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Ein Mond geht auf Reisen

Eines Nachts hing der müde Mond wieder einmal lustlos und faul, wie er es schon so oft gemacht hatte, denn die Arbeit fiel im ziemlich schwer, am Himmel und zog gemächlich seine seit Jahrmillionen vorgegebene Bahn. Dabei gähnte er gern und oft herzlich und sinierte vor sich hin, warum gerade immer er in der Nacht eine so überaus mühsame Arbeit verrichten mußte. Warum konnte ihn nicht einmal irgendeiner der Planeten, wie Merkur, Mars, Jupiter oder Saturn vertreten? Diese Sonnentrabanten kamen sich wohl viel zu wichtig vor, um sich mit dem armen Kerl wenigstens einmal gedanklich zu verständigen. Solche Spießer. Nur weil er zu den kleinsten von den lokalen Himmelsgestirnen gehörte, brauchten sie nicht zu glauben, daß er der bedeutungsloseste unter allen war. Dabei hätten sie sicher genug Zeit, denn Leben hatten sie nicht zu beschützen, wie es sich die Erde zur Hauptaufgabe gemacht hatte. Am hellichten Tag konnte der Mond dann meistens nicht schlafen, weil ihm die Sonne ihre Strahlen immer voll ins Gesicht knallte. Manchmal glaubte er sogar, daß sie das absichtlich tat. Sie machte sich anscheinend einen Spaß daraus, ihn damit zu ärgern. Doch für ihn war das nicht gerade lustig.
Aber das sollte jetzt endlich anders werden, fiel es ihm da plötzlich ein. In der nächsten dunklen Phase, da war eine Mondfinsternis geplant. Das bedeutete, er hatte einen seiner wenigen freien Tage. Da konnte er es sich normalerweise leisten, wenn er nicht gerade von irgendwelchen Außerirdischen besucht wurde, was aber sehr selten vorkam, in Ruhe auszuschlafen. Diesmal würde er diese Nacht zu etwas viel Besserem nutzen. Er hatte vor, einfach aus dem Alltagstrott auszubrechen. Einfach weg, mit zwei Koffern in der Hand, wie er schon einmal gehört hatte. Eine lustige und sicher auch aufregende Spritztour war angesagt. Urlaub. Er nahm sich vor, sobald er für heute hier fertig war und das Feld seiner hell strahlenden Kollegin überlassen durfte, seinen Ranzen zu packen und abzuhauen.
Als sich das Morgengrauen endlich ankündigte, setzte der Erdtrabant seinen Plan in die Tat um. Er suchte seine notwendigsten sieben Sachen zusammen, informierte den Mann im Mond und seine Kälber noch von seinem Vorhaben, dann, bevor die Sonne ihre ganze morgendliche Kraft entfalten konnte, machte er sich auf in Richtung großes Abenteuer. Was hatte er bis jetzt schon besonderes gesehen? Immer wieder die gleichen Bilder. Nacht für Nacht. Die mächtigen Ozeane, die hohen Gebirgskämme, die weiten Täler, die breiten Flüsse und die chinesische Mauer. Außerdem mußte er während jeder Dunkelphase beobachten, wie Menschen miteinander kämpften, wie sie sich gegenseitig ausraubten, heimlich ermordeten oder sonst irgend etwas nicht gerade Nettes antaten. Die Finsternis war für gemeine Taten immer schon sehr beliebt gewesen. Doch das hatte jetzt endlich sein Ende.
Er schulterte seinen Rucksack und machte sich auf die Reise. Heißa, war das lustig, so durchs All zu düsen. Dabei entdeckte er viele interessante Sterne, Planeten, Asteroiden, Kometen und sonstiges komisches, kosmisches Zeug. Seltsam, was da alles herumflog. Wirklich aufregend. Doch was mußte er denn da bemerken? Er hatte das heimatliche Sonnensystem schon seit geraumer Zeit verlassen und war statt dessen in ein fremdes eingedrungen.
Zwei große Sonnen, die sich 16 Planeten schwesterlich teilten, die um die leuchtenden Himmelskörper herum Achterbahn fuhren, so etwas sah man nicht alle Tage. Schau, schau. Einer der Planeten war sogar bewohnt. Damit hatte der Mond wirklich nicht gerechnet. Wie konnte es nur passieren, daß es zweimal und so knapp beieinander einen solchen folgenschweren Unfall gegeben hatte, der Leben ermöglichte? Er wollte sich das einmal genauer ansehen und setzte seinen Plan sogleich in die Tat um. Aber zuvor mußte er beim Einschlagen der fremdartigen Umlaufbahn sehr aufpassen, weil er diese seltsame Fahrtroute gar nicht gewohnt war.
Nach 17 schwindelerregenden Stunden hatte er es endlich begriffen und der der Milchstraße Untreue konnte in Ruhe alles beobachten, was ihm hier so geboten wurde. Seltsam, diese Wesen waren wider erwarten friedfertig. Jeder lächelte den anderen an, grüßte ihn und half ihm, wo es ging. Das hatte er nicht zu hoffen gewagt. Wunder geschehen - selten, aber doch. Er freute sich sehr darüber. Was war das doch für eine erfrischende Abwechslung, im Gegensatz zu dem, was er auf seiner Heimaterde sonst immer beobachten hatte müssen.
