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5 Minuten vor 12

Es gab sie einmal und sie existiert noch immer, die Uhr. Die Weltuhr. Die Uhr der Umwelt. Sie steht fünf Minuten vor 12 und das schon seit geraumer Zeit. Jahrelang heißt es der Wald stirbt - unaufhaltsam. Die Uhr steht fünf Minuten vor 12.
Es gibt zu viele Atomsprengköpfe auf dieser Welt. Die Uhr steht fünf Minuten vor 12.
Der Boden ist mit Cadmium, Blei und Quecksilber verseucht. Die Uhr steht fünf Minuten vor 12.
Die Brut der rechtsradikalen Meute wagt es, aus dem braunen Schlamm der Ignoranz und des Hasses emporzusteigen. Die Uhr steht fünf Minuten vor 12.
Die Kriminalität nimmt immer weiter zu. Die Uhr steht fünf Minuten vor 12.
Immer die selbe Leier. Langweilig. Trist. Öd. Fad.
Ja. Fad ist das richtige Wort. Die Weltuhr hält es angesichts zahlreicher aber inzwischen schon eintöniger Schreckensmeldungen, die zwischen den Werbeblöcken aus den Radioapparaten flüstern, nicht mehr aus. Seit einer halben Ewigkeit hört man diese Greueltaten und andere Widrigkeiten und die Uhr steht immer noch fünf Minuten vor 12.
„Wie lange soll das noch so weitergehen?“, fragt der Stundenzeiger, „Ich bekomme schon einen Krampf vor lauter Stillstehen.“
„Du hast gut reden“, meckert der Minutenzeiger, „mir geht es nicht viel besser als dir. Du bist von Haus aus schon ein sehr langsames Tempo gewöhnt. Wenn du da still stehen mußt, hältst du es noch leichter aus als ich, da ich doch etwas flotter unterwegs bin, nicht so behäbig wie du.“
„Sei doch still, du Dampfplauderer!“ beschwert sich der Sekundenzeiger. Normalerweise bin ich dazu geboren, meinen Radius mit Schwung und Energie zu durcheilen. Meine ganze Leidenschaft gilt dem Dahinrasen. Spüre den Rausch der Geschwindigkeit! Man, wäre das toll, wieder einmal solchen Spaß zu haben.“
„Darf ich vielleicht auch noch ein Wörtchen mitreden?“
„Wer bist denn du?“ fragen alle Drei erstaunt.
„Na, wer wohl. Die Weltuhr. Wie habt ihr das nur vergessen können. Schließlich seid ihr ja in meinem Bauch sicher geborgen. Ich bin nichts ohne euch. Aber ohne mich seid ihr ja auch ziemlich wenig. Nur ich verbinde euch zu einem Ganzen. Also hört auf mich. Nehmt meinen nur vielleicht weisen Rat zur Kenntnis. - Ich stimme euch zu. Dieses öde Stillgestehe muß ein Ende haben. Ich beginne bereits, Rost anzusetzen. Ich schlage also vor: Lassen wir unsere Lebensgeister wieder erwachen! Was sollte uns schon daran hindern, wieder zu neuem Leben zu erstarken. Die Menschheit strebt dieses wohl an. Sie möchte es nicht anders.“
Und wie es ein Gott so will - oder handelte es sich um eine Göttin? - durchfährt die ganze Maschinerie ein kleiner Energiestoß. Man kann ihn mit herkömmlichen, irdischen Mitteln nicht messen, aber es reicht. Ganz leise macht es jetzt tick-tack, tick-tack, tick-tack - immer wieder. Keiner hört es, so heimlich geschieht es. Der große Zeiger ist überglücklich. Er hat noch nie viel verlangt, hat sich schon immer mit der geringsten Geschwindigkeit zufrieden gegeben. Aber zumindest diese mußte er eben haben. Das war so sicher wie das immerwährende Auftreten der Meckerei des Sekundenzeigers, die er zum Leidwesen der Weltuhr, alle fünf Minuten von sich gegeben hat. Das konnte man abstoppen.
