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Von Murmeltieren und anderen fabelhaften Ereignissen

Fantastisch ist es beinahe. Oder doch praktisch fanatisch? Wie die Lemminge hasten die Lohnsklaven mit griesgrämigen Wachsgesichtern durch den Wiener Untergrund. U-Bahnen bahnen sich ihren Weg unter Stefans Platz ins persönliche Glück des zombiegleichen Vergessens der Arbeit. Die Handytelefonierer dieses kleinen Weltausschnittes handeln wie in Trance, erobern sich ihren Weg wie Dodel düdelnd, scheppernd, gurrend, maunzend, tönend, flüsternd oder doch mit erhobener Stimme wortreich und willens nicht klein beizugeben durch den gut markierten Personentransportbereich. Und Manfred ist mittendrin. Die Rolltreppe rollt mit ihm hinunter und er rollt mit den Augen wie ein müder rolliger Troll in Moll, weil er die Rollläden seiner Fenster und seines nicht gerade begeisterten Geistes noch gerne geschlossen gewusst hätte.

Montag

Er schaltet das Morgenradio ein. Wer? Manfred. Es ist 7 Uhr. Zeit für den ersten Morgenkaffee. Zeit für die ersten Meldungen des Tages. Er hört schlaftrunken zu, reimt sich noch etwas benommen folgende Geschichte zusammen.

Es geht wüst zu im Wüstenhaus. Wenn er nur wüsste, wie so etwas passieren kann. In dem einen Moment schlendert er noch durch das mediterran-trockene Gebiet. Hand in Hand mit seiner Partnerin passiert er Schneckenhäuser, Riesenameisen, Schlangen, Erdmulche und Riesenkakteen ohne dass zunächst etwas Ungewöhnliches passiert. Doch hinter letzteren hätten die beiden sich verstecken sollen. So ist es nicht unbedingt alltäglich, aber dennoch nicht verwunderlich, dass das Urlauberpaar entführt wird.

Dies träumt Manfred im Dämmerzustand. Das ganze Leben ist Illusion. Die Illusion ist sein Leben. Mit Lösegeld sind die beiden Entführten aus ihrer Gefangenschaft herauszulösen. Ja, er hat diese aufregende Story bereits in verschiedenen Abwandlungen aus seinen Lautsprechern tönen hören. Viele Details, die dem Erlebnis plastische Medienauthenzität verleihen sollen. Ein Fest für die Bösewichte. Manfred hingegen reagiert darauf beinahe schon unfestlich.

Dienstag

Irgendetwas treibt ihn dazu. Lieb gewordene Gewohnheit. Und ewig grüßt das Murmeltier. Schon vernimmt Manfred die ersten Worte des Nachrichtensprechers. Die heutige eilige, beinahe heilige Meldung zum Tag ist richtiggehend entspannend im Vergleich zu anderem, was ihm so tagtäglich unterkommt: Der höchste katholische Würdenträger besucht die derzeit bedeutendste Supermacht der Welt. Der Regent bauscht wie immer seinen weltpolitischen Einfluss auf, während der Papst die Massen beben lässt - vor Freude, vor Ehrfurcht, vor Furcht. Furchen der irdischen Vergänglichkeit haben sich in sein Gesicht eingegraben. Grob fahrlässig erscheint so mancher Glaubenssatz aus seinem Mund. War das der Aufbruch in eine neue Welt? Feste feiern möchte die kondomfreie und McJobs-verwöhnte Spaßgemeinschaft mit dem Pontifex. Keine faxen bitte, wenn Epochales gepredigt und ein neues himmlisches Zeitalter heraufbeschworen wird. Die Erlösung ist Nahe - und flugs ist die Zeit vorüber, der eilige Vater löst sein Flugticket in Richtung Europa und jettet engelsgleich nach Hause. Alle Wege führen nach Rom.

