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Das Malheur

Vor nicht allzu langer Zeit, da herrschte sie, die große, weite Welt, über einen strahlend blauen Sommertag. Sanft rauschte der Wind im Wald. Die weite Ebene schlängelte sich romantisch durch das klare Bächlein. Die Höhe ragte stolz in die Alpen. Der Fußball spielte mit den Kindern Handball. Die Sonne gab trotz des allgemeinen Durcheinander ihr bestes, weil sie hatte im Moment nichts Gescheiteres vor.
Doch jeder noch so verzweifelt wunderbare, vielleicht auch ein wenig wunderliche Tag muß schließlich doch einmal sein Ende haben. So schickte der helle Himmelsstern sich an, obwohl er heute gar keine rechte Lust dazu verspürte, unterzugehen, um dem Nachtwächter, dem Mond, der sowieso immer nur grantig seinen Dienst versah, die Aufgabe zu überlassen, auf den ganzen Krempel hier herunten aufzupassen. Die Sonne hielt sich mit einer ihrer zahlreichen Protuberanzen1) angewidert die Nase zu, weil welches Feuergebilde liebt schon das kühle Naß, und tauchte ruckartig in das weite, tiefblaue, glitzernde Meer ein.
Da geschah etwas sehr Unangenehmes. Es juckte unsere liebe und kleine Freundin - weil gegenüber den vielen Milliarden Sonnen, die es sonst noch im Weltall gab, war sie ziemlich winzig - wenig, daß ein Seefahrer durch ihren hellen Schein geblendet wurde, aber dafür um so mehr in der Nase und deshalb mußte sie explosionsartig niesen, so daß eine gigantische Flutwelle über die Bermudainseln dahinschwappte und auch ein paar Schiffe mit in die Tiefe zog.
Peinlich, peinlich, wenn einem so etwas unter Wasser passiert. Sie verschluckte sich, hustete, prustete, hätte sicher auch verzweifelt mit den Händen um sich geschlagen, wenn sie welche gehabt hätte, versuchte statt dessen aber zu atmen, was an dieser Stelle natürlich nicht unbedingt zu empfehlen ist - und ertrank.
Die Menschen bekamen von diesem vermutlich ziemlich folgenschweren Trauerfall zunächst nichts mit. Es war ja Nacht und da ist es sowieso stockfinster. Alles und jeder ging seinen gewohnten Lauf. Meier, der Sportler besoff sich beim Wirten, Vater Müller schlug seinen Sohn Norbert, Huber verhalf dem horizontalen Gewerbe zu einem größeren Umsatz und der Pfarrer Schmidt betete wie jeden Abend ein Vaterunser gegen die schlechte Welt. Schließlich gingen alle, einer nach dem anderen oder auch gleichzeitig, zu Bett.
Doch am nächsten Tag blieb es finster. Kein Morgengrauen, kein zaghaftes Aufblitzen der ersten schüchternen Sonnenstrahlen und der Hahn wußte deshalb nicht, ober er krähen sollte oder nicht, um zum frischvergnügten Tagwerk aufzurufen. Nur schwarz. Finster. Total. So, als ob dieser Zustand ewig andauern sollte. - Schauen Sie einmal aus dem Fenster. Ja, genau Sie! Jetzt sofort! Ist es draußen noch immer dunkel. Nein, natürlich nicht, außer es ist gerade Nacht. Denn die Geschichte geht ja noch weiter.
Denn - so weit, so gut.
Wie erging es inzwischen unserer altgedienten, aber jetzt durch das viele Wasser ordentlich erfrischten Sonne. Sie ist nicht verschieden, wie viele möglicherweise mit Schadenfreude glauben möchten, weil sie einem mir ihren Strahlen jeden Morgen in der Nase kitzelt. Nein - sie hatte Glück im Unglück.
Das Schlupfloch, das sich ihr jetzt bot, war nicht besonders groß, geschweige denn, bequem, aber es war noch immer besser als zu sterben. Sie versuchte, sich also durch das enge Wurmloch2) , von manchen auch Superstring2) genannt, zu zwängen und es sollte ihr gelingen. Sie wurde nicht zerquetscht und der kosmische Schlauch wagte auch nicht zu zerreißen.
