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Als der Regen kam

Es war einmal - wie sollte ein Märchen wohl sonst beginnen - im Jahre zweitausendundsieben eine Erde, die von allen guten Geistern verlassen schien. Es wurde sinnlos gemordet, gestritten, gezetert und lustig die Umwelt zerstört. So aufregend und bunt, so wild und ekstasisch es dabei zuging, gefiel dieses Treiben den Menschen, denn sonst hätten sie ja nicht jahrelang so gehandelt, oder?
Umsonst tötete man nicht um des Glaubens willens, um des Geldes willens, um des Mordens willens. Umsonst stritt man nicht um des Glauben willens, um des Geldes Willens. Umsonst zerstörte man nicht, was einem nur geborgt wurde.
Papst Petrus II berechnete gerade den momentanen Wert seiner Aktien der Kondomfabrik namens „Oh ja! Ola.“
Schauplatzwechsel. Ein paar Etagen höher. Himmelsortszeit
einhundertfünfmilliarden-
neunhundertzweiundzwanzigmillionen-
dreihundertviertausendzweihundertundsiebzehn.
Alle Engel, Heiligen und sogar der Erzbengel Luzifer rannten geschäftig umher. Sie erwarteten ihren obersten Boß, der nach seinem ungefähr zweitausendjährigen Kurzurlaub wieder in die heimatlichen, geradezu himmlischen Gefilde, zurückkehren sollte. Alle freuten sich schon auf sein baldiges Eintreffen. Man wollte endlich wieder wissen, wo es langgeht. Die Himmelsbewohner vermuteten, daß möglicherweise das Erdenbürgerexperiment ein klein wenig außer Kontrolle geraten war. Aber es würde wohl wieder alles ins rechte Licht gerückt werden, wenn man endlich wieder klare Befehle entgegennehmen konnte.
Nur Luzifer sah der nahen Zukunft mit wachsender Besorgnis entgegen. Er fürchtete, daß er wieder in die Hölle zurück mußte, wo er vor lauter verdorbener Seelen sowieso keinen halbwegs ruhigen Platz mehr hinter seinem großen Ofen finden konnte, im Gegensatz zum dünn besiedelten Himmel, wo es zwar keine Feuerstelle gab und es deshalb empfindlich kalt war, dafür konnte man um so mehr Raum zum Ausspannen, Herumtollen, Purzelbaumschlagen oder Sternschupfen verwenden. Außerdem hatte er, wenn er es genau überlegte, die Hitze noch nie recht gemocht. -
Trari, trara, wer kam denn da herangebraust? Endlich war es soweit. Ein rasender Feuerwagen, der jedes Tempolimit schamlos zu nichte gemacht hätte, rauschte mit wahnsinnigem Karacho daher. Mit riesigem Getöse kam er näher, bremste erst im letztmöglichen Moment scharf ab, Gott liebte wohl einen gewissen Nervenkitzel, weil er bei einem Autounfall sowieso nicht sterben konnte und hielt schließlich schleudernd an. Die himmlischen Heerscharen stimmten ein Loblied an. Mit großem Pomp und ziemlich geschmeichelt stieg der Vater aller Väter, der oberste Boß und der Herrscher über alle Herrscher aus seinem zigtausend PS starken Feuerwagen aus. Behäbig drehte er sich nach allen Seiten um und ließ sich bejubeln und huldigen. Das tat so gut nach den Strapazen, die er in der letzten Zeit durchzumachen hatte. So eine intergalaktische Sightseeing-Tour schlauchte ganz schön.
An diesem Tag wurde dem Heiligen Vater in Rom ziemlich mulmig zu Mute. Er wußte aber nicht weswegen? Sollte er vielleicht doch sein Aktienpaket abstoßen, bevor es und er zum Teufel gingen?
