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Ein Tag wie jeder andere

Man schreibt Dienstag. Ein ganz normaler Tag, eben wie jeder andere. Der Wecker dröhnt noch mit einem Nachhall in meinen Ohren, als ob ich zu einem Zwerg geschrumpft wäre und dann zwischen den Zahnrädern ein gemütliches Plätzchen gesucht, aber nicht gefunden hätte. Schon wieder muß ich aufstehen. Dem sadistischen Morgen fällt auch nichts Neues mehr ein.
Mühsam wälze ich mich aus meinem warmen Bett, schlurfe schlaftrunken zum WC, Bad und schließlich in die Küche. Ich mache mir einen extrastarken Kaffee zum Aufwachen, trinke zwei Tassen, falle aber fast noch einmal um. Trotzdem: Zusammenreißen, Zähne zusammengebissen, einen Urschrei ausstoßen: „Uahaauahu“ - Es wäre doch gelacht, wenn ich nicht auch diesen Morgen bezwingen könnte. Aber ich kann nicht einmal grinsen. -
Ich habe es geschafft! Angezogen, geschnäuzt und gestriegelt stehe ich vor dem Spiegel, der mir gnadenlos einen Gegenüber zeigt, der eigentlich nichts mit mir zu tun haben kann, es aber trotzdem behauptet, weil er genauso ausschaut wie ich und alle meine Bewegungen täuschend echt und sogar ziemlich zeitgleich nachahmt, nur er ist eine Spur schneller als ich. Der neue Anzug, Marienkäferlook nennt man das, steht mir wirklich gut. Ich muß mich selbst loben, weil sonst ist ja keiner da, der es tun könnte. Noch ein letzter kontrollierender Blick in die Wohnung, dann das Stiegenhaus hinunter, wobei ich mich fast verstolpere und bei der Haustür hinausgeflitzt, bevor mich die Hausmeisterin sieht, die sich regelmäßig über mich bei Gott und leider auch bei der Welt aufregt, weil ich den Müll nicht trenne.
Pfui, wie es da wieder stinkt. Heute scheint es den 143. Smogalarm in diesem Jahr zu geben. Jetzt höre ich die Lautsprecherdurchsage: „Die Gemeinde ersucht sie wegen der Überschreitung der Schadstoffgrenzen im Interesse der gesamten Bevölkerung, Ihr Auto, wenn möglich, zu Hause zu lassen.“
Dabei handelt es sich natürlich nicht um eine Bitte, sondern um einen nüchternen Befehl, wie die überfüllten Gefängnisse beweisen. Jeder weiß das. Nur ich offenbar nicht, denn ich steige in meinen Flitzer ein, versuche ihn zu starten, es gelingt mir aber nicht, da vermutlich die Zündkerzen im Eimer sind. Da ich im Moment zu faul bin, noch einmal ins Haus zurück zu gehen und sie aus dem Kübel wieder herauszufischen, um sie dann in mein Auto einzubauen, ringe ich mich zu einem zähen Entschluß durch: Ich überwinde die 500 Meter bis zu meinem Arbeitsplatz eben zu Fuß.
So ein Spaziergang an der frischen Luft soll ja bekanntlich ganz gesund sein. Das haben zumindest meine Vorfahren immer behauptet. Ich gehe durch die Straßen, schiebe lustlos Papierstücke, Dosen, Flaschen, Zigarettenstummel und Altbatterien mit dem rechten Fuß beiseite und erreiche schließlich meinen geliebten Arbeitsplatz. Na ja, geliebt ist vielleicht ein bißchen übertrieben. Aber was soll man machen. Es gibt inzwischen nur noch diesen einen Dienstgeber in der nächsten Umgebung. Diese vielen kleinen Geschäfte und Betriebe, die früher einmal hier noch ihr Leben fristeten, gingen entweder in Konkurs oder sie wurden von einer größeren Firma unter dem Vorwand ‚Jobsicherung' aufgekauft und dann stillgelegt.
