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Aller Laster Anfang
(nach einem Bild von Tatjana Windhager)

Eines Tages war es soweit. Mir war fad. So langweilig, wie es einem nur sein kann, wenn man zwar genug zu tun hätte, aber man einfach zu rein gar nichts Lust verspürte. Sie wissen sicher wovon ich spreche. Da glaubte man noch Karriere gemacht zu haben, daß man den richtigen Weg gegangen war und dann kam man drauf: Ja, was hatte ich eigentlich erreicht? Gut man besaß sein eigenes Haus auf der grünen Wiese. Auch ein wenig Geld hatte man auf seinem Konto gehortet, und man ging jedes Wochenende mit seinen Freunden einen heben. Hoppla. Freunde. Das war des Pudels Kern. Solche hatte man jetzt nämlich auch kaum mehr. Das waren alles nur oberflächliche Bekanntschaften, um einen Vorwand zu haben, von zu Hause zu entfliehen, wo einem die Decke auf dem Kopf zu fallen drohte und sich vollaufen lassen zu können. Wo waren die guten alten Zeiten geblieben, in denen man mit Franz, Kurt, Hannes und Harald auf heißen Eisen durch das Alpenvorland glühte. Ganz dunkel konnte man sich noch daran erinnern, wie man des wochenends in den regionalen Discotempel gepiltert war und auf Brautschau ging. Mann, hatte so manche ordentlich Holz vor der Hütte. Da taute sogar ich auf. Ich, der ich sonst irgendwie ein ruhigerer Typ war. Das hatte niemand von mir erwartet. Nicht einmal Michaela. Jaja, stille Wasser sind tief.
Doch was blieb davon übrig. Nichts. Nein, weniger als nichts. Nur eine sonderbare von Zweifel erfüllte Leere, die ich nur noch ab und zu durch dröhnende Musik erfüllte. Für 'Fettes Brot' war ich jetzt wohl schon zu alt, wobei ich mich aber doch so fühlte, als hätte ich tausende Silberfische in meinem Bett. Wie dem auch war. Diese Zeiten waren endgültig vorüber. Unwiderruflich.
Welche Wahl hatte ich also noch. Ich faßte einen Entschluß. Ganz mutig. Einfach so. Ich setzte mich in meinen Ferrari, düste davon, links von mir die Ruinen des alten Hammerwerks, in dem vor langer Zeit so manches heißes Eisen geschmiedet wurde, durch den Wald, rechts von mir hatten sie gerade eine Menge Holz geschlägert. Kam noch bei der Bäckerei vorbei. - So was blödes, ich wollte doch für das Wochenende noch Brot einkaufen. Hatte ich ganz vergessen. Aber jetzt war keine Zeit mehr dafür. Ich hatte etwas anderes vor. Wahrscheinlich brauchte ich es nach Vollendung meines Vorhabens sowieso nicht mehr. Dann schlängelte ich mich mit selbstmörderischen Tempo die Serpentinen hinauf, kam noch einmal beim Bauernhaus meiner Großeltern vorbei. Dann ging es wieder Richtung Tal.
Schließlich durchquerte ich noch den kleinen Ort, beschleunigte ein weiteres Mal kräftig, was zur Folge hatte, daß eine Polizeisirene mit dazugehörigen Auto mich zu verfolgen erdreiste. Doch das störte mich nicht mehr besonders. Denn ich durchbrach die Leitplanke und stürzte Kühler voran in den See. Wie in einem Actionfilm, nur daß es diesmal harte Realität war. Das noch etwas kühle Wasser umfing mich, drang nicht langsam in den Wagen ein, denn ich hatte die Seitenfenster offengelassen und dann ging mir wohl die Luft aus.
