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Der kleine Wassertropfen

Es gab da einmal einen kleinen Wassertropfen. Klein, rund und nach oben hin verengt. Eben wie alle anderen auch. Er existierte damals noch nicht lange, aber weil er nun einmal geschaffen worden war. Man konnte ihn jetzt einfach nicht mehr verleugnen. Das war die nicht zu verändernde Wahrheit, denn dieser eine, kleine Wassertropfen würde jetzt für immer einem anderen Kollegen den Platz wegnehmen. Ihn störte dieser Umstand natürlich nur wenig, weil er ja da war und der andere hatte eben Pech gehabt. So einfach war das. Der stärkere setzte sich immer durch.
Wo befand er sich eigentlich? Diese Frage ist von äußerster Wichtigkeit. Denn einem jeden einzelnen Menschen kann es auch nicht egal sein, ob er gerade im Bett zu Hause schläft, Schrauben an einem Fließband in ein Werkzeug eindreht oder in einem sinnlosen Krieg durch eine Kugel getroffen und getötet wird.
Hier kommt des Rätsels Lösung: Unser kleine Wassertropfen schwebte gerade im siebenten Himmel. Naja, vielleicht war es auch nur der sechste. Jedenfalls befand er sich inmitten vieler anderer Kollegen hoch oben inmitten einer riesigen Wolke. Er fühlte sich geborgen. Es war so angenehm, einfach dahinzuschweben. Nichts konnte einem stören.
Oder doch? Denn plötzlich wurde er aus seiner Verträumtheit gerissen und somit aus seinen heimatlichen Gefilden. Er hätte geschrien, wenn er nicht stumm gewesen wäre. So konnte er nur hoffen, daß ihm nichts passieren würde. Eigentlich ein sehr unrealistischer Wunsch. Stellen Sie sich vor. Sie würden im freien Fall 2000 m in die Tiefe stürzen. Übrig bliebe nicht einmal ein - ich will's mir gar nicht vorstellen. Aber keine Angst. Wassertropfen ergeht es da ein wenig anders. Obwohl unser kleiner Freund wahnsinnige Angst hatte, geschah ihm nichts. Würde jeder Wassertropfen aufhören zu existieren, wenn er vom Himmel herunterfällt, dann wäre das eine schöne Katastrophe für uns. Alles würde austrocknen und verdursten. Nachdem er die 2000 m im freien Fall überwunden hatte, schlug er hart auf der Erde auf. Er trug dadurch zwar einen gehörigen Schrecken für sein ganzes Leben davon, aber er überstand es heil. Doch was geschah denn da? Anstatt sich jetzt ausruhen zu können, versickerte unser kleine Freund im Boden. Er konnte sich nicht wehren. Immer tiefer und tiefer sank er. Bald hatte er die stark erodierte Humusdecke durchstoßen, durchquerte noch die Sandschicht und kam schließlich zum Stillstand. Festes Gestein tief unter der Erdoberfläche verhinderte ein weiteres absacken. Doch mit diesem Los war der kleine, arme Wassertropfen nicht zufrieden. Hier im Dunkeln, wo es so eng und dunkel war, konnte man nicht glücklich werden. Da halfen auch nicht die anderen Millionen Kollegen, die mit ihm in diesem Gefängnis eingesperrt waren. Da verstärkte sich nur noch mehr seine Klaustrophobie.
Wie sich kurz darauf herausstellte, war die Lage gar nicht so ausweglos, wie zuvor vermutet. Im Leben ist es oft so, daß etwas fürchterlich wirkt, aber im Nachhinein betrachtet auch eine positive Komponente inne hat. Denn er bemerkte plötzlich, daß er sich doch ein wenig fortbewegte. Zuerst war ihm das gar nicht aufgefallen, weil der Weitertransport so langsam vor sich ging. Doch jetzt ging es immer schneller und schneller. Außerdem fiel ihm auf, daß sich immer mehr Leidensgenossen rings um ihn herum ansammelten. Das freute ihn über alle Maße. Noch mehr in Entzückung geriet er, als er plötzlich in der Ferne etwas Helles schimmern sah. Zuerst war es nur ein ganz schwacher Schein in weiter Ferne, der aber immer stärker und stärker wurde. Endlich konnte der Wassertropfen erkennen, daß es sich um eine Öffnung hinaus ins Freie handelte. Er befand sich inmitten einer kleinen Gebirgsquelle, die hier ihren Anfang hinaus in die freie Natur finden sollte. Unser kleiner Freund war überglücklich. Endlich wieder Licht, denn die Sonne strahlte fröhlich vom tiefblauen Himmel. Keine Smogdecke verwehrte die Sicht.