Der mittlere zeigt sich auch beruhigt. Mehr als er jetzt bekommt, will er nicht. Geduldig, wie es seine Art ist, zieht er gemächlich aber bestimmt seinen vorgegebenen Kreis.
Nur der Sekundenzeiger flippt fast aus. Er drängt frech und ungestüm nach vorne. Sein großer Traum ist in Erfüllung gegangen. Nur hat er jetzt keinen Grund mehr, sich aufzuregen, was ihm doch ein wenig leid tut. Bloß mit Mühe können ihn seine Kollegen einbremsen.
Die Weltuhr fühlt sich so froh und unbeschreiblich frei. Jetzt nimmt alles seinen vorbestimmten Lauf. Ihr ist endlich nicht mehr langweilig.
So gehen still und heimlich fast fünf Minuten ins Land, als ein überaus fanatischer Zeuge Jehovas seine Freudenbotschaft erfährt. Er schaut ganz zufällig auf die Weltuhr und fängt zu jubeln an.
„Endlich ist das Gericht Gottes nahe. Ich freu' mich so. Nur noch sechs Sekunden bis zu seinem Eintreffen.“
Wild mit den Händen fuchtelnd und lauthals schreiend rennt er durch die Gegend und verkündet: „Hört alle her. Die Weltuhr steht sechs Sekunden vor 12. Die Errettung der Welt ist nahe. Gott wird uns alle richten und das schon sehr bald. In sechs Sekunden ist es soweit, pardon fünf!“
Was den einen glücklich macht, muß den anderen noch lange nicht so erfreuen. Denn die meisten Menschen auf dieser Erde sind mit dem drohenden Schicksal nicht so richtig einverstanden. Helga will noch unbedingt ihre Marmelade schnell einkochen, Herbert sein Gartenhäuschen zum fünften Mal zusammenbauen, nachdem es bereits viermal in sich zusammengefallen ist und Doris verlangt danach, ihren Hannes inbrünstig zu küssen.
Wie kann so etwas Unheilvolles nur passieren. Gut, es heißt schon lange, die Uhr steht fünf Minuten vor 12, aber jeder glaubt eben, sie steht still und man kann ungestört radioaktiven Müll ins Meer schütten, Getreide verbrennen, Atombomben zünden und mit chemischen Keulen die Umwelt erschlagen. Aber nein, es wird ihnen ein Strich durch die Rechnung gemacht. So was blödes und unfaires. Was soll man jetzt tun?
Die beste Lösung lautet kurz und bündig: Die Welt retten.
So macht man sich auf, um das drohende Schicksal schleunigst abzuwenden. Wer ist man? Man ist ein Mann: Hannes, aber auch eine Frau: Helga. Der Dritte im Bunde nennt sich frech Herbert und zu guter letzt stößt auch noch Doris zu ihnen. Diese Vier beschließen still und heimlich, das Ruder an sich zu reißen und den Kurs der Erde um 180 Grad zu verändern. Weg von den düsteren Weltuntergangsplänen - hin zur heldenhaften Rettung der Welt. Das wäre doch gelacht, wenn einem so etwas einfaches wie die Bewahrung der Menschen vor dem Weltuntergang nicht gelingen würde.
„Wie könnten wir dieses Problem jetzt richtig anpacken? Wie sollen wir es anstellen und den unguten Lauf der Dinge einstellen?“ fragt Hannes.
„Ich weiß es nicht“, zeigt sich Helga gleich resigniert. Sie läßt wohl gerne andere für sich denken.
„Sollen wir dem Wald Vitaminspritzen und Sauerstoff verabreichen, damit er sich wieder aufrappeln kann? Sollen wir die Atomwaffen zerlegen, recyceln und ihre gefährlichen Teile in die Sonne schießen, wo sie dann verglühen? Ist es angebracht, das Blei, Quecksilber und Kadmium aus dem Boden zu filtern? Kann es sinnvoll sein, die Brut der rechtsradikalen Meute in ihr stinkendes Schlammloch zurückzustoßen und zu hoffen, daß ihnen der Sauerstoff ausgeht und jede aufkeimende Kriminalität im Keime zu ersticken, indem wir sie luftdicht zudecken, ihr eine betonieren?“ fragt Herbert.
