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Was geschah wirklich mit der Kettensäge

Es versprach ein wunderbarer Tag zu werden. Die Sonne hatte ihr hellstes Lichterkleid übergestreift, so daß man glauben könnte, sie hätte heute Geburtstag. Und es traf tatsächlich zu. Es handelte sich um den 20.495.938.112. Nicht gerade ein Jubiläum, aber trotzdem ein Grund zum Feiern. Deshalb shakte und rockte und rollte sie mit dem Mond um die Wette und stieß mit ihm auf die nächsten 20.495.938.112 Jahre an. Nur eines ärgerte sie ein wenig. Die Kolleginnen im All hatten alle ihre Einladung zur Geburtstagsparty nicht angenommen. Sie hatten wohl etwas besseres zu tun! Waren sich zu gut, um ihr ihre Aufwartung zu zeigen. Aber was soll's. Sie unterhielt sich auch ohne diese eingebildeten Feuerbällen blendend.
Währenddessen hinterließen die Düsenflugzeuge, die von all der ausgelassenen Stimmung nichts mitbekamen, schleierhafte, weißliche Kondensstreifen im tiefblauen Himmel. Die Kinder tollten fröhlich auf dem Spielplatz herum. Die Spatzen pfiffen von den Dächern, daß sie sich heute sauwohl fühlten und die Schweine suhlten sich im Schlamm und taten es auch - nein, nicht pfeifen.
Doch nicht jeder war wirklich glücklich. Denn in einem kleinen, verstaubten Laden, 3. Straße links, da stand sie. Eine große, schwere, benzinbetriebene Kettensäge. Das gelbe Ungetüm erwies sich als so gewaltig, so daß es nur von einem starken Mann (oder einer kräftigen Frau) in die Höhe gestemmt werden konnte. In vorderster Reihe, gleich hinter dem Schaufenster war sie plaziert, dort wo die Sonne mit einer noch nie gekannten Brutalität ihr ordentlich einheizte. Doch das erwies sich als noch gar nicht so schlimm. Viel ärger war, so glaubte unsere Freundin, daß es auf der Welt viel zu gewalttätig zuging. Im Norden warfen Rechtsradikale Spinner Molotowcoctails in Asylantenheime. Im Süden metzelten Serben einige Moslems nieder aber auch umgekehrt. Im Osten vertrieben die Irakis ein paar Kurden und im Westen soffen sich die letzten Indianer zu Tode. Woher sie das alles wußte? Von der öffentlich-rechtlichen österreichischen Rundrotfunkgesellschaft für Schwarzseher und -hörer, kurz ORF genannt. Jeden Tag schallten und schepperten ungebremst all die zahlreichen grausamen Meldungen aus dem billigen Kofferradio, welches in der hinteren Ecke des kleinen Ladens stand. Ihr, der Motorsäge, wäre es lieber gewesen, wenn sie das alles nicht mit anhören hätte müssen, so wie die drei kleinen Äffchen: nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen. Nur Dritteres war ihr vergönnt.
Doch halt! Da wurde sie jäh aus ihren tiefen, einsamen, dunklen und deprimierenden Tagträumen gerissen. Jetzt erst, als es bereits zu spät für eine erfolgreiche Flucht war, bemerkte sie den Mann: Groß, stark und vollbärtig. Vermutlich ein Holzfäller. Aha. Jetzt würde sie endlich erworben werden. Wurde auch schön langsam Zeit.
Super!
Es würde bald ihre Aufgabe sein, mächtige Baumriesen zu fällen, um den Menschen im Winter Wärme spenden zu können, oder um einen Tisch, einen Kasten oder ein Bett herzustellen.
Klasse!
Endlich würde die Kettensäge für etwas nützlich sein.
Spitze!
Sie freute sich schon wahnsinnig auf die Erfüllung ihrer wichtigen Bestimmung. Schließlich sucht jeder einen Sinn in seinem Leben. So auch sie und siehe da, der große Kettensägenmann, wie sie ihn im geheimen nannte und schier vergötterte, meinte es offenbar gut mit ihr, denn sie wurde wirklich von ihm gekauft.
Fantastisch!
Doch es kam ganz anders, wie sie kurz darauf mit Schrecken feststellen mußte. Das Schicksal spielte ihr wirklich grausam mit und das Kofferradio einen Trauermarsch.
Oje!
Der große, starke und vollbärtige Mann nahm sie, trug sie mit sich fort, aber nicht in den Wald, wie sie mit bemerken mußte, sondern in ein großes, modernes Betongebäude. Sie wußte nicht, was es darstellen sollte, das fremde Haus, oder was überhaupt mit ihr geplant war. Schließlich konnte sie nicht hellsehen. Vielleicht handelte es sich um eine Lagerhalle für Holz und Kettensägen? Sie würde es schon noch früh genug erfahren. -
- Sie bemerkte es früh genug. Jetzt lag sie in einem finsteren Kasten. Ihr Gefängnis unterband es, irgend etwas zu hören, geschweige denn, zu sehen. Nicht einmal die Greueltaten aus dem Radio konnte sie vernehmen. Sogar das wäre ihr jetzt recht gewesen.