Mutig betrete ich das Bürogebäude, neben dem gleich die Fabrik steht. Der Portier wünscht mir einen Guten Morgen, so, daß man glauben könnte, seine Wohnung wäre abgebrannt. Ich will ihn gerade fragen, ob meine Vermutung stimmt, als mir einfällt, daß er jeden Tag so grantig dreinschaut. So gehe ich mit einem knappen „Grüß Gott“ an ihm vorbei, steige in den Panoramalift und schwebe in den fünften Stock. Dort erwartet man mich schon sehnsüchtig. Ich bin nämlich Vertreter von Kunststoffchristbäumen und Kunststoffhüten.
Dazu sollte ich noch folgendes erklären. Unsere Fabrik, den Namen unseres Unternehmens darf ich hier leider nicht preisgeben, weil das unbezahlte und somit verbotene Werbung wäre, erzeugt im Sommer Christbäume aus PVC. Man will damit den nur noch spärlich vorhandenen Wald schonen. Die heurige Modefarbe wird rosarot sein. Macht sich gar nicht so übel. Ein solches überaus schmuckes Ding wird sicher auch in meiner Wohnung irgendwo seinen Platz finden, wie schon all die vielen Jahre zuvor und wenn es auch nur im Abstellkammerl hinter dem Weihnachtsbaum vom vorigen Dezember sein sollte. Es ist wohl klar, daß ich diese künstlichen Gebilde in der Vorweihnachtszeit zu verscherbeln versuche, im Gegensatz zu den Kunststoffhüten, die im Winter erzeugt und im Sommer ab- und aufgesetzt werden. In der Zeit, während der ich also nicht als Verkäufer tätig bin, habe ich frei. Unbezahlter Urlaub. Das hat die Einheitsgewerkschaft für mich erkämpft. Im Frühling und im Herbst produzieren wir auf Teufel komm raus Sauerstoff aus Wasser. Dieser, der Sauerstoff wird an den Staat verkauft, der in jedes Haus eine Sauerstoffgasleitung legen läßt, damit uns er, der Teufel, nicht holt. Dabei handelt es sich natürlich nur um eine Vorsorgeaktion für die Kinder und die älteren Mitmenschen. Das Nebenprodukt Wasserstoff wird für Wasserstoffbomben verwendet. Man darf schließlich nichts verkommen lassen, wo Recycling mehr als nur ein Modewort ist.
Ich bekomme also eine Menge Hüte in die Hand gedrückt und verlasse das Gebäude. Danach steige ich in meinen tannengrünen Firmenwagen, den ich auch bei Smogalarm ohne Gewissensbisse verwenden darf, obwohl er auf 100 km im Durchschnitt beachtliche 7 l Benzin verbraucht. Dieses Privileg steht nur den Angestellten meiner Sauerstoffabrik zu, weil sie, die Fabrik, so wichtig für uns alle ist. Ich düse los und schaue mich nach potentiellen Kunden um, die zuviel Geld haben. -
- Endlich neigt sich der Arbeitstag seinem unerbittlichen Ende zu und ich bin an demselben. Das Geschäft ist heute wirklich nicht gut verlaufen. Niemand hat heute zuviel Geld besessen. Nicht einmal die Stammkunden, die alten Leute, die mir ansonsten meine Hüte nur abnehmen, damit ich mit ihnen rede und ihnen somit ein wenig die Einsamkeit vertreiben helfe, haben mir eine Kopfbedeckung abgenommen.
- Jetzt ist es 10 Uhr abends. Ich sitze gerade am Küchentisch und verfasse einen Brief - mein Kündigungsschreiben. Ich werde mich bei der Weltraumbehörde bewerben. In den Abendnachrichten wurde nämlich bekannt gegeben, daß ein neuer, wunderbarer, blauer Planet entdeckt wurde. Es werden Leute gesucht, die dort ein neues Leben beginnen wollen.
Mit der Natur auf Du und Du.

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