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Die Mücke und der Elefant

Er streifte mit all den anderen durch die Steppe, nahm ab und zu einen Happen Gras zu sich, schlürfte dann und wann ein paar Liter Wasser und er hatte sich verlaufen. Eben noch befand er sich in seiner Herde, döste, nein schlief vor sich hin und bekam erst zu spät mit, daß eine Erdmaus seine Brüder und Schwestern, seine Eltern, seine Freunde und Feinde aufschreckt und zur sofortigen Flucht veranlaßt hatte. Er aber blieb alleine zurück. Außerdem hatte er keine Angst vor Mäusen. Was konnte ihm so ein kleines Ding schon anhaben?
Da summte und brummte es plötzlich in seiner unmittelbaren Nähe. Was war denn das. Die Invasion der Außerirdischen mit ihren fliegenden Untertassen? Eine hölzerne Frisbeescheibe von den umherziehenden Steppenbewohnern? Nein, bloß eine kleine Mücke. Sie hatte Hunger und wollte Blut saugen. Wie ein Vampir. Sie wußte aber noch nicht von wem. Oder doch? Denn dieser afrikanische Elefant, der da so unschlüssig in der Gegend herumstand, hatte genug von diesem wertvollen Lebenssaft. Er sah recht appetitlich aus. So ging sie in einen waghalsigen Sturzflug über, bremste im letzten Moment ab und setzte sanft auf der ledrigen Haut auf.
„Aua! Was erlaubst du dir denn da?“ schimpfte der Gestochene.
„Ich esse zu Mittag“, antworte die Mücke, nachdem sie sich mit einem Milliliter Blut den Bauch vollgeschlagen hatte. „Aber nicht gerade mich!“
„Warum denn nicht? Du hast genug von diesem roten Zeug. So ein Tropfen geht dir doch gar nicht ab.“ „Du tust mir dabei weh.“
„Sei nicht gleich so wehleidig“, muckte die Mücke ein klein wenig enttäuscht über so wenig entgegengebrachtes Verständnis gereizt auf. „Sieh doch das ganze von einer durchaus positiven Seite. Du ermöglichst mir für einen weiteren Tag das Überleben in dieser gefährlichen Wildnis. Das müßte dich doch mit großen Stolz erfüllen. Übrigens ich heiße Barbara. Und du?“
„Haha! So ein langer Name für ein so kurzes und kleines Ding wie dich. Mich ruft man Hans. Meine Vorfahren, es liegt wohl schon viele Generationen zurück, waren bei der Wanderung mit Hanurabi (?) über die Alpen in Mitteleuropa dabei. Als Andenken daran wird dieser dort übliche Namen immer wieder weitervererbt.“
„Warum stehst du hier so allein und verlassen da? Du bevorzugst doch sonst sicher Gesellschaft mit deinesgleichen.“
Hans erzählte es ihr.
Da wurde Barbara ganz nachdenklich zu Mute und meinte: „Deine Artgenossen leben wenigstens noch. Meine Eltern und Freunde wurden bestialisch ermordet. Sie suchten sich in einem Beduinenzelt Nahrung, weil jeder muß von etwas leben, und wurden daraufhin brutal erschlagen. Nur ich konnte entkommen und irre seither völlig alleine, von allen guten Geistern verlassen, umher.“
„Das tut mir leid“, meinte der Elefant, „Wie wäre es, wenn wir uns zusammen tun und gemeinsam durch die Steppe ziehen? Vielleicht finde ich meine Familie wieder. Da hättest du dann genug zu essen und die Belastung für unsereins wäre auch wesentlich geringer. Na, was ist? Bist du einverstanden?“
„Ja! Natürlich! Gerne! Das ist eine super Idee! Drauf muß ich gleich einen Heben.“
„Aua!“
„Entschuldige.“
So streiften sie jetzt ganz friedlich und an nichts Böses denkend gemeinsam durch das Land und kamen sich dabei immer näher. Nein, nicht körperlich - in dieser Beziehung war es Hans schon fast zu nah – sondern geistig.
Da vernahmen sie plötzlich ein Brüllen und Fauchen, welches ihnen gebieterisch befahl: „Halt!“
Barbara blickte einen Löwen in die Augen.
„Halt, habe ich gesagt!“
„Wir haben es gehört.“
„Ihr müßt aber weiterlaufen, damit ihr euren Ungehorsam zeigt und ich euch nachstellen und bestrafen kann, indem ich euch fange, töte und aufesse.“
„Mit Laufen ist es aber bei mir nicht sehr weit her“, meinte Barbara. „Schau nur auf meine kleinen Trippelfüße. Da fliege ich dir lieber gleich davon.“
Schon schwebte sie keck und unerreichbar über dem Haupt des Königs der Tiere.
