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Die Lüge

Es gab da einmal eine winzig kleine Lüge. Sie war nicht die erste und sollte aber auch nicht die letzte auf dieser schönen, weiten Welt sein. Sie sprang mir nichts, dir nichts aus dem Mund vom kleinen Ernst oder war es der Martin, ich weiß es nicht mehr so genau
„Mami, ich war es nicht. Ich habe das Küchenfenster nicht mit dem Fußball eingeschossen. Das war der Nachbarssohn Fritz. Ich war es wirklich nicht.“
Schwuppps, schon war sie da. So schnell ging das. Leichter als gedacht. Doch weil Lügen bekanntlich kurze Beine haben, besonders noch so junge und unbeholfene, denn sie wurde erst vor kurzer Zeit „geboren“, nahm die Mutter ihrem Sohn seine zweifelhaften Beteuerungen nicht ab. Sie hatte mit ihren eigenen Augen beobachtet, wie das Unglück passierte. Sie war ihm nicht wirklich böse, daß dem kleinen Jungen dieses Mißgeschick unterlaufen war, sondern daß er versuchte, sie anzuschwindeln. Da sie nichts von Gewaltanwendung in der Familie hielt, setzte es keine „gesunde Watschen“, sondern er bekam eine Woche Fernsehverbot. Die Ohrfeige wäre ihm lieber gewesen.
Die kleine Lüge zeigte sich über die Entwicklung der Dinge gar nicht glücklich. Aber niemand hörte auf sie. Wo käme man da hin, wenn man ihr, die doch so harmlos war, nicht mehr glauben schenken würde. Unter stillem Protest verließ sie den Raum und trippelte mit ihren kurzen Beinen in die große, weite Welt hinaus. Weg von da, wo man sie nicht zu würdigen wußte. Sie würde schon noch ein Betätigungsfeld finden, das ihr Spaß machte und das ihren Anforderungen voll und ganz entsprach. Die Menschheit war so falsch, so unehrlich, oft so gemein, so daß sie sicher ihre Fähigkeiten, die sanft in ihr schlummerten, voll ausspielen konnte. Sie bräuchte nur ein wenig zu suchen und ein bißchen Geduld zu haben.
So marschierte sie munter durch Wald und Flur, über Stock und Stein und erreichte schließlich nach einigen Stunden, doch schon der Erschöpfung bedenklich nahe, ihr vorläufiges Ziel. Sie befand sich in einem großen Fernsehstudio. Es wurde in dieser schicksalhaften Stunde, wie es der Zufall so wollte, ein Werbespot abgedreht:
„Hinter dem großem Mond bei den sieben netten, kleinen Zwergen,
ja, dort, wo sich Schneewittchen versteckt hinter den hohen Bergen.
Hier wächst der beste Apfel mit vielen Vitaminen, voll Saft.
Gibt jedem die nötige Frische und viel unbändige Kraft.
Für unsere kleine Lüge bot sich hier ein wahres Paradies. Endlich fand sie einen wichtigen und erfüllenden Aufgabenbereich vor. In der Werbung wurde so viel gelogen. Da fand sich auch genug Platz für sie. Sie war ja so bescheiden.
Oder doch nicht? Warum denn eigentlich? Denn es kam ihr folgender Gedanke in den Sinn. Schön und gut. Hier wurden eine Menge Unwahrheiten mittels Massenmedien verbreitet, doch ihr stand der Sinn nach Höherem. Sie wollte ganz groß rauskommen. Ein richtiger Star unter ihresgleichen werden.
So verließ sie still und heimlich das kleine Studio und machte sich wieder auf den Weg. Sie marschierte, marschierte und marschierte, bis die Füße wund getreten waren und sie das richtige Medium gefunden hatte, durch das sie sich herabließ, zu wirken.
Eine Wahlrede eines großen, blonden, schlanken, blauäugigen und aalglatt rasierten Politikers - oder handelte es sich um einen kleinen, dunkelhaarigen, dicklichen mit Oberlippenbärtchen bestückten Parolenverschleuderer? - war gerade in vollem Gange. Aber nicht nur der Gang war voll, sondern auch der Versammlungsraum und viele der Anwesenden.
„Ich werde die Arbeitslosigkeit besiegen, indem wir mehr öffentliche Toiletten bauen, die dann von Facharbeitern wie du und du gereinigt werden dürfen. Wir werden es gemeinsam schaffen, das Problem der Umweltverschmutzung in den Griff zu bekommen, indem wir rauchende Köpfe verbieten. Es wird ein neuer Wind wehen, der alle Sorgen verblasen wird. Alles wird anders und besser!“
Hier befand sich also der wahrhaftige Himmel auf Erden. Ein Traum. Ein Wunder. Hier war der Ort, wo sie sich ungestraft und vollständig entfalten konnte. So viele große, mächtige und offensichtlich glaubhafte Lügen auf einem Fleck. Unsere kleine Freundin war ganz weg vor Freude.

Heute ist sie natürlich schon längst erwachsen geworden. Sie hat sich zur großen, feinen Dame gemausert, der man ihre ursprüngliche Herkunft gar nicht mehr anmerken kann. So schlägt sie sich jetzt äußerst erfolgreich durchs Leben, mal hier, mal dort, um ihr bestes zu geben. Und wenn sie nicht gestorben ist, - ach nein, Lügen sterben nie.

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