Es war nur schwer zu verstehen, wie sich dieses fast mystische weltalliche Kuriosum in diese unwirtliche Gegend, 10 000 Meilen unter dem Meer verirren konnte. Zugegeben, ich weiß es auch nicht, aber den Tatsachen kann man sich nicht entziehen.
Unter Ächzen und Stöhnen schob sie sich mühsam immer weiter nach vor und nach langen 8 Minuten, sie war schon fast am Ersticken - das wurde ihr wohl schön langsam zur Gewohnheit - hatte sie es geschafft. Mit einem ziemlich lauten Plopp! plumpste sie auf der anderen Seite des hohlen Stranges wieder ins Weltall, besser ausgedrückt, in ein anderes Weltall, welches der helle Himmelsstern noch nie gesehen hatte. Im ersten Moment war das der inzwischen nicht mehr unsrigen Sonne ziemlich egal, denn was hätte sie drüben gebunden, was es hier nicht auch gab.
Die Erdenmenschen mußten sich inzwischen mit der neuen Situation wohl oder übel abfinden. Sie hatten keine andere Wahl. Es konnte sich zwar als kleines Problem entpuppen, daß es immer kälter und kälter wurde, aber im Moment hielt sich der Temperaturrückgang noch in Grenzen. Mutter Erde selbst hatte zwar schon bemerkt, daß die Sonne ihren seit Jahrmilliarden anvertrauten Platz verlassen hatte, aber aus alter Gewohnheit und wahrscheinlich spielte auch ein wenig ihre Faulheit mit, verfolgte sie weiterhin ihre altbewährte, elliptische Bahn. Anderenfalls konnte das nämlich weitere Probleme nach sich ziehen. Der Planet würde in die unendlichen weiten dieses Weltalls rasen, fallen oder steigen, ganz nach belieben, und dem heimatlichen Himmelsstern wäre jede Chance genommen, wieder ihre alte Aufgabe zu erfüllen, nämlich die Erdenmenschen für sich erwärmen zu können.
Doch unsere liebe Sonne hatte im Moment andere Sorgen und schaute sich deshalb im ersten Moment und Schrecken erst einmal um. Diese Reise durch den engen Schlauch, sie verursachte doch ein leichtes Unbehagen in ihr. Sie war solche Strapazen eben nicht mehr gewohnt, so wie in ihren Kindesjahren vor schon sehr, sehr langer Zeit.
Wie dem auch war, sie trudelte friedlich durch das fremde Parallelweltall und siehe da, es gab unter ihr einen kleinen violetten Planeten. Nein, er war kein Austria-Wien Anhänger, sondern das Land, welches sieben Zehntel der Oberfläche ausmachte, hatte eben diese Färbung. Der Rest der Oberfläche bestand, aufgrund des Nebels milchig-weiß gefärbt, aus zart schimmerndem Ammoniak. Keinerlei Vegetation konnte sie ausfindig machen. Hier dürfte es kein Leben geben, dachte sich der der Erde abspenstig gewordene Himmelsstern.
Aber als die Sonne ein wenig genauer schaute, da entdeckte sie doch bewegliche organische Individuen. Es handelte sich dabei um grüne, annähernd runde, schleimige Schwabbelwesen, die hier ihr Leben fristeten.
Wie ekelig, dachte sie sich. Wie sehr sehnte sie sich jetzt nach den guten alten Erdenmenschen, die doch etwas Besseres darstellten. Das glaubte sie zumindest.
Juchhu! Der helle Himmelsstern verfiel fast in einen ungestümen Freudentaumel. Jetzt hatte sie sie bemerkt. Wie auf Kommando waren sie doch da. Zwar nur in geringer, fast vernachlässigbarer Zahl fand man sie hier vor, aber immerhin. Es gab sie, Wesen mit 4 Gliedmaßen einen rundlichen Fortsatz, der auf dem Rest des Körpers ruhte und auch der übrige Teil kam ihr sehr bekannt vor. Es handelte sich vermutlich um richtige Erdenmenschen.
