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Ich bin ein Optimist

Millionen Kalender auf der ganzen Welt zeigen nicht nur mir höhnisch grinsend den Montag. Deshalb könnte man fast glauben, daß heute einer ist. Wie der Zufall es so will, verhält es sich tatsächlich so.
Es ist Montag.
Aber das verkündete ich bereits ohne Posaunen und Trompeten aber dafür um so mehr unsagbar glücklich und so herzerfrischend fröhlich und zufrieden. Herumhüpfen, wie ein Kasperl, der gerade den Tintifax besiegt hat, möchte ich. Ich freue mich ja so, weil ich frei habe. Wer würde da nicht vor Begeisterung jubeln?
Da fällt mir gerade ein, ich habe gar nicht Urlaub, sondern meinen Job verloren. Gestern bekam ich die Kündigung präsentiert. Naja, was soll's. Von so etwas laß ich mir doch diese Morgenstunde nicht verderben und bin trotzdem glücklich, denn jeder Tag sei ein Fest. Egal, ob schön oder noch schöner.
Ich springe förmlich aus meinem Bett und verreiße mir dabei das Kreuz. Aber das macht nichts, denn ich brauche es sowieso nicht ewig. Dann öffne ich die Vorhänge, so daß strahlender Sonnenschein meine Augen blendet. Ich könnte mich direkt daran gewöhnen. Oder lieber doch nicht? Strahlend, im wahrsten Sinn des Wortes. Gestern teilten sie nämlich im Radio mit, daß das Ozonloch sich bereits vom Nordpol bis Nordafrika erstreckt. Aber das kann mich nicht berühren, denn ich wohne nicht in Nordafrika, sondern hier in Mitteleuropa.
Danach schlurfe ich noch ein klein wenig schlaftrunken ins Bad und trällere fröhlich vor mich hin, so daß jeder Vogel neidisch werden müßte, wenn es hier noch welche geben würde. Ich wasche mein Gesicht, putze mir die Zähne und kämme sogar mein Haar. Die ausgefallenen sammle ich wie jeden Morgen. Eines Tages fülle ich mir meinen Kopfpolster damit. Total Bio.
Schließlich bewege ich meinen Luxuskörper in Richtung Küche. Das jahrelange Bodybuilding hat sich ausgezahlt. Mehr breit als hoch stoße ich zwar überall an, aber Schwarzenegger, Gott habe ihn selig, wäre trotzdem stolz auf mich gewesen. Ich will gerade die Stereoanlage voll aufdrehen, egal was sie spielt, weil alles ist gut, wenn nicht sogar noch besser, als mir einfällt, daß sie gestern vom netten Gerichtsvollzieher, mit dem ich mehr prostete als atmete, gepfändet worden ist. Die Gläubiger sind doch alle so kleinlich, das bestätigte mir sogar der Exekutionsbeamte, nachdem er voller war als der Opferstock in unserer Kirche. Aber das ist sowieso kein großes Kunststück. Trotzdem, meine Kreditgeber sollten sich ein Beispiel an mir nehmen. Ich vergönne jedem alles, wenn er nur einen Weg findet, um an das Gewünschte heranzukommen. Aber nur weil ich ein paar Rechnungen nicht innerhalb von 7 Jahren begleichen kann, nehmen sie einem schon alles weg. Naja. Vielleicht hätte ich die Wohnungseinrichtung doch nicht auf Pump kaufen sollen? Die Rückzahlungsraten fressen dann einen wahrlich auf. Aber ein gewisses Maß an Komfort muß man doch haben. Bei allem Optimismus. Wo käme man da hin, wenn nicht jeder Staatsbürger ein Recht auf eine originale, antike Jugendstileinrichtung besäße? Wenigstens einen Sessel, einen Tisch und das halbe Doppelbett, welches jetzt jedoch ein wenig Schlagseite hat, weil zwei Füße fehlen, haben sie mir gelassen. Ich stelle fest: Das ist schon wieder ein Grund zur Freude. Ich halt's nicht aus. Kann ich mich denn nie so richtig vernünftig ärgern. Nein, denn ich juble und ich jauchze, bis ich heiser bin.
Die hoffentlich noch nicht sauer gewordene Milch wärme ich über meinem Benzinfeuerzeug auf. Ich habe Glück. Sie hat es mir noch nicht übel genommen, daß sie nicht mehr im Kühlschrank stehen darf. Auch sie scheint ein Optimist zu sein. Wohl zwangsweise, denn ich lasse ihr keine andere Wahl.