Sollte sie weinen, weil sie alleine und einsam war?
Sollte sie lachen, weil ihr ihr Schicksal wie ein schlechter Witz vorkam?
Sollte sie sich ärgern, weil sie nichts gegen ihre jetzige Situation unternehmen konnte.
Sollte sie sich freuen, weil sie noch lebte?
Sie wußte es nicht.
Aber schließlich hatte man doch noch etwas anderes mit ihr vor. Ihr Schicksal durfte noch nicht als endgültig besiegelt betrachtet werden. Denn nach drei langen Tagen und noch längeren Nächten wurde sie wieder aus diesem Verlies herausgeholt. Bei dem edlen Retter handelte es sich wieder um den großen, starken und vollbärtigen Mann. Aha, jetzt ging es ab in den Wald.
Endlich!
Aber nein. Schon wieder wurde sie bitter enttäuscht. Man(n) legte sie wieder in ein Schaufenster. Doch eines war schon seltsam. Nach vorne war alles so ähnlich beschaffen, wie schon einmal gehabt: eine Straße, ein Gehsteig, einige Laternen, ein paar Häuserfassaden. Doch wo sich der Laden nach hinten fortsetzen sollte, da war nichts. Nein, das war auch nicht der richtige Ausdruck. Das Geschäft fand keine Fortsetzung. Nur die Frontseite war da. Dahinter befanden sich grelle Scheinwerfer, die das arme Ding so sehr blendeten, Kabel, einige Menschen und sonstiges technisches Zeug, von dem die Kettensäge aber keine Ahnung hatte, wozu man es verwenden konnte. Sie wollte und durfte sich aber auch keine weiteren Gedanken darüber machen, denn auf einmal hörte sie Schüsse.
Handelte es sich um einen Banküberfall?
Da sah sie ihn. Mit kräftigen, in den Hüften abfedernden Schritten kam er die Straße entlang. Er war klein gewachsen, schmächtig und hielt eine elegante und zuverlässige PANDA Selbstladepistole Model VX 9 mm mit Stahlgriffstück in der rechten Hand. Er drückte ein paarmal mit Eiseskälte ab. Insgesamt sechsmal donnerte es, doch er traf zum Glück niemanden. Dann machte es nur mehr klick, klick, klick. Er, vermutlich der Bösewicht, verfolgte eine Gruppe von Leuten. Diese waren aber nicht bewaffnet. Das konnte nur unfair sein. Doch jetzt, wo er seine ganze Munition verschossen hatte, da witterten die Verfolgten wieder eine Chance. 3 Frauen und ebenfalls so viele Männer konnten sich gegen einen Wahnsinnigen schon wehren.
Das hatte sie sich aber nur so gedacht. Was tat er denn da plötzlich? Die Kettensäge wurde bei ihren - das mußte sogar sie zugeben - interessanten und aufregenden Beobachtungen gestört, denn der böse Mann schlug mit dem linken Ellbogen das Schaufenster ein. Wie auf Kommando fing eine Alarmanlage zu heulen an. Warum wurde er denn von niemanden aufgehalten? Warum nahm ihn keiner fest? Schlief die Polizei? Dann packte er unsere arme Freundin. Er hatte mehr Kraft in seinen Armen, als sie zuvor vermutet hatte, denn er wuchtete sie ohne Probleme in die Höhe. An die Ereignisse, die folgten, würde sie noch lange denken müssen. Ein Trauma, das verzweifelt seinesgleichen suchte, aber nie fand, wurde in die Welt gesetzt. Man setzte sie in Betrieb. Sie ratterte und rasselte vor sich hin und wurde dann sogleich zwecks ihrer Bestimmung verwendet. Aber nicht so, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Es waren nicht Bäume, die sie fällte. -
- Sie konnte einfach nicht weinen. Aber seit wann waren Kettensägen schon dazu in der Lage? Jedenfalls sank sie in eine noch nie gekannte allertiefste Depression. Das durfte doch nicht wahr sein. Das konnte es einfach nicht geben. Anstatt den Menschen Wärme zu spenden, machte sie sie kalt. Anstatt ihnen eine tägliche Schlafstatt zu ermöglichen, beförderte sie die Opfer jetzt zur letzten Ruhestätte. War das Leben gerecht? Wohl kaum.
Aber sie konnte es nicht ändern. Nach dem kleinen Kettensägenmassaker wurde sie gewaschen und wieder in einen finsteren Kasten gestellt. Dort konnte sie jetzt ihren schwarzen Gedanken für die nächste Zeit in aller Ruhe nachhängen. So lungerte sie viele Wochen in ihrem düsteren Verlies herum. Bestrafte man sie dafür, was sie angerichtet hatte mit Dunkelhaft? Sie wollte das grausame Massaker doch gar nicht. Aber das zählte wohl nicht. Sie wurde zu dieser unmenschlichen Handlungsweise gezwungen.