Eine kurze Schrecksekunde mußte er noch durchstehen. Ein paar Wanderer, die dieses schöne Wetter schamlos ausnützten, machten gerade an dieser Quelle Rast. Vom weiten Weg waren sie durstig geworden. Sie stillten ihr Begehren nach Trinkwasser an der kleinen Quelle, die da lustig aus dem Felsen heraussprudelte. Sie schöpften mit Plastikbecher Wasser und tranken es. Diesen Vorgang bereuten die eingefangenen Wassertropfen bitter. Denn im Körper eines Menschen wurden sie zwar nicht getötet, hatten aber Schwerarbeit zu verrichten. Wer will schon riesige Lasten transportieren, sich von diversen Substanzen den Platz streitig machen lassen und noch mehr. Unser kleine Wassertropfen hatte unwahrscheinliches Glück gehabt. Er wurde zwar auch eingefangen, wie so viele andere, wurde aber im letzten Augenblick gerettet, als der Bergwanderer von einem anderen gestoßen wurde und der kleine Wassertropfen mit vielen anderen wieder die Freiheit fand. Sie fielen zurück in die Quelle und setzten ihren Weg erleichtert fort.
War das schön, so dahinzutreiben, geborgen inmitten vieler Kollegen. Er war richtig glücklich. Kein Ereignis konnte seine gute Laune trüben. Das dachte sich unser Freund. Aber erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Alles um ihn herum geriet in Hektik. Warum immer diese Eile, dachte sich der kleine Wassertropfen. Gemütlich geht es genau so gut. Aber was geschah denn da? Er selbst geriet in Panik. Er konnte sich gar nicht richtig wehren. Immer schneller und schneller ging die Fahrt. Der Grund war, das konnte er natürlich nicht wissen, Stromschnellen, die den großen Bach durchfurchten. Der kleine Wassertropfen wurde hin- und hergerissen, gerüttelt, geschüttelt, schlug kurz auf einem Stein auf, konnte zum Glück aber seinen Weg fortsetzen und hatte nach einigen bangen Minuten die beängstigende Stelle überwunden. Eines hatte er dabei gelernt: Wiege dich nie in Sicherheit. Sei immer wachsam. Darauf kam ihm aber ein anderer furchterregender Gedanke: Er war dem ganzen Treiben hilflos ausgeliefert. Er konnte den Lauf der Dinge in keine Weise merklich beeinflussen. Er, als kleinster Teil dieser großen Wassermenge, hatte nichts zu bestimmen. Bis jetzt hatte er nur wahnsinnig großes Glück gehabt, daß ihm noch nichts wirklich Ernstes zugestoßen war.
Er verfiel in tiefe Depressionen und ließ sich einfach weitertreiben. Daß inzwischen wieder Ruhe eingekehrt war und die Sonne noch immer in ihrem schönsten Lichterkleid glücklich vor sich hin strahlte, sah er nicht. Er bemerkte auch nicht die grünen Wiesen, die großen Felder und den kleinen Wald, den der Bach durchfloß. Er verschloß sich vor allen Schönheiten der Natur und torkelte hilflos am Bachbett traurig dahin. Doch jede Trauer muß einmal ein Ende haben und so kämpfte sich unser kleine Freund einen Weg nach oben zum Licht. Er wollte wieder sehen, was rings um ihn herum so vorging. Endlich hatte er es geschafft. Er konnte die Gegend, die ihn umgab, erblicken. Sie war so herrlich, so wunderbar, so einmalig. Seine ganze Lebensfreude kehrte wieder zurück.
Auf einmal beruhigte sich der Lauf des Wassers zusehends. Das, inzwischen zum Fluß angeschwollene, Gewässer kam fast zum Stillstand. Als Ausgleich verbreiterte und vertiefte sich das Flußbett radikal. Zuerst glaubte er, daß er sich in einem See befand. Er hatte schon einige gesehen, als er hoch in der Luft schwebte. Aber es war etwas anderes, wie sich nach langem Warten herausstellen sollte. Es handelte sich um ein Wasserkraftwerk, welches hier seinen Dienst versah. Dieser Umstand erfüllte den kleinen Wassertropfen nicht gerade mit Freude, weil es sicher nicht besonders angenehm war, durch eine Turbine gejagt zu werden. Diese wirbelte das kühlte Naß durcheinander, beschleunigte es, riß es durch den Kraftwerkskomplex hindurch und entließ es schließlich doch noch in die Freiheit.