Als ich wieder aufwachte, wußte ich zuerst nicht so recht, wo ich mich befand. Ich mußte doch tot sein. Wozu sonst das ganze Theater. Konnte mir denn gar nichts mehr ordentlich gelingen? Wie zum Spott hüllte mich eine etwas trügerisch wirkende Tageshelle ein. Ach, ich hatte mich doch schon so auf die unendliche Schwärze gefreut, die mich umgeben hätte sollen, die ich aber nicht wahrzunehmen fähig gewesen wäre, da ich ja längst das zeitliche gesegnet hätte. Rechts von mir befand sich eine halbgeöffnete Tür. Sie sah einer Gefängnistür mit einem durch Gitterstäbe disharmonisierten Guckloch ein wenig ähnlich. Doch ich war nicht wirklich eingesperrt. Im Gegenteil. Ich hätte, wenn ich wollte, links oder rechts von ihr vorbeimaschieren können. Nur so. Aber irgendwie reizte mich das nicht besonders. Denn links von mir - leere. An meiner rechten Seite - nichts. Hinter mir - Wüstensand, ansonsten kein sichtbarer Gegenstand. Also versuchte ich, sie zu öffnen. Mit einem knarrenden Geräusch, das ich aufgrund der sonst vorherrschenden totalen Stille schon als eine Wohltat empfang, gab sie nach. Mutig durchschritt ich sie, denn es hätte im feigen Zustand keinen Sinn gehabt, denn das hatte ich ja jahrelang praktiziert, und zwar mit mäßigem emotionalen Erfolg. Hoppla, beinahe wäre ich über ein pulsierendes Herz gestolpert. Wer legte denn so etwas einfach in den staubigen Sand. Da hatte es wirklich nichts verloren. Verloren, ja das mußte einem traurigen Wanderer, so wie mir, passiert sein. Ich griff mir reflexartig an die linke Seite und bemerkte drauf: Ich spürte kein Pochen. War es etwa meines das da so einsam vor mir lag. Wer hatte es mir herausgerissen? Wann hatte ich es verloren? Wie konnte ich innerlich nur so verrohen? Eigentlich sollte ich es mitnehmen, es war ja scheinbar meines. Aber so, wie es vor mir im Staub lag, nein, irgendwie eklig. Außerdem pumpte und pulsierte es munter weiter. Ihm fehlte hier wohl nichts. Ich konnte es später auch noch abholen. So schenkte ich den anderen Dingen meine Aufmerksamkeit, die sich rings um mich herum abspielten. Nein, nicht das sie glauben, daß ich auf einmal wie aus Zauberhand geschaffen in einem tiefen, dunklen Wald, stand, in dem munter die Vögel zwitscherten. Noch immer umgab mich diese Einöde, die aber plötzlich von betonenen Pfeilern durchschnitten wurde, die eine Landstraße trugen. Wo befand ich mich hier. Langsam wurde mir das ganze unheimlich. Ich wollte mich wieder umdrehen und wieder durch die Tür hindurch zurück, da wo ich hergekommen war, aber sie schloß sich wie von Geisterhand bewegt langsam vor meinen Augen. Außerdem wurde ich durch ein seltsames Gebilde abgelenkt, daß ich nicht einmal in einer so verrückten Gegend wie diese eine war, vermutet hätte. Der glattrasierte Männerkopf war nicht unhübsch anzuschauen, aber mußte er gerade hier aus dem Wüstensand herauswachsen, wo er mich so verwirrte. Außerdem, warum führte gerade in das innere seines Schädels diese Straße, die hier an und für sich schon ungewöhnlich genug war. Der dürre Baum, der aus seinem Kopf herauswuchs, erleichterte mir die Sache auch nicht gerade. Was soll das ganze? Konnte man nicht einmal in Ruhe sterben und einfach so im Nirwana und ohne viel Aufsehens dahinschweben?
Irgendwie machte mich die Sache aber doch neugierig. Wem erginge es in meiner Situation nicht so. Indem ich mich langsam wieder umdrehte und so mit meinen Augen der auf den Pfeilern ruhende Straße folgte, bemerkte ich, daß die Stützen immer kürzer wurden und so nach ungefähr zwei, drei Kilometer den Transportweg auf die ebnene Erde entließen. Also machte ich mich auf den Weg und suchte die naheste Möglichkeit auf die Straße zu gelangen. Nach einer gewissen Zeit, vermutlich einer halben Stunde, gelang mir das auch. Das hatte ich noch nie erlebt, daß ich auf einer Straße zu Fuß ging. Konnte man das überhaupt. Brauchte man dazu nicht auf jeden Fall ein motorisiertes Transportmittel. Aber das fehlte mir eben jetzt. So ging ich und ging ich und ging ich und kam somit dem geöffneten Kopf immer näher. Was konnte mich da drinnen schon erwarten. Ein mulmiges Gefühl ließ mich nicht mehr los. Denn der dürre Baum, der jetzt auch wieder in mein Blickfeld oder besser ausgedrückt in mein Bewußtsein getreten war, bestärkte mich nicht gerade in meinem Bestreben, etwas Schönes da drinnen zu erwarten. Aber es war noch nicht aller Tage abend, auf den ich hier wahrscheinlich vergeblich warten mußte und ging deshalb einmal forsch weiter.