Mittwoch

Ein guter Tag beginnt mit gründlicher Information über das Tagesgeschehen. Daher betätigt Manfred den Einschaltknopf der Fernbedienung. Vom Standby in den aktiven Modus in 0,5 Sekunden - so rasch wie die Schüsse zwischen Autobahngangster und der Polizei hin- und herflitzen, die irreführend in Zivil auftritt. Gut, dass wir das jetzt auch wissen.

Donnerstag

Ruhig und gelassen drückt er auf den Einschaltknopf. Die ersten Worte tönen aus den Lautsprechern, die an der Wand montiert sind, während eine andere Wand nachgibt. Der Steilhang rutscht ab und mit ihm die Häuser an seinem Fuße. Die Bewohner sind ganz betreten und dann doch wieder trotzig. Obwohl der Berg vor ihnen da war, pochen sie auf ihr legitimes Zuwanderungsrecht.

Freitag

Tatsächlich. Es ist wieder so weit. Zeit zum Aufstehen, um sich kurz darauf mit den ersten Informationen zum Tag zu versorgen. Manfred hört nur mehr beiläufig zu - eine gewisse Reizüberflutung hat sich bei ihm eingestellt:
- Klimawandel
- Hungersnot
- Lebensmittel für Sprit, Raps für die Welt
- korrupte Regierungen
- Wirtschaftskrise
- egoistischer Westen
- wilder Osten.
Langsam reicht es ihm als mündiger Vertreter des reichen Reiches Öster. Doch was soll's. Hochkulturen und Phasen des Niedergangs wechseln sich im Jahrhundertrhythmus ab. Manfred fühlt sich auf der Butterseite des Lebens recht wohl, auch wenn die Gesellschaft manchmal darauf auszurutschen droht. Dann heißt es eben nichts hören, nichts sehen, nichts sprechen, nichts fühlen und die Welt ist wieder in Ordnung. Lasst uns feiern.

Samstag

Am Anfang denkt Manfred noch nicht viel nach, 5 Minuten später auch nicht - und so vernimmt er um 9 Uhr die Morgennachrichten. Angesichts vieler beunruhigender Vorkommnisse mutet der Kurzstreik in einem Industrieland wie eine Vogelkehrseitenausdünstung an. Kurz mal ein unangenehmes Schnuppern, dann aber doch ein eher bedeutungsloses Ereignis - nicht einmal geeignet fürs Sommerloch - und - was kümmert ihn diese Meldung an einem Samstag ... da freut er sich lieber auf das nahende, viel beklatschte Sportereignis.

Sonntag

Gustav Gans kennt sie wohl nicht. Diese beinahe schon lieb gewordenen und doch besorgniserregenden Morgenmeldungen. Manfred weiß über alles Bescheid und lauscht andächtig. Nicht einmal eine Schale Reis können sich die Ärmsten der Ärmsten oft leisten - ganz vom Glück verlassen. Dann fegt auch noch dieser Zyklon über ein diktatorisch beherrschtes Land hinweg. Will Manfred da noch länger hinsehen? Katastrophenhopping. Durchaus üblich in der heutigen Zeit. Gestern noch Kindesmissbrauch, heute ein Wirbelsturm oder Erdbeben, morgen schon vergessen. Ein Actionheld, der mit seinem heißen Schlitten nicht ganz so galant im Gardasee landet. Schon droht er zu ertrinken, er wird gerettet. Ein Moderator lacht mit Schadenfreude und startet den nächsten Happysoundsong.