Wie kamen denn diese hier her? War hiermit das Geheimnis um das Bermudadreieck gelöst? Die seit langen verschollenen, still vor sich hinrostenden Jagd- und Zivilflugzeuge, Kriegs- und Handelsschiffe, die hier scheinbar nutzlos herumstanden, schienen ihre Vermutung zu bestätigen. All dieses Zeug wurde wohl durch das Wurmloch in das Paralelluniversum gesaugt und auf diesen Planeten verfrachtet. Aber die Menschen hier schien nicht ganz zufrieden zu sein. Abgesehen davon, daß die atmosphärische Zusammensetzung vermutlich ein wenig ungewohnt für sie war, hatten sie auch relativ wenig zu essen und zu trinken. Es erwies sich schon als kleines Wunder, daß sie hier überhaupt existieren konnten. Vielleicht hatten sie deshalb Sauerstofflachen auf ihre Rücken gebunden? Was wußte sie? Aber es gibt eben mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, die man sich nicht unbedingt vorstellen kann, aber trotzdem geschehen.
Wie es der Zufall oder die Vorbestimmung so will, verspürte sie in ihren Gedanken plötzlich einen Eindringling. Wie konnte das geschehen? Wer stahl sich da in ihr Bewußtsein , daß bis jetzt nur ihr allein gehört hatte.
Es war eines der Schwabbelwesen, das sich ihr mitzuteilen versuchte: „Hallo, willkommen auf der Edre. Wie hast du denn den weiten Weg hierher gefunden?“
„Durch diese seltsame Verbindung zwischen meinem heimatlichen Weltall und diesem hier, du kleines, grünes, schwabbeliges, unappetitliches Wesen du.“
„Jetzt werd' nicht gleich so ausfallend. Klein, grün, schwabbelig laß' ich gerade noch durchgehen, aber unappetitlich, das geht doch ein wenig zu weit. Glaubst du, daß uns deine komischen vielgliedrigen Wesen gefallen. Gut, wir sind draufgekommen, daß sie gar nicht so übel vom Charakter her sind. Aber wenn wir gleich so abweisend wie du es jetzt bist, gewesen wären, dann hätten sie es jetzt weniger gut bei uns.“
„Na gut. Vielleicht hast du recht. Aber wie soll es jetzt weitergehen?“
„Du könntest uns eventuell bei der Lösung eines Problems helfen. Wir haben nämlich fast kein Wasser, und das was wir besitzen, müssen wir im Moment unseren Gästen offerieren, damit sie nicht verenden. Wir aber drohen hier zu verdursten.“ „Wozu braucht ihr denn Wasserstoffdioxyd. Ihr seid schön blöd. Ihr existiert hier doch auf Amoniakbasis und den habt ihr hier zu genüge.“
„Auch wieder wahr. Das ist mir noch gar nicht aufgefallen. Aber ich glaube, du hast recht. Danke!“
„Bitte, gern geschehen. Aber laß mich jetzt doch bitte mit einem meiner Vertrauten kommunizieren.“
„Nein, das wirst du nicht.“
„Wer störte denn da schon wieder?“
„Ich, die hier rechtmäßige Sonne, die schon seit sehr langer Zeit auf meine lieben Schwabbies aufpassen darf, melde meinen Protest gegen dein Eindringen an. Wenn du nicht bald verschwindest, dann werde ich dich ins nächste Schwarze Loch3) stürzen. Also sieh dich vor.“
„Jetzt spiel doch nicht gleich die beleidigte Leberwurst“, versuchte die irdische Sonne ihre aggressive Kollegin zu besänftigen und näselte dabei verspielt an ihrer Korona.4)
Die Aufmüpfige konnte die Drohung wahrscheinlich gar nicht wahr machen, weil sie um keinen Deut mächtiger war als sie selbst und das nächste Schwarze Loch protzte erst über 10.000 Lichtjahre weiter entfernt mit seinen Kräften, also vielleicht doch ein wenig zu weit für einen kleinen Schwerkraftschubser.
