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Kuba

Ich marschierte eines Abends eins mit mir und der Welt die Einkaufsstraße entlang, so, wie ich es oft nach getanem Tagwerk praktizierte. Wie ich eben so die Mariahilfer Straße dahinpromenierte, erblickte ich in den Schaufenstern allerlei wunderbare Dinge: Hüte, Regenmäntel, Sportwagen, Krawatten und Kettensägen. Schön und gut, dachte ich mir und da fiel es mir schon wie Schuppen von den Augen.
So ein Schwachsinn. Seit wann war ich bei den Augen beschuppt? Ich hatte doch überhaupt keine, war schließlich kein Fisch. Jedenfalls ging mir ein Licht auf. Unsinn. Jetzt war mir wohl vollkommens der Verstand verloren gegangen. Ich war doch auch keine Glühbirne.
Mir fiel mit einem Male ein, ja, so paßt es, daß ich am Samstag zu einem Ball eingeladen war. Kein Fetzenball, Sockentanz oder gar eine verkappte Rauschgiftorgie, sondern ein richtiger, feiner und nobler Tanzabend in Ballkleid oder Smoking. Naja, das sollte für mich kein besonderes Problem darstellen. Das Hochzeitskleid meiner Mutter mußte noch in irgendeinem Kasten hier herumhängen. Da wurde mir bewußt, ich war gar keine Frau, sondern ein Mann. Frauenkleider durfte ich nur bei anderen Festen tragen. Denn hier würde es doch ein bißchen sonderbar wirken, wenn ich mit so etwas dort auftauchen würde. Aber ich zog mich trotz allem gerne fein an, tanzte vorzüglich, wenn ich das mit Bescheidenheit anmerken darf, und würde auch noch viele hübsche Frauen „sehen“, gerade als eingefleischter Junggeselle kann man mir das nicht wirklich verübeln.
Während ich am Gehsteigrand so dahinschlenderte, ließ ich mir meine notwendige Abendgardarobe nochmals durch den Kopf gehen. Ich hatte, anders als zuerst vermutet, doch schon alles beisammen: Die schwarzen Lackschuhe von meinem Bruder - er hatte gerade geheiratet und die gleiche Fußgröße - die Anzugshose und das Jackett von meinem Schwager, das blendendweiße Hemd von meinem besten Freund und Saufkumpan - er konnte sich sicher bald nicht mehr daran erinnern, daß er mir das gute Stück überhaupt einmal geborgt hatte und die Fliege. Hoppla! Jetzt wußte ich, was mir noch zu meinem Glück fehlte. Es handelte sich schließlich um einen Mascherlball, wie überall an den Plakatwänden und Litfaßsäulen angeschlagen war und in einem Lokalsender verlautbart wurde. Wer kam wohl auf so eine blöde, direkt absurde Idee? Jeder männliche Besucher mußte mit so einem Ding ausgestattet sein. Warum konnte ich keine Frau sein? Diese hatten dieses schier unüberwindbare Problem, wie sich später herausstellen sollte, nicht. Naja, ich war nachweislich kein weibliches Wesen und deshalb mußte ich mich wohl auf die Suche nach so einem geflügelten Ding machen.
Sherlok Holmes überlegte.
Wiederum falsch. Ich hieß doch Huber und tue es noch immer.
Also, Hans Huber überlegte, wo fand man Fliegen? In der kalten Jahreszeit auf den Fensterscheiben, in schlechteren Restaurants in der Suppe, in den Mägen von gefräßigen Fröschen und in Kaufhäusern. Ha! Daß ich darauf nicht schon früher gekommen war. Also auf zum Modetempel unseres Dorfes. Da gab es sicher das, was ich so verzweifelt suchte. Die Zeiger der Uhren wiesen fünf vor sechs und sieben Sekunden und ich betrat frohen Mutes, also äußerst gut gelaunt das Geschäft. Eine jüngere, als hübsch zu bezeichnende und säuerlich lächelnde Dame blickte nervös auf ihre Uhr - Hatte sie nichts besseres zu tun, zum Beispiel mich zu bedienen? - und schritt dann doch noch auf mich zu.
„Wie kann ich Ihnen zu dieser späten Stunde noch dienen?“ fragte sie frech, ohne jegliche Zurückhaltung.
„Mein unbändiges Verlangen giert nach einem Mascherl, einer Fliege, verstehen sie?“
Natürlich verstehe ich sie, bin ja nicht taub.“
„Gut. Haben sie so ein Ding, welches nicht nur meine Gedanken beflügeln wird?“
Sprach ich vielleicht ein wenig zu geschwollen. Es war nicht völlig auszuschließen. Jedenfalls hatte sie trotzdem begriffen, was ich wollte. Denn sie antwortete wie aus der Pistole geschossen: „Da muß ich erst nachsehen“, und verschwand.
Als sie nach endlosen 6 Minuten und 32 Sekunden noch immer nicht aufgetaucht war und ich schon ein wenig nervös wurde und sie es 6 Minuten und 34 Sekunden später doch noch wagte, mir unter die Augen zu treten, da war mir eines sofort klar. Sie hatte nicht, was ich wollte, denn sie trug grob geschätzt 33 Krawatten über ihrem linken Arm, aber keine einzige Fliege hatte sie mitgebracht. Nur über meinem Kopf summte eine. Gott alleine wußte, wo sie herkam. „Tut mir leid, mein Herr“, wagte sie mir mit dezent angedeuteten, bedauernden Unterton zu sagen, „in den letzten Tagen fand ein richtiger Run nach diesen Dingern statt. Sie gingen weg wie die warmen Semmeln.“
War ich hier gar nicht in einem Modegeschäft, sondern in einer Bäckerei? Dann wäre mir sofort klar, warum ich das Gesuchte hier nicht bekommen konnte. Aber nein, es handelte sich wieder nur um eine der blöden Redewendungen. Diese verwirrten mich immer so. Warum konnte man sie nicht behördlich abschaffen?
„Ich weiß nicht, weshalb das so ist?“ fragte sie sich.
Ich wußte es, sagte es ihr aber nicht.
Sie schlug aber sogleich etwas anderes vor - wo nahm sie nur diesen grenzenlosen Mut her? - und fragte: „Wie wäre es mit einer schönen Krawatte? Ich habe ihnen gleich ein paar Exemplare zur Ansicht mitgebracht.“
Ich hatte es geahnt.
„Nein danke“, antworte ich cool. Wie schaffte ich es, meine Stimme so in Zaum zu halten, trotz meines Ärgers. Ich ging hinaus und ihr wohl auf die Nerven. Doch das war mir im Moment reichlich egal. Hinter mir die Sintflut, denn ich konnte nicht schwimmen.
Jedenfalls war es jetzt schon zu spät, ein anderes Geschäft aufzusuchen. Das sah sogar ich ein. Außerdem hatten wir in unserem kleinen Ort überhaupt kein weiteres mehr, welches irgendwelche noch so seltsam gearteten Kleidungsstücke anbot. Aber ich wollte doch nur etwas völlig einfaches: Eine Fliege, entweder aus Baumwolle, Seide, Leder oder aus Holz. Welches Material, das war mir inzwischen völlig egal. Doch was soll's. So war das Leben. Hart aber gerecht. Hart mir gegenüber, gerecht zu den anderen.