Doch es zog ihn schon wieder weiter. Nein, ziehen war nicht der richtige Ausdruck. Er wurde regelrecht aber seiner Meinung nach regelwidrig aus der Umlaufbahn geschleudert. Die zwei Sonnen zeigten sich offensichtlich nicht damit einverstanden, daß er hier still und heimlich seine Achter zog. Sie waren nicht so gastfreundlich wie die Bewohner auf diesem Planeten, doch denen konnte er auch keinen Besuch abstatten. Unangemeldet sollte man nirgends hineinplatzen. Schon gar nicht als gut erzogener Mond.
Aha, deshalb waren auch die beiden strahlenden Sterne gegen ihn eingestellt. Es mußte wohl alles seine Ordnung haben. Nur nichts Neues einführen. Das wollte man sich erst gar nicht anfangen.
So war der Mond gezwungen, seine Reise geschwind fortzusetzen. Doch das machte ihm nicht viel aus. Er war schließlich unterwegs, um viel Neues zu entdecken und nicht, um irgendwo Wurzeln zu schlagen. So schritt er in einem fort durch die unendlichen Weiten des Weltraumes. Da sah er schon wieder etwas Interessantes. Dieses All war voller angenehmer aber auch unangenehmer Überraschungen.
Mehrere Planeten eines Sonnensystems, die sich die selbe Umlaufbahn teilen mußten, beschossen sich gegenseitig mit einer Intensität, die er nie zuvor für möglich gehalten hatte. Ein Krieg der Sterne sozusagen. Laserblitze in rot und grün, gelb und blau durchschnitten mit scharfem Zischen die Luft. Da fiel ihm auf, daß es gar nicht die Himmelskörper waren, die sich bekämpften, sondern deren Bewohner. Das waren wahrlich weit fortgeschrittene Zivilisationen, daß sie über solche hochentwickelten Waffensysteme verfügten. Da brachte sich der Mond lieber schnell in Sicherheit. Man konnte ja nicht wissen, was da weiterhin passieren würde. Keine Sekunde zu spät. Denn plötzlich flog einer der Planeten in die Luft. Eine der Kriegsparteien hatte für immer verloren. Riesige Gesteinsbrocken flogen dem Reisenden um die Ohren. Er machte sich auf, davon und aus dem Staub, bevor man ihn noch traf.
Jetzt hatte er genug gesehen. Normalerweise war es gar nicht seine Art, so schnell aufzugeben. Aber diesmal kam es anders. Das Heimweh übermannte ihn schließlich doch noch. Es durchzuckte ihn wie ein Blitz. Plötzlich sehnte er sich nach der Sonne, die ihn zwar immer wieder ärgerte, aber sonst eine recht freundliche und friedliche Lebenspartnerin war, mit der man allerlei Späße treiben konnte. Auch wollte er wieder die vertrauten, mächtigen Ozeane, die hohen Gebirgskämme, all die wunderbaren Täler und Flüsse und schließlich noch die imposante Chinesische Mauer sehen. Da konnte er die immer zu Streit aufgelegten Menschen schon noch ein wenig länger ertragen. Man stumpfte mit der Zeit sowieso ab, so daß einem das gar nicht mehr so viel ausmachte. Er verstand nicht, warum er überhaupt einmal fort gewollt hatte. So rappelte er sich auf, um auf dem schnellsten Weg wieder zur Heimaterde zurückzukehren. Ob er schon irgend jemanden abgegangen war? Der Sonne, den Mondsüchtigen, den Astronauten? Nein, wohl kaum. Schließlich war er nicht besonders lange unterwegs gewesen.
Doch kaum war er daheim angelangt, wurde er auch schon mit zahlreichen Fragen und Vorwürfen überschüttet: Warum bist du von uns fortgegangen? Warum hast du uns vorher nichts davon gesagt?
Die Sonne: „Du hast mir doch immer bei der Gezeitenbildung geholfen. Da konntest Du mich nicht einfach so in Stich lassen. Ich bin schon ganz erschöpft von der zusätzlichen Arbeit.“
Der Mondsüchtige: „Ich wußte nicht wohin ich schauen sollte. Das Leben war so sinnlos ohne dich.“
Der Astronaut: „Gerade als ich zu dir aufbrechen wollte, warst du weg. Du hättest mich um ein Haar arbeitslos gemacht. Doch jetzt kann ich doch noch kommen.“
Der Erdtrabant versteckte angesichts dieser offenen Drohung lieber schnell den Mann im Mond und seine Kälber, bevor der Himmelsforscher eintreffen konnte und wieder überall seinen Mist liegen lassen würde, wie er es 1968 schon einmal vorgezeigt hatte.
- Jetzt, nachdem sich die Lage wieder einigermaßen beruhigt hat, zieht der Mond wieder in Ruhe seine Bahn. Er ist zwar noch immer jede Nacht müde und kann am Tag oft nicht einschlafen, weil ihm die Sonne keine Ruhe läßt. Auch die Aussicht ist immer gleich langweilig, doch er weiß, man muß mit dem zufrieden sein, was man hat. Man sollte nicht immer nach den Sternen greifen, denn man könnte sich dabei gehörig die Finger verbrennen.

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