„Zollst wenigstens du mir den nötigen Respekt, wie er mir von Rechts wegen her gebührt, Elefant!“
„Nein, das habe ich eigentlich nicht vor. Ich habe etwas gegen eingebildete Möchtegernherrscher. Paß nur auf, daß ich dich nicht zerstampfe!“
Drohend näherte sich Hans dem Löwen, der sich jetzt doch ein wenig überrascht über so viel Unverfrorenheit und vielleicht ein klein wenig ängstlich zeigte und deswegen einen Schritt zurücktaumelte.
„Warum nimmt mich denn keiner ernst? Mich, den LÖWEN!“
„Weil du dich lächerlich benimmst“, summte die Mücke ihm ins linke Ohr.
„Die Zeiten der Diktatur und der Alleinherrschaft eines Königs sind vorbei. Es lebe die Demokratie.“ flüsterte sie in sein rechtes Hörorgan.
„Naja, da kann ich wohl nicht mehr viel ausrichten.“
Mit eingezogenem Schwanz wollte sich der Löwe davonmachen, aber Hans rief ihm noch nach: „Bleib doch. Schließ dich uns an. Wir könnten Freunde werden.“
Doch das ließ sich mit des Raubtieres Stolz nicht vereinbaren.
„Na gut“, Barbara zuckte mit den Achseln, „Wie er meint. Gehen und fliegen wir eben alleine weiter.“
Und das taten sie auch.
Durch die karge Steppe zog die aus zwei Tieren bestehende Karawane. Einmal folgte die Mücke dem Elefanten, ein andermal flog Barbara ihrem Begleiter Hans voraus. Wie es ihnen gerade beliebte.
So trafen sie schließlich die Schnecke. Noch wußten die beiden Freunde nicht, was sie hierher verschlagen hatte. Dieses Gebiet war doch viel zu trocken für so ein Tier, das die Feuchtigkeit liebte.
„Na, was ist denn mit dir los?“ trompetete Hans, so daß die Schnecke vor Schreck gleich ein paar Zentimeter nach hinten hüpfte.
„Laßt mich doch in Ruhe. Ich büße hier. Krieche meine Strafe ab. Wenn doch nicht das blöde Salatblatt gewesen wäre. Es sah so saftig aus und roch so himmlisch nach ... Freiheit, Glückseligkeit - eben Salat. Ihr wißt gar nicht, was man mir angetan hat. Warum ich hier entlang krieche. In die Wüste hat man mich geschickt. Nur weil ich dieses blöde, saftige, wohlriechende Salatblatt angeknabbert habe. Kein Mensch kam mir dazwischen. Nein, keiner dieser primitiven Zweibeiner, die uns unsere Lebensmittel züchten, beging diesen Frevel. Es war mein Nachbar, der mich vor den obersten Rat des Schneckenregimentes brachte. Er schleppte mich vor den Kadi. Dabei habe ich nur ein klein wenig sein Salatblatt angeknabbert, um ihn ein wenig zu ärgern. Das hat er schon lange verdient. Dieser blöde Kerl. Er läßt auch keine Gelegenheit offen, um mich bloßzustellen, um mich zu demütigen. Ach, was erzähle ich euch das. Euch interessiert mein Leidensweg wohl kaum. Warum sollte er auch. Ich bin doch nur ein kleines, primitives, wirbelloses, schleimproduzierendes, zweigeschlechtiges Kriechtier, also kaum der Rede wert. Aber deswegen braucht man mich doch nicht in die Wüste zu schicken, gerade mich, wo ich doch die Feuchtigkeit so liebe und es dort so trocken ist.“
Sie war inzwischen an den beiden vorbeigezogen.
„Man könnte glauben, sie hätte ein Problem“, meinte Hans.
„Ja“, stimmte Barbara ihm zu, „Sollen wir ihr helfen?“
„Ich glaube schon, das wir zumindest fragen müßten.“
„Können wir dir irgendwie beistehen?“ versuchte die kleine Stechmücke behilflich zu sein.
„Nein, keiner kann mir helfen. Laßt mich doch in Ruhe. Ich ziehe mich jetzt in mein Schneckenhaus zurück und gebe mich meinen depressiven Gedanken hin und wehe es stört mich jemand, wie ich mich selbst bedauere.“
„Na gut. Dann gehen wir eben weiter. Was soll's. Mach's gut. Bis zum nächsten Mal.“
„Es wird kein nächstes Mal geben, denn dann bin ich schon längst in der Wüste und laß mich rösten. Ihr werdet mir wohl kaum dorthin folgen wollen und meinem Tod beiwohnen.“ Sie kam wieder aus ihrem Haus hervor und kroch unermüdlich weiter.
