube, es hat mehr Sinn, wenn ich mich aus dem Staub mache, bevor mich diese Menschenmasse überrollt und niederwalzt.“
Franz hatte erreicht, was er wollte. Der Präsident der Vereinigten Staaten war angesichts der ungeheuren Bedrohung zu Gunsten des ehemaligen Hoferbens abgedankt. Dieser war jetzt der erste König der USA. Jetzt hatte er keinen Bauernhof sondern einen Königshof. Handelte es sich dabei um des Lebens Sinn? Macht! Ansehen! Komfort! Das ging fast zu leicht. Nein, das konnte noch nicht der Stein der Weisen sein. Doch was wollte er mehr? Die deutschte Sprache einführen. Denn er kam schließlich aus Österreich. Da war es nur recht und billig, daß seine Muttersprache die Verständigungsform aller amerikanischen Staatsbürger wurde.
Am Anfang erwies sich diese Unternehmung noch als ein klein wenig schwierig, denn mit „Ich Franz, du Jane“ oder „Ich bin ein Berliner“ kam man doch nicht sehr weit. Aber für den Anfang war das vielleicht doch nicht so schlecht und wie es sich herausstellen sollte, zeigten sich die Staatsbürger des Vereinigten Königreiches von Amerika als sehr gelehrig.
Wie er später feststellen mußte - leider zu spät - erwies sich das als großer Fehler. Jetzt, wo alle Amerikaner der deutschen Sprache mächtig waren, verstanden und begriffen seine Anhänger plötzlich, mit welcher Wahlrede er sie geblendet hatte. Denn diese hatte er in alter Gewohnheit in seiner Muttersprache Deutsch gehalten. Jetzt verstanden sie endlich den Sinn seiner Worte und kamen drauf, daß das eigentlich totaler Unsinn war, den er da vor sich hingebrabbelt hatte. Das war doch völlig weltfremd, was er damals von sich gegeben hatte. Von wegen ewiger Weltfrieden, wo doch die USA die einzige und beste militärische Weltmacht war und sich vor niemanden zu fürchten brauchte. Oder kein Hunger in der dritten Welt. Den Negern würde dann vielleicht noch einfallen, den Aufstand zu proben und die einmalige Stellung ihres Vaterlandes zu gefährden. Keine Umweltverschmutzung würde bedeuten, die Grundlage des American Way Of Life zu zerstören. War er denn ganz von Sinnen? Das mußte geändert werden. So nahm das Schicksal unbarmherzig seinen Lauf. Franz I beeilte sich, seinen Königstitel abzulegen und zu flüchten, denn gegen die vielen Millionen ehemalige Anhänger glaubte er keine Chance zu haben.
Er erreichte schließlich schnellen Schrittes wieder die Ostküste, stürzte sich ins kühle Naß, schwamm rüber nach Europa und war ziemlich froh, als er wieder auf dem Bauernhof seiner Eltern ankam und er sah, daß ihm niemand von drüben gefolgt war.
Dort darf er jetzt zwar kein Millionenvolk mehr regieren, aber dafür mit einem Steyrer-Traktor fahren, was ihn am Ende doch noch glücklich macht, während er im Radio das Lied hört „Franz fahr net nach San Francisco“ und er nur anerkennend nicken kann. Jetzt hatte er ihn gefunden, den Sinn des Lebens. War er immer schon so nah gewesen?

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