Montag

Es herrscht ein Geschnatter wie bei einer Cocktailparty im Ententeich, gar Entenreich. Klaas Klever wäre begeistert gewesen, Dagobert Duck entsetzt angesichts der inflationären Verschwendung der Sätze. Worte im Spiegel der Zeit. Zeitgemäße Ausdrücke im Spiegel, in der FAZ oder auch in der Bild-Zeitung. Oder doch nur dargebracht vis-a-vis der glänzenden Scheibe im nächsten Café. Da befindet er sich auch. Manfred. Was bildet man sich ein, unabhängig zu urteilen? Egal, wie viele Freds dieses oder jenes Thema im Internet behandeln. Unabhängig davon, was die Nachrichtensprecher im Stundentakt von sich geben. Reizüberflutung durch die Medien, Plakatwände, Handytelefonierer. Kann man dem gar nicht mehr entkommen? Und so hastet er wieder nach Hause. Es widert ihn an. In Manfred haust ab jetzt der Gedanke alles zu ändern - zumindest für sich selbst.
In diesem Moment passiert er den Ausgang, stürzt die Straße entlang, langt immer wieder nach seinem Glücksstein in seiner linken Hosentasche. Nun hat er sein Ziel erreicht. Manfred reicht seinen Fahrschein einem Automaten dar. Dieser verschluckt diesen partiell, spuckt ihn dann scheppernd aus. Alles wirkt so alltäglich - und ist es auch. Die ca. 50jährige Frau, möglicherweise allein stehend, vielleicht auch Schwiegermutter, die auf der Bank sitzt und stoisch ins Leere stiert - in ihr persönliches Niemandsland. In ihre eigene bunte Traumwelt. Da, wo sie noch frei sein darf. Fantastisch ist es beinahe. Oder doch praktisch fanatisch? Wie die Lemminge hasten die Lohnsklaven mit griesgrämigen Wachsgesichtern durch den Wiener Untergrund. U-Bahnen bahnen sich ihren Weg unter Stefans Platz ins persönliche Glück des zombiegleichen Vergessens der Arbeit. Die Handytelefonierer dieses kleinen Weltausschnittes handeln wie in Trance, erobern sich ihren Weg wie Dodel düdelnd, scheppernd, gurrend, maunzend, tönend, flüsternd oder doch mit erhobener Stimme wortreich und willens nicht klein beizugeben durch den gut markierten Personentransportbereich. Dauertelefoniererinnen, die ihn am neuesten Friedhofstratsch mit der besten Freundin kostenlos teilhaben lassen. Und Manfred ist mittendrin. Wenn er das nicht mitgehört hätte, dann hmm. Er fasst einen Entschluss.
Er hastet an einer Japanerin vorbei. Blumenmantel. Blumentasche. Ein ungewohnter Anblick. Jedoch keine Zeit zum Nachdenken. Aus den Augenwinkeln heraus beobachtet er einen Drogendeal am Bahnsteig. Er summt im Geiste eine Melodie, bewegt still die Lippen dazu: Heroinspaziert, heroinspaziert.
Manfred kommt nach Hause. Vielerlei Gedanken schlängen sich farbenfroh oder auch grell verwirrend wie ein lichtverstimmtes Kaleidoskop durch seine neuronalen Bahnen. Gedanken finden ihren Weg durch die graue Nervenzellenmasse, die überraschend bunte Bilder zu erzeugen vermag. Es zieht ihn magisch zu einen bestimmten Ort hin - beinahe gleitet er - und - wirft frisch, fromm, fröhlich, frei seinen Radioapparat aus dem Fenster. Einen zweiten Lösungsweg hat er auch noch parat. Plan B sozusagen. Manfred greift in seine Werkzeugkiste, die für gewöhnlich ihr Dasein in der Rumpelkammer fristet, schlüpft zurück in seinen Lieblingswohnraum -
Just in diesem Augenblick trifft sein Hammer das Auge zur medial aufbereiteten, virtuellen Welt des kleinen Bürgers. Ganz groß fühlt er sich dabei, wächst über sich hinaus, als die Mattscheibe ein letztes Mal Funken sprühend aufblitzt. Er hat seine eigene, individuelle Lösung gefunden. Dann tut er es - als ob nichts weiter sei. Denn - nichts währt ewig und bevor er für immer in diesem Nichts aufgehen wird, nutzt er die Gunst der Stunde, gönnt sich diese Auszeit. Eint sein Hinterteil mit einem Korbstuhl, lässt sich also in seinen Lieblingssessel niedersinken. Manfred schlägt einen Heileweltroman auf, vertieft sich in seine Kitschgeschichte und schätzt sich endlich glücklich.

Er hat seinen inneren Schatz, seinen persönlichen Feiertag gefunden.

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