„Ja genau. Aber ist es auch zielführend, den radioaktiven Müll mit unseren zu Schalen geschlossenen Händen aufzufangen, der ins Meer gekippt wird, die Flammen mit meinem weißgestreiften, roten Gartenschlauch zu löschen, die das Getreide verbrennen, die Lunten der gezündeten Atombomben wieder auszupusten und die Umwelt zu animieren, sich gegen die chemischen Keulen zu wehren und diese mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen?“ wagt Doris keck einzuwerfen. „Ich weiß nicht so recht“, zweifelt Helga all die gebotenen Lösungsvorschläge an.
„Dauert das nicht alles zu lang? - Ja, so könnte es gehen. Unsere einzige Chance besteht darin, die Weltuhr aufzusuchen, ihre Zeiger anzuhalten und dafür zu sorgen, daß sie nicht wieder in Gang gebracht werden können.“
„Das ist gut! Fantastisch! Super! Wahnsinn! So machen wir es!“ Hannes und Herbert sind sich sofort einer Meinung. Aber auch Doris hat nicht viel dagegen, aber auch nicht wenig.
So marschieren die Vier zu allem entschlossenen zu ihrem Bestimmungsort und erreichen ihn deshalb auch bald. Da hängt sie. Still und heimlich. So lange Zeit von keinem beachtet, jetzt aber doch als unheilvolles Ziel auserkoren. Ihr wird ganz angst und bange, wenn sie die drei zu allem entschlossenen Gestalten auf sich zukommen sieht. Was haben sie vor? Wie wollen sie verhindern, was der Zeitanzeiger in die Wege geleitet hat.
Plötzlich nimmt Helga die Uhr der Umwelt brüsk von der Wand, dreht sie brutal um und Herbert knallt ihr einen klebrigen Kaugummi zwischen die Zahnräder, so daß sich diese weder nach vor noch nach hinten bewegen können. All ihre Lebensgeister sind damit blockiert. Hannes lacht hämisch dazu. Sie haben die Arme besiegt. Die Welt ist gerettet. Alles kann weiterhin ungestraft seinen nicht vorbestimmten Lauf nehmen. Aber knapp ist es schon gewesen. Der Sekundenzeiger steht eine Sekunde vor 12. Gerade noch. Aber es reicht.
Es ist geschafft. Die Drei haben erreicht, wofür sie so verzweifelt gekämpft haben. Helga kann jetzt in Ruhe weiterhin ihre Marmelade einkochen. Herbert darf sein Gartenhäuschen zusammenbauen, damit es ein fünftes Mal in sich zusammenfallen kann und Doris küßt ihren Hannes, so heiß, so impulsiv und so intensiv, daß es ihm im Moment wirklich egal ist, ob ein Vulkanausbruch mit ungeheuren Ausmaßen alles Leben unter sich begräbt, oder eine gigantische Sintflut Menschen und Tiere ersäuft, oder ein Komet in die Erde einschlägt, so daß diese in zwei Teile zerbricht und diese dann führerlos in die unendlichen Weiten des Weltalls trudeln. Auch darf man wieder ungestört radioaktiven Müll ins Meer schütten, Getreide verbrennen, Atombomben zünden und mit chemischen Keulen die Umwelt erschlagen und so weiter und so fort.
Es gibt nur einen Verlierer bei diesem Spiel und diesen trifft es dafür um so härter: Die Weltuhr: Sie ist dazu verdammt, für alle noch kommenden Zeiten auf eine Sekunde vor 12 stehenzubleiben und sich dafür immer und ewig das Gemecker von Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger anhören zu müssen.

- Und wenn sie noch nicht gerostet und zu Eisenoxydpulver zerfallen ist, dann harrt sie bis in alle Ewigkeit auf ihre letzte vielleicht noch so kleine Chance, diese einzige fehlende Sekunde doch verstreichen lassen zu dürfen.
Sie hat noch alle Chancen - wenn sie sich doch endlich einmal von dem klebrigen Zeug zwischen den Zahnrädern befreien könnte!

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