Nach dem Frühstück beschließe ich, meine Geliebte zu besuchen. Sie ist mein Ein und Alles. Für sie würde ich durchs Feuer gehen. Ach ja, da fällt mir gerade ein. Sie ist es gar nicht mehr. Gestern gab sie mir den Laufpaß und das nur wegen meiner kleinen Eigenheiten, die ihr ein wenig zu schaffen gemacht haben. Aber seien wir doch ehrlich: Wozu brauche ich eine Freundin. Sie hat mir sowieso nur viel Geld gekostet, das ich nicht besitze.
Apropos Geld. Wovon soll ich jetzt leben? Es schaut ziemlich trist aus, könnte man meinen, wenn ich nicht so grenzenlos optimistisch wäre, würde ich es sogar glauben. So aber genieße ich die Freiheit, entledigt aller materieller Zwänge. Man darf sich nie unterkriegen lassen. Aufgeben kommt nicht in Frage. Niemals!
Ich gehe also auf die Straße hinaus und setze mich in der Fußgängerzone auf den Boden. Gut, daß ich einen Hut habe. Gerade gestern habe ich ihn für meine Verhältnisse günstig in der Boutique „Zur Teuren Monika“ erstanden.
Vor kurzem noch Hochstapler - heute schon Straßenbettler. Eine wahrlich bemerkenswerte Karriere. Zumindest aus moralischer Sicht her. Schnorrer behaupten wenigstens nicht, das zu haben, was sie vom anderen wollen. So sitze ich Stunde für Stunde so herum und warte. Warte darauf, daß mir jemand Geld in meinen schönen Hut wirft. 10 Groschen, 50 Groschen, manchmal sogar ein ganzer Schilling, oder ein halber, wenn jemand glaubt, besonders witzig zu sein. Fantastisch. Super. So werde ich noch reich - falls ich in 500 Jahren noch am Leben sein sollte.
20.15. Du meine Güte, schon so spät. Es wird Zeit, daß ich nach Hause komme. Viel habe ich nicht erbettelt. Mit den 30 Schilling kann ich keine großen Sprünge machen, aber ich bin ja nicht Hans Rosenthal. Ich habe wohl noch nicht den richtigen Schmäh heraußen. Morgen wird es sicher besser laufen. Das spüre ich, besonders in meinem verrissenen Kreuz. So schlendere ich gemütlich durch die Straßen und erreiche schließlich wieder meinen heimatlichen Wohnblock.
Ssssssssssssss. Was kommt denn da von oben her. Es ist ziemlich groß und wiegt auch schwer. Wie poetisch, denke ich noch, bevor der Dachziegel auf meinem Kopf landet.
Jetzt geschieht es doch. Irgendwann mußte dieses Ereignis ja doch eintreten. Warum also nicht heute? Keiner kann sich davon entziehen. Egal ob Straßenbettler oder Überlebenskünstler, ob Börsenspekulant oder Finanzhai. Jeder gibt einmal den Löffel ab, muß von dieser Welt abtreten, segnet das Zeitliche.
Ich sterbe. Still und heimlich. Ich weiß gar nicht, wie gerade mir das so schnell passieren kann. Als grenzenlos Zufriedener. Aber jetzt werde ich eines besseren belehrt.
Nun gut. Ich muß mich mit der neuen Situation wohl abfinden. Es bleibt mir im Moment nichts anderes übrig. Sterbe ich eben. Es wird nicht etwa finster um mich herum. Nein. Ich bin scheinbar bei vollem Bewußtsein, außer daß ich tot bin, als ich meinen geliebten Körper verlasse. Irgendwie habe ich ihn doch gern gehabt und er anscheinend auch mich, denn nur langsam läßt er mich los. Als ich es endlich geschafft habe, da sehe ich auf mein altes körperliches Ich hinunter, auf den jungen Mann namens Peter Grau - auf mich.
Da mir dieser Anblick nicht besonders gut gefällt, wer findet sich schon schön, wenn er seinen Kopf in zertrümmertem Zustand wahrnehmen muß, kunstvoll kombiniert mit verrenkten Extremitäten. Ich sicher nicht und deshalb ziehe ich es vor, mich auf dem schnellsten Weg davon zu machen.