Am nächsten Tag raffte ich mich auf, um in die große Stadt zu fahren. Diesmal mußte es klappen, denn am Abend, heute, fand der von mir gar nicht mehr so beliebte, Ball statt. Trotzdem mußte ich zu dieser Veranstaltung kommen. Das war ich der Gesellschaft einfach schuldig. Aber ich hatte doch keinen Sprung in der Schüssel, daß ich da mit einer Krawatte auftauchte und auch sofort wieder untertauchte, angesichts des Gelächters, welches mir entgegenbranden würde. An meinem Reiseziel angelangt, klapperte ich sofort alle großen Geschäftsstraßen ab. Doch nirgends fand ich das gesuchte Objekt, sondern nur Hüte, Regenmäntel, Sportwagen, Krawatten und Kettensägen. Nirgends war eine Fliege aufzutreiben.
„Ausverkauft, ausverkauft, ausverkauft!“ rief man mir schon von weitem hämisch entgegen, sobald man meiner angesichts wurde. Das durfte es doch nicht geben. So viele Mascherlbälle konnten doch nicht auf einmal stattfinden. Oder doch? Ich wähnte mich einem Nervenzusammenbruch verdächtig nahe. Das Irrenhaus zu besuchen schien mir realistischer als den Ball.
Aber das Schicksal kannte schließlich Gnade mit mir. Das Glück sollte mir doch noch hold sein. Angesichts der großen Schwierigkeiten, die ich schon in meinem Heimatort zur Kenntnis nehmen mußte, nahm ich mir dementsprechend viel Bargeld auf meine kurze Reise mit. Ich hatte vor meiner Zugsfahrt noch mein auf 10 Jahre gebundenes Sparbuch aufgelöst und geplündert, welches nur für äußerste Notfälle vorgesehen war. Ein solcher Notstand lag jetzt vor, das mußte wohl jeder einsehen, der mein Problem kannte.
Eine Versteigerung fand statt. Es handelte sich dabei wohl um das letzte legal zu erwerbende Mascherl auf dieser Welt oder zumindest in dieser Gegend. Eifrig wurde der Preis in die Höhe getrieben.
„500“
„1.000“
„1.500“
„5.000“
„100.968!“
Ich gewann die speckige Fliege und verlor damit meine S 100.968,--. Denn soviel kostete mich der vom Aussterben bedrohte Halsschmuck. Ich jubelte, tirilierte, tanzte durch die Straßen, entkam gerade noch der grünen Minna, die aufgrund meiner fast schon übertriebenen Freude alarmiert worden war und kehrte schließlich glücklich und äußerst zufrieden nach Hause zurück.