Schließlich war es soweit. Ich erreichte den gebogenen Eingang. Was würde mich da erwarten. Ich wagte gar nicht daran zu denken. Nachdem, was einem der äußere Anblick schon zu vermuten veranlaßte - naja, ich würde sehen. Und ich sah und staunte. Laute, schwungvolle, fröhliche Musik wehte mir entgegen. Tische und Bänke waren aufgestellt, die sich teilweise durch der Speisen Last und der mannigfaltigen Hinterteile, die sich hier befanden bogen. Es war Wahnsinn. Jede nur im entferntesten vorstellbare kulinarische Köstlichkeit konnte ich auszumachen. Nicht auszuhalten. Vorne war eine Bühne aufgebaut, auf der spärlich bekleidete junge Frauen und Männer ihre Tanzkünste und Sonstiges vorführten. Drahdiwaberl war ein Kindergartenverein dagegen. Es war die Hölle. Oder zumindest ein guter Werbefilm für sie. Ein wahrer Sündenpool. Alle lachten, aßen, sangen, tanzten, kurz gesagt vergnügten sich in allen erdenklichen Formen. Niemals hätte ich, als ich mich von außen dieser seltsamen Stätte näherte, erahnen können, was sich in ihrem Inneren abspielen sollte. Da störte es mich auch nicht besonders, daß der dürre Baum durch die kuppelförmige Decke seine vertrockneten Wurzeln streckte. Obwohl, er hätte sich dazu einen anderen Platz aussuchen können. Denn ein wenig verdarb er einem schon die gute Laune mit der Hilflosigkeit, die er hiermit ausdrückte. Er fand hier wohl am wenigsten Nahrung von allen.
Eine Weile gab ich mich allen Versuchungen, Verlangen, Lustbarkeiten und sonstigen Lastern hin. Eigentlich gefiel es mir hier recht gut. Doch mit der Zeit wurde mir ein wenig langweilig. Ein wenig müde vom vielen Feiern geworden glitt ich mit meinen Augen die gebogene Wand entlang und blieb mit ihnen plötzlich in einer Vertiefung hängen, die, ja so war es wohl, irgendwie herzförmig aussah. Das Herz damals draußen vor der Tür hatte also nicht mir gehört, denn hier, wo ich mich auch immer befinden sollte, brauchte ich wohl keines mehr, sondern dieser Stätte hier. Irgendwie wurde mir nachdenklich zu Mute. Es war wohl wahr. Mir fehlte es hier an nichts. Aber Herz und Gefühl - das suchte man an diesem Ort vergeblich. Irgendwer hatte es dieser Stätte brutal entrissen und achtlos vor die Tür geworfen.
Ich weiß nicht, was in mich gefahren war. Aber irgendwie wollte ich etwas ändern. Jetzt wußte ich warum der Baum so dürr und hilflos dastand. Alles Leben war aus ihm gewichen, als aufgrund des fehlenden Herzens, das Laster die Überhand bekam. Mutig wollte ich hinaustreten, zurückgehen an die Stelle, an der sich der pulsierende Teil dieses noch nicht ganz toten Organismus befand, wie ich jetzt erkannte. Ich würde es holen und an der ihm angestammten Stelle einsetzen. Dann konnte endlich wieder Frieden einkehren. Die Öffnung, durch die ich eingetreten war, hatte sich verschlossen. Meine Chance, die mir hier zur Rettung meines Seelenlebens geboten wurde, war vertan. Endgültig.
So bin ich nun dazu verurteilt mich für immer und ewig in dieser lasterhaften Halle aufzuhalten und den mannigfaltigen Versuchungen nicht zu widerstehen. Aber, glauben sie mir, ich bin nicht wirklich traurig und könnte mir was Schlimmeres vorstellen.

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