Wozu die ganze Angst, dachte sich der kleine Wassertropfen. Es war doch alles halb so schlimm. Er beschloß, in Zukunft weitaus mutiger zu sein. Was konnte ihm denn wirklich ernstes geschehen, solange er im Fluß war. So machte er sich auf, die Gegend in Ruhe anzuschauen. Die Reise ging munter weiter. Er durchfloß Brücken, kam an einem lustigen Volksfest vorbei, hatte einen kurzen Aufenthalt in einem großen See und wurde plötzlich wieder aus seiner Verträumtheit gerissen.
Ein großer Gebäudekomplex schmückte die Landschaft. Es war eine langgezogene Halle mit einem hoch in den Himmel ragenden Schornstein. Aus ihm stieg dicker, nach Schwefel duftender Rauch, der die Luft ringsherum verpestete. War das der Ausgang der Hölle? Doch unser kleine Freund konnte sich nicht lange Gedanken über das Aussehen und der Aufgabe dieser Fabrik machen, denn er wurde auf einen anderen Mißstand aufmerksam, der wohl mit dem Werk in Verbindung stand. Aus einem großen Rohr floß eine schwarze, ölige und bestialisch stinkende Flüssigkeit, die mit Wasser nicht das geringste zu tun hatte. Was machte sie also hier? Sie hatte hier wirklich nichts verloren. Die gute Laune war mit einem Schlag verflogen. Ein Teilchen dieses Eindringlings versuchte sich an dem kleinen Wassertropfen zu klammern und ihn zu vergiften. In Panik geraten tauchte er in immer tiefere Gefilde , bis er fast schon das Flußbett erreicht hatte. Geschafft! Er war der unmittelbaren Gefahr entronnen. Doch nicht alle Leidensgenossen hatten so großes Glück gehabt, wie unser kleine Freund. Es war ein Trauerspiel zu beobachten, wie zahlreiche Tropfen von Teilchen dieser schwarzen Flüssigkeit befallen und vernichtet wurden. Es wirkte wie ein einseitiger Krieg. Doch das Leben mußte weitergehen und somit auch die Reise. Zum Trauern blieb keine Zeit.
Zum Glück mündeten immer mehr Bäche und kleine Flüsse in das zum mächtigen Strom angewachsene Gewässer. So kam wieder Leben in ihn und der kleine Wassertropfen konnte sich wieder an die Oberfläche wagen. Inzwischen sehnte er sich so sehr danach, wieder gegen den Himmel zu steigen und das verrückte Geschehen auf der Erde von oben beobachten zu können. So, wie es früher, vor langer Zeit einmal, war. Doch unser Freund mußte sich noch etwas gedulden. Vorerst sollte er die Reise mit dem mächtigen Strom fortsetzen.
In melancholischen Gedanken versunken trieb er in der Masse dahin und schließlich erreichte der große Fluß das Meer. Noch einmal wurde er lebhaft und ungestüm, beruhigte sich aber gleich darauf wieder und floß nun träge in den Ozean. Der kleine Wassertropfen nahm das ganze Geschehen gar nicht richtig wahr. Er glaubte nur, daß er jetzt für alle Zeiten in diesem überdimensionalen großen Meer gefangen sein würde und sich nie wieder an etwas erfreuen könnte.
Doch das Schicksal hatte noch einmal ein Einsehen mit ihm. Heiße Luft, erwärmt durch die fröhlich leuchtende Sonne hob ihn immer höher und höher, ließ ihn gegen den Himmel schweben. Mit ihm machten diese Reise viele seiner Freunde mit. Mit einem Mal war er überglücklich. Er durfte wieder in einer Wolke schweben, die Landschaft bewundern und einfach zufrieden sein.

Aber wie lange würde er wohl hier oben seine Ruhe finden, bevor er wieder auf die Erde, die er eigentlich nicht mehr sehr mochte, zurück mußte? Doch in diesem Augenblick war er glücklich und nur das zählte.

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