„Beruhigt euch doch“, versuchte Jim, der verschollene Kampffliegerpilot, die Lage ein wenig zu beruhigen, „Streiten hat doch keinen Sinn. Ich schlage vor, wir verlassen einfach wieder diesen Planeten, ich, Hans, Jimi, Todt, Irmi, Elvis, John und wie sie sonst noch alle heißen mögen und auch du, meine liebe Sonne, wir sind hier nicht zu Hause. Also ab durch die Mitte!“ „Ja, verschwindet nur schnell!“ ätzte der kleine Stern der Edre, Bevor ich absichtlich in einer Supernova5) explodiere und dann zu einen Neutronenstern6) zusammenfalle und euch alle mit ins Verderben ziehe.“
Aufgrund solcher schwerwiegender Androhungen nahmen Hans, Jimi, Todt, Irmi, Elvis, John, die Sonne und all die anderen, die eigentlich nicht hierher gehörten, die Beine in die Hand und versuchten, sich aus den Staub zu machen, den es hier in ausreichender Menge gab. Was hätten sie denn auch sonst tun sollen? Den Kampf mit dem hiesigen hellen Himmelsstern aufzunehmen, daß zahlte sich aufgrund der unwirtlichen Gegend eigentlich gar nicht aus. Bevor sie aber wieder den Superstring suchten, vereinbarten sie noch mit den grünen, schlitzigen Schwabbelwesen, umfangreiche Handelsbeziehungen und einträglichen Massentourismus zu schaffen. Die Leute verlangten immer nach neuen, ein wenig ausergewöhnlichen Fremdenverkehrsgebieten.
Das Wurmloch ächzte gequält auf und es wurmte es gehörig, daß jetzt durch seinen engen Hohlraum hindurch der umfassende, universelle, interplanetarische7) Fremdenverkehr stattfinden sollte. Solche Belastungen wollte es nicht dulden, mußte sich aber wohl oder übel damit abfinden, weil was der Mensch beschloß, das galt. Da fuhr die Eisenbahn drüber, die sie vielleicht auch noch zwischen den zwei Welten errichten wollten.

Am nächsten Morgen erglänzte die Sonne wieder im hellsten Lichterkleid zu Gunsten ihres heimatlichen Planeten und erstrahlte vor Freude, daß sie wieder zu Hause sein durfte. Jeder war glücklich - all die Leute, die schon glaubten, erfrieren zu müssen, die Erde, der es doch schön langsam zu anstrengend geworden war, aus eigener Kraft eine elliptische Bahn beschreiben zu müssen und der Mond, weil er zu faul war, Tag und Nacht zu scheinen, noch dazu, da er das nicht besonders gut konnte. Nur Hans, Jimi, Todt, Irmi, Elvis, John und die anderen Weltenreisenden beschlossen, Einsiedler zu werden und nicht mehr in die Zivilisation zurückkehren zu wollen, weil ihnen diese Geschichte sowieso niemand abgenommen hätte. Deshalb gibt es jetzt noch immer den geheimnisumwobenen Mythos vom gefräßigen Bermudadreieck, obwohl dieses Rätsel im Grunde schon längst gelöst ist.

____________________

1) Protuberanz: Sonneneruption
2) Wurmloch = Superstring: winziges Schwarzes Loch, kleiner als ein Atom, durch welches man angeblich durch „Dehnung“ eine Verbindung zwischen verschiedenen Universen aufbauen kann
3) Schwarzes Loch: Schwerkraftstrudel, der alle Materie und auch das Licht in sich hineinsaugt, entstanden aus einenen in sich zusammengestürzten großen Stern
4) Korona: Strahlenkranz der Sonne
5) Supernova: Explosion eines Sterns
6)Neutronenstern: aus einer Supernova hervorgegangener Stern, der nur mehr aus Neutronen besteht und eine schier unvorstellbare Dichte aufweist.
6) interplanetarischer Fremdenverkehr: Reisemöglichkeit von Planet zu Planet, innerhalb der verschiedensten Sonnensystemen

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