Es war aber auch schon höchste Zeit. Fast wäre ich aufgrund der blöden Sucherei zu spät zur festlichen Veranstaltung gekommen. Doch ich sollte es schaffen. Nachdem ich die schwarzen Lackschuhe meines Bruders, die Anzugshose und das Jackett meines Schwagers, das blendendweiße Hemd meines besten Freundes und Saumkumpanen angezogen hatte und die soeben bei der Auktion erstandene tirolerschinkenspeck-fleckige Fliege umgebunden hatte, ging ich frohen Mutes zum feinen Tanzabend.
Doch alle Mühe schien umsonst zu sein. Man spielte mir wirklich grausam mit. Das durfte doch nicht wahr sein? Aber es verhielt sich trotzdem genau so!
Nachdem die Anwesenden mich kräftig ausgelacht hatten, mir zigmal auf die schwarzen Lackschuhe meines Bruders getreten waren, die Anzugshose und das Jackett meines Schwagers reichlich mit Rotwein und angeblich irrtümlich verpatzter Nudelsuppe versaut hatten, meines besten Freundes blendendweißes Hemd sich kaffeebraun färbte und die sündteure Fliege in der Suppenschüssel schwamm, klärte man mich endlich über die geänderten Umstände auf. Am freien Markt herrschte derzeit aufgrund der vielen Mascherlbälle ringsherum eine akute Knappheit an solchen oft gesuchten Dingern. Sie hatten sogar gehört, daß irgendein Trottel so blöd war, für seinen Halsschmuck S 100.968,-- hinzublättern. Doch das war wohl doch ein wenig übertrieben und ins Reich der Legenden anzusiedeln. -
Ich schwieg.
Man beschloß deshalb, den Mascherlball in eine geheime Rauschgiftorgie mit Krawattenzwang umzuwidmen. Aha, deshalb die ausgelassene Stimmung und die vielen Kulturstricke um zahlreiche Hälse. So spielte es sich also ab. Man hatte mich hinterhältig hereingelegt. Sie schreckten nicht davor zurück, mich vor allen Leuten bloßzustellen. Bei meinem Bruder konnte ich mich wegen der ruinierten, ehemals schwarzen Lackschuhe nicht mehr blicken lassen. Mein Schwager, von dem ich Anzugshose und Jackett geschnorrt hatte, würde mich angesichts der angerichteten Verwüstungen nicht einmal mehr verachten, mein bisher bester Freund und Saufkumpane, der auch anwesend war, konnte sich auf einmal nur allzudeutlich an sein ehemals blendendweißes Hemd erinnern und das viele schöne Geld, das ich für die Fliege ausgegeben hatte, war auch zum Fenster hinausgeworfen. Nur bei meiner Mutter konnte ich mich noch blicken lassen. Denn ihr Hochzeitskleid war als einzige Leihgabe noch unversehrt. Apropos zum Fenster hinauswerfen, das wollte ich angesichts meiner neu entstandenen und lebensbedrohenden Probleme jetzt tun. Der Freitod schien mir die einzige vernünftige Lösung zu sein. Doch halt, es gab noch eine zweite, viel bessere. Ich riß mich los, stürmte auf und davon und klapperte alle verfügbaren Geschäfte ab. Ich wollte mit Gewalt irgendwo einbrechen und mir das holen, nach dem mir jetzt ein großes Verlangen war. Doch es war zum aus der Haut fahren. Überall sah ich Hüte, Regenmäntel, Sportwagen, Krawatten und Mascherl, doch keine einzige Kettensäge war für ein kleines Massaker aufzutreiben.

So blieb mir nichts anderes mehr übrig, als nach Kuba zu fliehen. Dort angelangt lasse ich mir seither am Tag die Sonne auf den Bauch scheinen und in der Nacht erforsche ich im Hochzeitskleid meiner Mutter das wilde Nachtleben.

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