Doch da nahte bereits die Rettung. Der Kasten wurde aufgerissen, unsere Freundin herausgenommen, gerade von diesem Widerling, dem sie die ganzen Probleme zu verdanken hatte, und ins Freie hinausgetragen. Zuerst konnte sie gar nichts sehen. Der grelle Sonnenschein stand in einem zu großen Kontrast zu der Schwärze, die sie in den letzten Wochen umklammert hielt. Doch als sie sich wieder an die fast überall vorherrschende Helligkeit gewöhnt hatte, da sah sie etwas höchst Sonderbares. Eine Gruppe von Leuten, ihr Peiniger, die Abgeschlachteten, der große, starke und vollbärtige Mann und noch viele andere, wandelten in einer Art Triumphzug die Straße entlang. Menschenmassen jubelten ihnen zu. Die liebe, große, gelbe Kettensäge verstand die Welt nicht mehr. Was ging hier eigentlich vor? Warum feierte und huldigte man diese Gruppe. Die Lebendigen wie auch die Toten.
Am Abend sollte sie dann die Antwort auf ihre wenigen Fragen bekommen. Denn jetzt wurde sie nicht mehr in ihr finsteres Gefängnis zurückgebracht, sondern in einem weitläufigen hellen Saal mit Glanz und Gloria ausgestellt. Da sah sie auch viele andere interessante Dinge wie einen riesigen zig-Meter hohen ausgestopften Affen, aufgebaute Häuserfronten, einen Dinosaurier, eine in einem Ehering eingebaute Kamera und andere Requisiten, die eigentlich in einen Film gehörten, aber nicht hierher. Doch wenigstens gab es hier wieder ein Radiogerät, das durch 4 Lautsprecher feine Musik verteilte. - - Gong. 10 Uhr. Der österreichische Rundfunk sendet Nachrichten. Österreich. Nach langer Zeit erhielt wieder einmal eine heimische Produktion zahlreiche Oscars. Ausgezeichnet für die beste männliche Hauptrolle wurde Johann Massaker für seine exzellente Darstellung in „Warum kam es so“. Als beste weibliche Nebendarstellerin konnte Maria Stu-Art-Mafioso glänzen. Die gelungenste Filmmusik des Jahres für das unvergeßliche Jahrhundertkunstwerk, wie es von zahlreichen Kritikern aus dem In- und Ausland bereits genannt wird, stammt von der Hardrockgruppe Mariandl. Übrigens, der frischgebackene Oscarpreisträger für Drehbuch und Regie, ebenfalls Johann Massaker, kann sich höchstwahrscheinlich auch über eine Nominierung für den Literaturnobelpreis erfreuen. Kurz vor dem Ende des glorreichen Monuments wird die Gewalt mittels eines Gedichtes, welches gerade durch seine Schlichtheit besticht, aufs entschiedenste verurteilt. Ich zitiere:
„Gewalt - halt!“
Näheres über die Oscarnacht und ihrem herausragenden Preisträger bringen wir im Mittagsjournal um 12 Uhr.
Peking ...“
Der Kettensäge war es jetzt endgültig zu bunt. Was sollte das bedeuten? Wie konnte man solche Greueltaten nur gut heißen? Wie war es möglich, daß man dafür noch ausgezeichnet wurde? Sie hatte zwar endlich begriffen, daß sie gar niemanden umgebracht hatte, sondern nur in einem sozialkritischen Fleischhackerfilm mitgespielt hatte, aber trotzdem, so konnte es doch nicht weitergehen. Wo blieben da die guten, alten Moralvorstellungen? Gut und böse, schwarz und weiß. Alles verschwamm zum diffusen Grau. Doch was half das ganze Zetern und Jammern. Sie konnte es auch nicht mehr ändern. Aber sie wollte solche Machenschaften nicht mehr unterstützen. Nein, das war nicht ganz ihr Stil. Deshalb blieb ihr nur noch eine akzeptable Lösung.
Die Endgültige.
Die Unwiderrufliche.
Selbstmord.
Mit ihm wollte sie ihrem Protest nachhaltig Ausdruck verleihen. Was hatte sie auf dieser Welt denn noch verloren?
Aber wie bringt sich ihresgleichen um? Sollte sie sich aufhängen, die Pulsadern aufschneiden, erschießen, oder was? Nein, das ging natürlich alles nicht. Sie war schließlich kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine Kettensäge aus Metall und Benzin. Bei ihr konnte das alles nicht funktionieren.
Da fiel sie plötzlich von der Glasplatte auf den einen Meter unter ihr befindlichen Boden und gab innerlich gebrochen für immer den Geist auf.

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