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Warum gerade am Montag morgen der Weltfrieden einkehrte

Es ist schon seltsam. Jedes Mal, wenn das Morgengrauen des noch jungen Montags anbricht, immer wenn die Sonne an diesem neuen Tag vorsichtig beim fast blinden Fenster hereinblinzelt oder der Regen unbarmherzig gegen die verrostete Dachrinne trommelt, dann werde ich ohne Gnade aufgefordert, aufzustehen und mich auf die mir oft als ein klein wenig grausam vorkommende Arbeitswoche vorzubereiten.
Heute ist wieder einmal so ein Tag. 5 Uhr 55. Der Wecker klingelt. In meinem Hirn dröhnt die Pummerin. Das Wochenende war mir fast zu stark. Am Samstagabend: ein Speckbrot, zwei Whiskys, drei Bier, vier Tequilas und fünf Blondinen. Oder spielte es sich in umgekehrter Reihenfolge ab? Ich weiß es nicht mehr ganz so genau. Jedenfalls durfte ich sonntags dann meinen Kater im Schädel besänftigen und mit meinem Hund Gassi gehen, was ich bestens dazu nutzen konnte, meiner kreativen Seite an Hauswänden, natürlich nur in stillen Gassen, mittels halbverdauter Speisen Ausdruck zu verleihen. Nitsch hätte eine Freude mit mir gehabt. Waldmüller vermutlich nicht. Aber der war sowieso schon zu tot, um sich beschweren zu können. Zwischen 15 und 17 Uhr dröhnten dann die Formel 1 Boliden im Fernsehapparat und mein armer Kopf um die Wette.
Doch jetzt heißt es wieder frisch und munter aus dem Bett zu steigen und auf zum geliebten Arbeitsplatz.
Nachdem ich meine zwei verschiedenfarbigen Socken angezogen habe und auch sonst fix und fertig bin, mache ich mich daran, die Wohnung zu verlassen. Wie an jedem anderen Wochentag auch tritt mein Nachbar zeitgleich mit mir aus dem Haus, ich aus meinem, er aus seinem. Das ist beinahe schon Tradition. Doch was geschieht da. Er lächelt mich an und wünscht mir einen Guten Morgen. Seltsam. Das macht er doch sonst nie. Ich erwidere ein wenig irritiert den Gruß und denke mir, dass er wohl einen Lottosechser getippt hat und der Fiskus noch nicht bei ihm angeklopft hat. Doch das ist wohl nicht möglich. Wer so viel Geld mit einem Schlag verdient, der geht nicht mehr zur Arbeit, sondern denkt angestrengt nach, wie er sein eben Verdientes vor dem Finanzamt verstecken kann. So bleibt dieses Rätsel vorerst ungelöst und ich trete mutig aus dem Haus. Ich setze mich in meinem Wagen und starte durch. Wie ich so auf der Straße flott dahinfahre, geschieht Sonderbares. Jeder Autofahrer, der mir entgegenkommt, grüßt mich mittels Handzeichen und grinst. Ich erwidere jedes Mal immer ein bisschen weniger überrascht diese freundliche Geste, weil man muss ja immer höflich bleiben, doch beim 54. Mal tut mir meine Hand schon sehr weh.

Juchuh! Ich habe es geschafft. Nach 103 Handzeichen finde ich gleich gegenüber meiner Arbeitsstelle einen freien Parkplatz. Wunder geschehen. Ich verlasse meinen gelben Porsche und freue mich schon darauf, jetzt endlich so richtig griesgrämige Gesichter zu sehen, wie es sich eben für einen Morgen wie diesen gehört. Das darf doch nicht wahr sein, dass an einem Montagmorgen jeder gut gelaunt ins Büro kommt, schon gar nicht bei unserem eintönigen Betrieb. Doch meine düsteren Gedanken werden sogleich verdrängt. Ich betrete das sonst muffig-triste Büro. Schreck lass nach.
Rein optisch ist es noch immer muffig-trist. Doch von überall her tönt und dröhnt es: "Guten Morgen", "Hallo", "Wie geht's dir heute", "Was für ein wunderbarer Tag", und so weiter und so fort. Alle lachen mich an. Jeder grinst. Das kann doch nicht wahr sein. Wo sind die schlechten Manieren geblieben, die sich darin äußern, dass jeder jeden grantig anschaut und sonst keines freundlichen Blickes würdigt? Warum herrscht überall eine so friedliche Stimmung? Aber irgendwie werde ich bereits von diesem sonderbaren Verhalten angesteckt. Während ich krampfhaft fröhlich meiner Arbeit nachgehe, denke ich nach. Ja, auch das kommt vor. Vielleicht bin ich in der Nacht unbemerkt von Außerirdischen entführt worden, die mich auf eine Nachbildung der Erde gebracht haben, wo es aber nur lustige und friedfertige Menschen gibt? Oder ich schlafe möglicherweise noch und träume alles? Oder ich befinde mich in Trumans Kuppel? Oder die Matrix hat mich wieder? Oder vielleicht hat die Regierung eine neue Superwaffe entwickelt, ein Gas, welches fast alle zum fröhlich Sein und gut miteinander auskommen verdammt. Damit kommt niemand mehr auf die Idee, irgendwelchen terroristischen Anschlägen oder sonstigen staatsfeindlichen Aktivitäten nachzugehen. Das ist wohl die vernünftigste Erklärung. Oder ich werde demnächst geblitzdingst und alles was ich in den vergangenen Minuten erlebt habe, ist vergessen.
Doch jeder Tag muss einmal zu Ende gehen. Ich verlasse müde mein Büro - dass mich jeder angrinst - an das habe ich mich schon gewöhnt. Meine Hand wird während des Nach-Hause-Fahrens wieder überstrapaziert, aber was soll's. Es dient doch einen guten Zweck. Wenn alle Menschen so freundlich zueinander sind, dann streiten sie nicht mehr herum, sind sich nichts mehr neidisch, sind wirklich rundum glücklich und mit dem zufrieden, was sie haben. Andererseits: Es gibt auch eine Schattenseite dieses Umstandes. Man könnte denken, eine trostlose Zukunft stünde einem bevor. Wenn es keine kleinen Querelen und Meinungsverschiedenheiten mehr gibt, wenn man nicht eine gewisse Unzufriedenheit und stete Unrast in sich spürt und alles in Ordnung und bequem zu handhaben ist, dann will man auch nichts verändern oder weiterentwickeln und verbessern.
Es ist Abend geworden. Ich sitze vor dem Fernsehapparat und jetzt weiß ich es mit fast absoluter Sicherheit. Auf der ganzen Welt herrscht Frieden. Auf einmal. Ganz plötzlich. Einfach so. Per UNO-Beschluss. Die Israelis umarmen die Palästinenser. Die Russen stoßen mit den Aserbaidschanern auf ein gemeinsames Zusammenleben an. Die Tutsis gehen mit den Hutus auf die nächste Buschparty. Die Wiener singen mit den Tirolern Fiakerlieder und das Kufsteinlied. Die Rebellen Syriens frühstücken gemeinsam mit Assad. Und Frau Merkel hat es endlich geschafft. Alle Welt lebt Friede, Freude, Eierkuchen.

Jetzt glauben die aufmerksame Leserin und der geneigte Leser wahrscheinlich, dass mit einem Mal der Wecker dröhnt, ich schweißgebadet aufwache und alles nur geträumt habe. Aber so ist es nicht. Deshalb finde ich mich wohl oder übel damit ab, für den Rest meines Lebens friedlich, freundlich, froh und frei zu sein.

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