Langsam steige ich höher und höher. Alles unter mir wird kleiner und kleiner. Es erscheint mir so, als ob ich leichter und leichter werde.
Obwohl ich gar nicht darum gebeten habe, werde ich plötzlich von unsichtbaren Händen gepackt, die mich sanft aber dafür um so nachdrücklicher in eine bestimmte Richtung ziehen und zerren. Was soll denn das? Eine helle Glühbirne, ein Lagerfeuer oder Gottes Glanz? Noch weiß ich es nicht, aber soll es bald erfahren. Zuerst werden mir aber noch in Cinemascope und unterstützt von feinstem Stereosound aus 10-Weg-Boxen alle möglichen Bekannten und Freunde und früheren Feinde vorgeführt, die, wie ich gerade, bereits gestorben sind. Mit jedem einzelnen wechsle ich ein paar Worte, frage ihn wie es ihm geht, was er so macht, wie es im Himmel denn normalerweise sei und so weiter und so fort. Eben ganz alltägliche und belanglose Dinge. Small talk. Ich habe gar nicht gewußt, daß ich schon so viele Leute gekannt habe. Aber was soll's. Es könnte mir schlimmeres widerfahren.
So komme ich diesem unbekannten Licht immer näher und näher. Ich habe es geschafft. Die weite Reise ist nicht umsonst ausgestanden. Ich habe die helle Lichtschranke, die ich schon von weitem erblickt habe und schließlich als offizielle Tür zwischen Diesseits und Jenseits identifiziert habe, ab jetzt gibt es kein zurück mehr, hinter mir gelassen. Was wird mich jetzt wohl erwarten? Diese Situation ist völlig neu für mich. Aber scheinbar nicht nur für mich. Denn plötzlich bemerke ich, daß ich von einem Engel, so vermute ich zumindest, betroffen angeblickt werde. Das macht mich ganz nervös. Hat er nichts besseres zu tun?
Doch, denn jetzt fängt er endlich zu sprechen an: „Guten Tag, mein Herr. Sie befinden sich im Himmel, Sektor 9495. Es tut mir leid, sie hier antreffen zu müssen. Es war nicht so geplant.“
„Von dem habe ich aber reichlich wenig“, wage ich mutig einzuwerfen.
„Das glaube ich ihnen. Es tut mir, wie bereits gesagt, wirklich aufrichtig leid. Wir haben das nicht absichtlich getan. Ich schwör's Ihnen. Es hätte eigentlich den alten Mann, mit dem langen weißen Bart und dem Krückstock hinter ihnen treffen sollen. Glauben sie mir bitte, daß keine böse Absicht dahinter steckte. Bitte! Aber es wird mir schon etwas passendes einfallen. Hmm. Lassen Sie mich einmal kurz überlegen. - Ja, so könnte es gehen. Ich schicke sie einfach wieder zurück auf die Erde. Unser Boß weiß sowieso noch nicht, daß sie hier sind, denn er hat besseres zu tun, als jeden Neuzugang sofort zu inspizieren. Wenn sie es ihm nicht sagen, wird er es auch nie erfahren. Machen sie sich bereit. Es geht los.“
Bevor ich noch irgend etwas sagen kann, schnippt er mit den Fingern und wie auf Befehl verschwimmt alles um mich herum. In Windeseile durchquere ich wieder die Lichtschranke, diesmal in die andere Richtung, rase wie ein geölter Blitz durch den Tunnel, sehe wieder meinen Körper und - autsch, geht es nicht ein wenig sanfter - bin ich wieder in mir drin.

Irgendwie glaube ich jetzt, daß ich meine gute Laune verlieren könnte. Ganz unter uns gesagt, stellen Sie sich vor, Sie liegen auf der Straße mit zertrümmerten Schädel, können sich nicht rühren, brabbeln sinnloses Zeug vor sich hin und alle machen nur einen weiten Bogen um Sie herum, weil man eigentlich gar nicht mehr am Leben sein dürfte, es aber doch ist.
Alle? Nein, der alte Mann mit dem langen weißen Bart und seinem Krückstock steht vor mir und zwinkert mir zu. Ihm habe ich das Leben gerettet und das stimmt mich wieder glücklich.
Wie bereits erwähnt: Ich bin ein Optimist.

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