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Der Kaktus

Grün, wie er nun einmal war, stand er inmitten der fast kahlen Wüste und döste in der brütend heißen Sonne. Er träumte. Er träumte von aus dem Boden sprudelnden und vom Himmel fallenden Wasser, von saftigen Wiesen und Feldern, von mächtigen Kettensägen, die noch mächtigere Bäume fällten (er wußte nicht warum?) und wie er da gerade im schönsten Fantasieren war, vernahm er plötzlich eine samtweiche Stimme, ein schier jenseitiges, in sanfte Worte gekleidetes, Gefühl, das ihn mit einer noch nie dagewesenen Intensität wie ein unter Strom stehender Elektromagnet anzuziehen versuchte - aber nicht schaffte. Wenn er nicht im ausgetrockneten Boden verankert gewesen wäre, dann hätte er wohl die Reise zu ihr ohne Bedenken angetreten.
So blieb der kleine Kaktus, wo er war und lauschte nur sehnsüchtigst den Worten, die er vernahm, die die Versuchung fast schon zärtlich angehaucht an ihn richtete: „Freundchen, altes Haus, du unrasiertes grünes Etwas, siehst du all das Sprießen, Blühen und gesunde Strotzen rings um dich herum? Erblickst du all die saftigen Wiesen und Felder, die mächtigen Bäume und die leuchtende Farbensymphonie der den Bienen zahlenmäßig überlegenen und deswegen siegreichen Blumen. Einfach herrlich. Findest du nicht auch? Lechzt dein Herz nicht nach all den Annehmlichkeiten, die sich dir da so einfach bieten. Genau so gut könnte es dir auch gehen, wenn du ein wenig klüger wärest. Ich gebe dir folgenden Rat: Sei nicht immer so bescheiden. Nimm dir einfach, was du willst und brauchst. Deine Zeit ist JETZT gekommen. Warte nicht, bis der Abend kommt und es zu spät ist, sondern nimm dir alles. Sofort! Jetzt! Gleich!“
Der kleine Freund schreckte mit einem Mal aus seinem intensiven und so wunderbar schönen Traum auf. Was war das? Ein Stromausfall? Die Invasion des Feindes? Der jüngste Tag? Was hatte ihn da mit aller Wucht getroffen?
Es handelte sich um das rettende, kühle Naß. Die Schleusen des Himmels öffneten sich mit heftigem Getöse und ließen brüllend ihre Wassermassen auf den ausgedörrten Wüstenboden hernieder. Er war überrascht. Völlig überrumpelt wurde er da. Wie konnte so schnell ein Gewitter die Lufthoheit übernehmen, ohne daß er es vorher bemerkte? Das grenzte schon an Zauberei. Aber nein. Er hatte bloß geschlafen. Da konnte er natürlich nicht mitkriegen, was rings um ihm herum ablief. Aber eigentlich war ihm das auch egal. Er erinnerte sich mit einem Mal an den Rat, den ihm die glockenhelle Stimme zugeraunt hatte: „Nimm dir alles!“
Und er nahm sich alles Wasser, das er erwischen konnte, saugte es in sich auf, pumpte sich regelrecht damit voll. Jeden Tropfen, den er erhaschen konnte, zwang er sofort seinen Willen auf, stellte ihn unter seinen Einfluß. Er war unerbittlich und unersättlich. Schließlich konnte er aber trotz aller Gier nicht mehr. Er war zum Platzen voll.
Rings um ihn herum sogen natürlich alle seine Leidensgenossen und früheren Freunde auch das kühle Naß mit großer Freude auf, aber sie nahmen Rücksicht aufeinander. So konnte jeder etwas erwischen. Nur die wenigen Pflanzen rings um den inzwischen unappetitlich aufgeblähten Kaktus herum mußten weiter dursten. Sie hatten keine andere Wahl. Doch sie waren die Trockenheit ohnehin seit langem gewohnt, so daß sie mit diesem Umstand fertig werden konnten und einfach, nicht zähneknirschend - sie besaßen keine -, abwarteten, wie sich die Sache weiterentwickeln würde.