Später, als sich der allgemeine Trubel im Himmel etwas gelegt hatte, nahm Gott einen Erzengel zur Seite und fragte ihn: „Was mag wohl alles auf der Erde geschehen sein, bei meinen geliebten Schützlingen, die ich euch in meiner unendlichen Güte anvertraut habe?“
Der Erzengel wurde noch kleiner, als er sowieso schon war - ihr müßt wissen, wenn man von einem Menschen nach seinem Tod den Körper subtrahiert, dann bleibt eigentlich nicht mehr viel übrig - und antwortete mit ängstlich-piepsiger Stimme: „Mein Herr, viele Dinge haben sich zugetragen, seit du auf Urlaub gegangen bist. Der elektrische Rasierer, die Atombombe und der Schokoladenpudding wurden auf der Erde erfunden. Aber trotz dieser enormen Leistungen der Menschen fürchte ich, daß der Versuch etwas außer Kontrolle geraten ist. Überzeuge dich doch selbst, mein Gebieter. Ich muß aber noch schnell etwas erledigen. Tschüs, bis bald! Etwa so in 10.000 Jahren sehen wir uns wieder.“
Gott erwiderte in nicht mehr ganz so guter Laune: „Bleib hier! - Soso, es gibt also Schwierigkeiten. Warum bin ich bloß fortgefahren, wenn man sich auf euch nicht mehr verlassen kann. Aber es ist nun einmal einiges geschehen und so soll es eben sein. Leider bin ich schon etwas älter und sehe deshalb nicht mehr so gut. Der Zahn der Zeit macht vor niemanden halt. Ich kann von hier aus nicht mehr richtig erkennen, was auf der Erde so alles von statten geht. Deswegen beauftrage ich dich, mein lieber Erzengel Michael, die Lage für mich auszukundschaften. Steig auf die Erde hernieder und stelle mir eine Liste zusammen, was dort unten gut und was böse ist. Ich werde mit Spannung auf deinen Bericht warten und dann entscheiden, ob eine neue Sintflut, ein kontinentales Erdbeben, der Einschlag eines mondgroßen Kometen oder etwas ähnliches Katastrophales, wie zum Beispiel auch eine allumfassende Kontinentalverschiebung oder 1.000.000 Vulkanausbrüche notwendig sein sollte. Und nun gehe!“
Der Erzengel Michael verbeugte sich tief. Kurz darauf schnappte er sich Papyrus und Schreibstift und machte sich auf den weiten Weg. Er breitete seine Flügel aus und hob sanft ab. Er wollte so schnell wie nur möglich die gewaltige Entfernung zwischen Himmel und Erde hinter sich bringen, weil da nichts war außer gähnende Leere und diese fand er ziemlich fad. - Endlich hatte er es doch noch geschafft. Der Erzengel Michael entschloß sich, in eine stabile Umlaufbahn um die Erde einzuschwenken. Ihm schien es wichtig, die Lage einmal von oben zu begutachten. Er wollte wissen, ob man gerade lang oder kurz, eng oder weit, rot oder grün trug. Die Mode wechselte bekanntlich immer schneller und man mußte stetig aufpassen, daß man keinen Trend übersah, und keine Pluderhosen trug, wenn für einen Tag hautenge Jeans angesagt waren.
So schlug er eine Erdumlaufbahn in einhundertundfünf Kilometer Höhe ein. Seinen überhypergalaktischen Schreibstift und das aufgerollte Stück Papyrus hielt er fest in der rechten Hand.
Was sollte denn das schon wieder bedeuten? Er zog entsetzt die Nase kraus. Welch unhimmlischer Duft schlug ihm da entgegen. Es roch irgendwie eigenartig. Der Grund dieses Phänomens war nicht sofort zu entdecken, da ihm eine rot-grün-gelb-blau-schillernde Wolkendecke die Sicht verwehrte. Der Erzengel entschloß sich deshalb, etwas tiefer zu fliegen, um dieser seltsamen Sache auf den Grund gehen zu können. Daß er beim Sinkflug eine Boing eintausendzehn knapp verfehlte, die ihm entgegen rauschte, störte ihn wenig, da Engel, im besonderen Erzengel unsterblich sind.
Schließlich war er unter die Smogdecke hindurchgetaucht, die bestialisch stank. Ein imponierender Anblick bot sich seinem Auge nun dar. Fabrikshalle um Fabrikshalle reihte sich keck aneinander und zahlreiche Schornsteine lockerten das Gelände auf. Dichte Rauchschwaden, in den schon vorher erblickten Farben, strebten dem blauen Himmel entgegen. Wirklich - eine überwältigende Aussicht. Das schrieb der Erzengel Michael sogleich als positiven Aspekt auf seine Liste auf. Die auftretende Geruchsbelästigung konnte man sicher leicht tolerieren, angesichts dieses prachtvollen, färbigen Schauspieles, welches sich hier wie von Geisterhand geschaffen, offerierte. Jetzt war nur noch die Frage zu klären, was denn die Fabrik erzeugte, die so vielen Menschen Arbeit gab, welche als Kontrollorgane hinter den Computern saßen. Panzerfäuste, Maschinengewehre, Granaten und sonstige Waffen waren zu sehen. Naja, dachte sich da der Erzengel, jeder hat so seine eigenen Ansichten bezüglich der Geburtenkontrolle. Ihm sollte es recht sein, denn Überbevölkerung tut sowieso nicht gut.