„Der ist nicht mehr zu helfen“, meinte Hans und tippte sich mit dem linken Vorderfuß auf seine Schläfe und fiel dabei fast um. „Nein, wahrlich nicht. Dummheit muß leiden.“
„Naja, vielleicht sollten wir sie mit Gewalt aus diesem trostlosen und lebensgefährlichen Zustand holen. Sie einfach aufheben und sanft zu einem Wassertümpel tragen. Wir werden schon einen finden. Sicher schneller als sie es tut.“
Doch sie sahen sie nicht mehr. So sehr sie den kargen Boden auch mit ihren Augen absuchten, sie fanden kein kleines, kriechendes, schleimproduzierendes, zweigeschlechtiges, depremiertes Wesen, welches den Freitod suchte. In der Ferne flog gerade mit aufsteigender Tendenz ein Vogel davon, der irgend etwas zu schlucken schien. Sie konnten aber nicht erkennen, um was es sich dabei handelte.
„Kann man halt nichts machen.“ Barbara flog schon wieder weiter, so daß Hans sich beeilen mußte, um ihr nachzukommen. Inzwischen waren sie schon sieben Tage unterwegs. Sieben Mal sahen sie die Sonne mit einem strahlenden Lächeln auferstehen und sieben Mal wurde sie wieder vom Boden verschluckt, damit der Herr der Finsternis endlich seine Chance bekam für ein paar Stunden zu herrschen, um aber dann am nächsten Morgen wieder feststellen zu müssen, daß seine Regentschaft nur von kurzer Dauer war. Wie im wirklichen Leben eines jeden Einzelnen gab es hier ein ewiges Auf und Ab. Auf jede Finsternis folgte wieder strahlendes Licht. Aber jeder Sonnentag wurde wieder von der Nacht verschluckt. Unbarmherzig. Ohne der kleinsten Möglichkeit, diesem Schicksal zu entrinnen. Aber das machte nicht viel aus, weil das Licht jeden Tag eine neue Chance bekam. Immer wieder.
„Weißt du. Eigentlich ist es mir gar nicht mehr so wichtig, Überlebende aus meiner Familie zu finden.“ Barbara hielt in ihrem Flug inne. „Irgendwie habe ich das Gefühl, daß du meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester und meinen Bruder zwar nicht ersetzt, aber mir den Verlust irgendwie erträglicher machst und mich immer wieder auf andere Gedanken bringst. Ich habe das Gefühl, daß ich mit dir durch dick und dünn fliegen kann. Jedes Problem bliebe zwar noch immer ein Problem, aber es wäre leichter zu ertragen und vielleicht doch zu lösen - mit deiner Hilfe. Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt. Jetzt ist es heraußen.“
Weil diese Erzählung kein billiger Dreigroschenliebesroman ist, sondern eine seriöse Geschichte über ein wirklich ernstzunehmendes Problem, sei nur so viel gesagt. Auch Hans war diesem Gedanken nicht ganz abgeneigt. Doch wie sollte das klappen. Eine Lebensgemeinschaft mit allem was dazugehörte zwischen einer Mücke und einem Elefanten. Da würden wohl einige Schwierigkeiten auftauchen.
Doch eines Nachts, beide Tiere schliefen tief und fest, da hatte ein Gott scheinbar erbarmen mit den Zweien.
Als Barbara am nächsten Tag aufwachte, kam sie sich um einiges größer vor. Vor Freude wollte sie herumfliegen und die neue Tatsache in die ganze Welt hinausposaunen, aber sie konnte sich nicht mehr in die Lüfte erheben. Sie war zu schwer und außerdem fehlten ihr plötzlich die Flügel dazu. Dafür baumelte vor ihr ein Rüssel, aber nicht der von Hans. Sie hatte sich in einen Elefanten verwandelt, das wurde ihr plötzlich bewußt.
So also würde aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Manchmal wurden Träume doch wahr.
Hans aber erschrak angesichts dieser unheimlichen magischen Kräfte und lief von panischer Angst erfüllt davon und ward nicht mehr gesehen.
Barbara irrt seitdem einsam durch die Steppe und ist so unsagbar traurig. Ihr größter Wunsch ging in Erfüllung. Doch was hatte sie jetzt davon. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder eine kleine lästige Stechmücke zu werden, um Dickhäuter plagen zu können. Aber ihr zweiter Wunsch wurde nicht mehr erhört.
So blieb ihr nichts anderes übrig als einsam dahinzuwandern und zu hoffen, daß sie wieder einmal einen Freund finden würde, wie Hans einer gewesen war und wenn es sich nur um eine kleine Stechmücke handeln sollte, wie sie einmal eine dargestellt hatte.

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