So überraschend, wie der Spuk begonnen hatte, war er auch wieder zu Ende. Die Sonne stach kurz darauf mit ihren Strahlen wieder brutal auf jeden, der sich nicht wehren konnte, ein. Aber wer von den Pflanzen besaß schon die Fähigkeit, sich dem mächtigen Himmelskörper zu widersetzen.
Da kam eine diebische Elster dahergeflogen, die durch das Glitzern der letzten Regentropfen angelockt worden war und setzte sich neben dem mächtigen Gierschlund auf den noch feuchten Wüstenboden. Sie blickte zu ihm auf und meinte: „Groß bist du geworden. Groß und stark. Mächtig stellst du jedem Einzelnen deiner Feinde deine kräftigen Stacheln entgegen.“
„Ja, du hast richtig beobachtet. Ich weiß, daß ich der Beste bin.“
„Aber“, setzte die Elster fort, „du betrachtest wohl jeden hier als deinen persönlichen Feind. Sonst würdest du nicht alles so rücksichtslos an dich reißen wollen. Sogar ich traue mich nicht mehr näher an dich rann, aus Angst, du könntest mich verletzen. „Das ist auch gut so“, meinte der Stachelige.
„Früher warst du immer so klein, so niedlich, so nett gewesen. Aber jetzt bist du nur ein großes Ekel“, sprach die gar nicht so diebische Elster und stahl sich, ohne „Auf Wiedersehen“ zu sagen, davon.
Ein kleiner aber heftiger Stich durchbohrte da den aufgedunsenen Widerling. Aber da es nur ein ganz winziger und er ja so groß und mächtig war, maß er ihm keine wesentliche Bedeutung bei.
Da kreiste und kreischte ein anmutig wirkender Vogel über ihm. Dem mächtigen Kaktus wurde schon schwindlig vom Zuschauen. Doch das gefiederte Wesen stieß bereits mit einem abermaligen aufbegehrenden, heiseren und zittrigen Heulen herunter und setzte nach kurzem Sturzflug sanft neben dem großen Stacheligen auf.
„Schau, schau. Du bist aber richtig riesig geworden. Kaum wiedererkennen kann man dich. Aber bemerkst du nicht, daß du durch deine Gier deine ehemaligen Freunde fast zum Tode verurteilt hast?“
„Das ist mir egal“, entgegnete er, „nur ich bin wichtig. Groß und mächtig, schicksalsträchtig zu werden, daß ist mein alleiniges Ziel.“
„Doch dein Tod wird noch viel schneller herbeieilen, setzte sie unbeirrbar fort. „Du bist jetzt zu nichts mehr nutze, nicht einmal wenn du das Zeitliche segnest, kann ich dich brauchen. Wegen dir werde ich auch nicht zum Vegetarier, obwohl es schon verlockend wäre, so saftig wie du aussiehst.“
Bevor der Kaktus noch irgend etwas erwidern konnte flog der Aasgeier einfach davon und suchte sich einen müden Wanderer. Doch die große, kräftige Pflanze mußte bleiben, wo sie war.
So stand er, nämlich der riesige Stachelige, Tag und Nacht immer an der selben Stelle und bekam langsam aber sicher großen Durst. Er benötigte wohl viel mehr frische Flüssigkeit als früher, die er aber nicht erhielt. Hatte er sich vielleicht doch ein klein wenig übernommen? Nein, das war nicht möglich. Ein Kaktus irrte sich nie. Doch dem launischen Wettergott fiel es im Traum nicht ein, Regen zu schicken.

Der jetzt nicht mehr Gierige, was sollte er auch hamstern, es gab ja nichts, trocknete immer mehr und mehr aus, denn das Sparen hatte er verlernt, bis er nur mehr ein grünbraunes Skelett darstellte, durch dessen Hohlräume der Wind pfiff, der endlich den nächsten Regen ankündigte. Vom folgenden Gewitter bekam die ausgedörrte Pflanze nichts mehr mit. Der ehemalige Kaktus fiel in sich zusammen, zerbröselte und wurde vom Winde verweht - verschwand im Nichts.
Doch die Wüstenlandschaft setzte ihren gewohnten Tagesablauf weiter fort, so als ob nichts geschehen wäre.
Aber irgendwo in der weiten und kargen Einöde schläft ein anderer kleiner Kaktus in der brütend heißen Sonne und träumt vor sich hin.

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