Zufrieden und weiterhin genau notierend tauchte er durch die Abgaswolken nach oben und setzte seinen Rundflug fort.
Nach nicht allzu langer Zeit wurde die Luft merklich besser. Man konnte sogar den Boden wieder klar und deutlich ausmachen. Aber schon wartete die nächste Überraschung auf unseren lieben und heiligen Erzengel Michael. Es erstreckte sich eine weite unbewaldete Ebene vor seinem Blickfeld. Baumstumpf um Baumstumpf bedeckten tausende von Quadratmetern - oder waren es Quadratkilometer? Er konnte das so schlecht abschätzen. Teilweise konnte man sogar noch Brandspuren erkennen. Was ihm besonders seltsam anmutete, war, daß eine Menschenmasse von ungefähr eintausend Leuten für irgend etwas demonstrierte. Neugierig geworden landete der Erzengel und mischte sich unauffällig unter das Volk. Dabei erblickte er einen großen, mächtigen Mahagonibaum. Diesen hatte er wohl vorher ganz übersehen.
Dieses Gewächs war der Grund für den ganzen Wirbel, denn er hörte jetzt Stimmen, die riefen: „Rettet den letzten Baum des Regenwaldes! Rettet den letzten Baum des Regenwaldes!“
Leute, die sich für das Überleben einer einzelnen Pflanze so eifrig und selbstlos einsetzten, konnten nur gut sein. Ihre Rufe hatten Erfolg. Nach kurzer Zeit zogen die Holzfäller ab, die den uralten Baum hätten fällen sollen. Die Masse brüllte begeistert auf. Unserem Erzrengel wurde ganz warm ums Herz und er notierte eifrig.
Dabei übersah er leider, wie die Holzarbeiter Maschinengewehre von ihrem Jeep holten.
Er hatte immer geglaubt, die Menschen hätten sich von Gott abgewandt und alles zerstört, alle seine Gebote verletzt und Verbote mißachtet. Aber hier wurde er eines Besseren belehrt.
Gestärkt durch dieses Freude erweckende Ereignis wollte er nur noch einmal Ausschau halten. Er verließ unbemerkt die tobende Menge und flog davon. Dabei konnte er nicht mehr sehen, wie die demonstrierende Masse von brüllenden und vollautomatischen Waffen brutal niedergemetzelt wurde. Statt dessen flog er munter weiter und erblickte im Vorbeihuschen hungernde Menschen.
„Furchtbar“, dachte er sich. Da will ich meine Augen schnell zumachen. Das will ich nicht sehen. Als er sie wieder öffnete, war über dem offenen Meer angelangt und siehe da, es gab schon wieder etwas Interessantes zu sehen. Ein Schiff kippte Getreide ins Meer.
Komisch ist das, dachte sich der Erzengel Michael. Ich habe gar nicht gewußt, daß man heutzutage schon am Meeresboden etwas anbauen kann. Aber gut ist es. Nur mit neuen Technologien kann man den Hunger auf der Welt besiegen.“
Daß das Getreide ins Meer geschüttet wurde, um den Weltmarktpreis zu halten, das konnte er natürlich nicht wissen. Woher auch? Er hatte nie eine Handelsschule besucht, wo man das lernte.
Nun hatte er genug gesehen. Zufrieden machte er sich auf den Rückweg und langte nach einiger Zeit wohlbehalten am Himmelsgewölbe an. Kurz und prägnant schilderte er seinem Gebieter die positiven Eindrücke, die er so eifrig gesammelt hatte. Doch sein Herrscher wurde immer trauriger und trauriger. Der Erzengel Michael konnte das nicht verstehen. Sollte Gottes unendliche Güte endlich ein Ende haben? Er wußte es nicht. Aber in seiner hohen Position durfte er sowieso nicht mehr denken, sondern nur mehr gehorchen. Deshalb machte er sich darüber keine weiteren Gedanken mehr.
Er sah nur, daß es am nächsten Tag auf der ganzen Welt heftig zu regnen begann und diesmal sollte es keine Arche Noah geben.

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